Linux Ubuntu 22.04: GNOME 42, Wayland als Standard und Snap-Ärger im LTS-Release

Canonical hat Ubuntu 22.04 veröffentlicht, mit GNOME 42 und Wayland als Standard. Prominente Anwendungen gibts erstmals nur noch im umstrittenen Snap-Format.

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  • Martin Gerhard Loschwitz

Wer die Linux-Welt verfolgt, weiß: Gerades Jahr und April künden von einer neuen LTS-Version von Canonicals Ubuntu Linux. Das ist auch 2022 nicht anders: Ubuntu 22.04 alias "Jammy Jellyfish" steht zum Download bereit. Für Desktop-Anwender ergeben sich in dieser Version einige interessante Änderungen, die das Grundsystem ebenso betreffen wie die grafische Oberfläche oder einige der meist genutzten Desktop-Programme wie Firefox.

Hinter den Kulissen hat Canonical die Basis von Ubuntu der üblichen Modellpflege unterzogen: Neben einem schon nicht mehr ganz frischen Kernel 5.15 erwartet Anwender die aktuelle Version von GNOME im Gespann mit der grafischen Umgebung Wayland. Die funktioniert in Ubuntu 22.04 erstmals auch für Nutzer des proprietären GPU-Treibers von NVidia und ist mithin nun der Ubuntu-Standard für alle gängigen Grafik-Chipsätze. Inkompatibilitäten zwischen Nvidias Treiber und Wayland hatten bisher dafür gesorgt, dass Nutzer von Systemen mit Nvidia-GPU weiterhin auf die ältere Variante der grafischen Oberfläche Xorg zurückgreifen mussten; diese Zeiten sind nun jedoch vorbei.

Derzeit führt das Ubuntu-Projekt auf der Webseite sieben offizielle Flavours.

Wer mit Linux 5.15 nicht glücklich wird, bekommt zudem absehbar die Möglichkeit, den Kernel 5.17 in Form eines "Hardware Enablement Kernels" (HWE) zu installieren, der dann allerdings nur mit sechs Monaten Support seitens Canonical statt mit fünf Jahren daherkommt. Sonst präsentiert Ubuntu 22.04 sich aktuell: Firefix 98, Thunderbird 91 sowie LibreOffice versorgen Anwender mit jeweils aktuellen Versionen der gängigsten Desktop-Programme.

Eigentlich wollte Canonical in Ubuntu 22.04 endlich den neuen Installer für Desktops ausliefern, den "Ubuntu Desktop Installer". Der ist bereits seit einer ganzen Weile in der Mache und soll das in die Jahre gekommene Installationssystem ersetzen -- zumindest auf Desktops. Denn in der Server-Variante setzt Canonical längst auf den generischen Installer Subiquity. Der soll eigentlich auch Desktops installieren, der "Ubuntu Desktop Installer" ist ein auf Flutter basiertes UI für Subiquity.

Wer sich durch die Installation von Ubuntu 22.04 klickt, begegnet allerdings noch immer der alten Installationsroutine. Immerhin kommt die mit einem neu designten Logo daher, und sie bügelt Ubuntu zuverlässig auf die Platte. Vorrangig nützlich wäre ein neuer Installer vor allem für Canonical, die neue Technologien besser einbinden und sich nicht mit einer Codebase herumschlagen müssten, die etliche Jahre alt ist. Für Ubuntu 22.04 hat Canonical das allerdings (wieder) nicht hinbekommen, so dass der Community der alte Installer zumindest in Ubuntu 22.04 fünf weitere Jahre erhalten bleibt.

Eine zentrale Neuerung in Ubuntu 22.04 ist zweifelsohne GNOME 42, das allerdings wie gehabt mit einigen Canonical-typischen Veränderungen daher kommt. Statt GTK 4 kommt als zentrale Grafikbibliothek weiterhin GTK 3 zum Einsatz, flankiert von GNOMEs Adwaita-Bibliothek, die das Aussehen zentraler Elemente des Desktops steuert. Das bedeutet auch, dass viele moderne Anwendungen für GNOME 42 nicht verfügbar sind, weil sie bereits auf GTK 4 basieren. Erstmals in seiner Geschichte bietet Ubuntu 22.04 dafür einen echten, desktopweiten "Dark Mode" an, der sich auch in einigen Details vom Nutzer konfigurieren lässt. Obendrein lässt sich eine Akzentfarbe festlegen, die dann etwa in Fenstertiteln oder Markierungen zum Einsatz kommt. Viele Neuerungen erbt Ubuntu 22.04 obendrein von GNOME 42, etwa die neue Anwendung zum Erstellen von Screenshots.

(Bild: Canonical)

Wer sich an Ubuntus Desktop-Versuch Unity erinnert, erinnert sich auch an die dort fest installierte, kaum konfigurierbare Startleiste am linken Rand. Seit dem Umstieg auf GNOME lieferte Ubuntu zwar eine GNOME-Shell aus, deren Startleiste allerdings ebenfalls am linken Rand erschien und in ihrer Größe nicht veränderbar war. Das ist in Ubuntu 22.04 anders: Der "Leistenmodus" lässt sich für die Startleiste nun explizit an- oder ausschalten, so dass die Leiste eine Optik ähnlich des Docks etwa von Xfce annehmen kann.

Fast schon zur Tradition sind Diskussionen rund um Snap bei jeder neuen Version von Ubuntu Linux geworden. Das dürfte sich in der Version 22.04 kaum ändern: Denn als populärste Anwendung liegt der neuen Ubuntu-Release Firefox erstmals nur noch als Snap-Anwendung bei. Zur Erinnerung: Snap ist Ubuntus Container-Format, das auf lange Sicht klassische Pakete ersetzen soll – vor allem erleichtert es dem Anbieter aber die Pflege von Software für seine Systeme. Denn ein fertiger Container lässt sich prinzipiell auf jedem System mit passender Laufzeitumgebung ausführen, also etwa auf Ubuntu 20.04 oder 22.02. Separate Pakete für unterschiedliche Versionen sind damit unnötig.

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In der Praxis krankt das Konzept allerdings an vielen Stellen. Einerseits hat Snap außerhalb der Ubuntu-Welt kaum eine relevante Verbreitung erreicht; hier spielt das Flatpak-Format eine deutlich größere Rolle. Und andererseits kommt es bei Apps in Containern zu manch unvorhergesehenem Problem.

Wer Firefox etwa zusammen mit dem Passwort-Manager Keepass nutzt, erlebt in Ubuntu 22.04 eine böse Überraschung. Denn das Keepass-Plugin für Firefox versucht, ein externes Hilfswerkzeug aus GNOME für die Passwort-Eingabe aufzurufen – aber das entsprechende Binary ist im Snap-Paket natürlich nicht vorhanden. Statt der eigenen Passwörter sieht man mithin lediglich eine Fehlermeldung. Weil Ubuntu 21.10 und früheren Versionen Firefox auch als klassisches deb-Paket beilag, ließ das Problem sich umschiffen. In Ubuntu 22.04 ist bereits deutlich mehr Aufwand nötig: Hier gilt es, das Snap-Paket komplett vom System zu werfen und sich ein passendes deb-Paket direkt bei Firefox zu beschaffen, wenn man das Snap-Paket nicht nutzen kann oder möchte. Auch mit der Veröffentlichung von Ubuntu 22.04 werden die Diskussionen um Snap also eher kein Ende finden.

In Summe präsentiert Ubuntu 22.04 sich für Desktop-Anwender als gelungenes Update mit überschaubaren Veränderungen. Dass das moderne Wayland endlich mit Nvidia-GPUs zu nutzen ist, dürfte Besitzerinnen und Besitzer von Nvidia-Grafikkarten freuen. Die Desktop-Verbesserungen, die vorrangig auf GNOME 42 zurückzuführen sind, erleichtern zudem die Anpassung des Desktops an die eigenen Bedürfnisse erheblich. Wer mit einer früheren Ubuntu-Version zufrieden ist, wird mithin auch in Ubuntu 22.04 einen guten "Daily Driver" finden. Das Update ist zudem gewohnt unkompliziert: Über die ohnehin vorhandene Software-Verwaltung lässt Ubuntu 22.04 sich problemlos einspielen, sowohl im Hinblick auf klassische Pakete als auch im Hinblick auf Snaps.

Die verschiedenen Ubuntu-Flavors wie Kubuntu und Xubuntu erscheinen zusammen mit Ubuntu 22.04 ebenfalls in aktualisierten Versionen. Sie teilen sich das Grundsystem, bringen aber eine eigene Installationsroutine mit und ermöglichen es so, Ubuntu gleich mit KDE- oder Xfce-Desktop zu installieren. Die offiziellen Release Notes finden sich hier, ISO-Images stehen über die Webseite zum Download bereit. (avr)