Ukraine-Krieg: Londoner Netzknoten stoppt Peering mit russischen Netzbetreibern

Zwei große Netzbetreiber können Datenverkehr nicht mehr über den Internetknoten LINX führen. Andere europäische Knoten lehnen solche Sanktionen weiterhin ab.

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(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)

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  • Monika Ermert
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Der Londoner Internetknoten LINX erlaubt zwei russischen Netzbetreibern nicht mehr, Verkehre über seine Plattform auszutauschen. Es handelt sich dabei um die staatliche kontrollierte Rostelecom und den russischen Mobilfunk Riesen Megafon. Die beiden anderen großen europäischen Knotenbetrieber DE-CIX und AMS-IX lehnen Sanktionen bislang ab.

Laut einer kurzen Notiz, die von Dritten über Twitter geteilt wurde, hat der LINX-Vorstand diese Woche entschieden, das Peering mit Rostelecom und Megafon einzustellen. Den Beschluss habe der Vorstand angesichts der Situation in der Ukraine und nach rechtlicher Beratung bezüglich sanktionierter russischer Personen und Organisationen getroffen. Man untersuche, inwiefern weitere Mitglieder des LINX mit Personen verbunden seien, die auf der Sanktionsliste stehen. Ein Sprecher wollte auf Anfrage zunächst keine weiteren Angaben machen.

An Internetknoten wie dem LINX tauschen Netzbetreiber aus aller Welt ihre Datenverkehre miteinander aus, um schnelle und stabile Verbindungen für ihre jeweiligen Teilnehmer zu sichern. Am LINX hängen laut Angaben des Knotens 950 einzelne Netze, sogenannte Autonome Systeme (siehe auch die heise FAQ zu Routing und ASN).

Rostelecom ist nach eigenen Angaben der größte Internetanbieter in Russland mit 11 Millionen Internetkunden. Der Netzbetreiber ist aus dem ehemaligen sowjetischen Staatsunternehmen SovTelekom und der Swjasinwest-Holding hervorgegangen. Rostelekom verfügt über das größte Backbonenetz in Russland. Megafon ist einer der größten Mobilfunkbetreiber in Russland mit rund 62 Millionen Kunden. Rostelecom-Präsident Mikhail Oseevsky und die Megafon-Teilhaber Michail Maratowitsch Fridman und Petr Aven stehen auf EU-Sanktionslisten.

Das russische Ministerium für Digitale Entwicklung teilte Medienberichten zufolge mit, dass die Maßnahmen des LINX keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit oder Qualität der Verbindungen der nationalen Provider habe. Eine Megafon-Sprecherin teilte demnach mit, die Partnerschaft mit LINX habe wegen sinkendem Trafficvolumen ohnehin beendet werden sollen. Rostelecom erklärte, die Firma habe sich alternativer Routen für den Austausch von Datenverkehr versichert.

Anders als die Londoner Kollegen verhalten sich bislang die Betreiber der Knoten in Amsterdam und Frankfurt. Beim DE-CIX, dem weltweit größten Internetknoten, sieht man sich als "Teil der globalen, neutralen Infrastruktur, die das Internet ausmacht", wie ein Sprecher mitteilte. "Wir sehen es als unsere Verantwortung, dieses offene, neutrale System verfügbar zu halten". Gerade in Krisenzeiten seien unabhängige Informationsflüsse essenziell. Der DE-CIX unterhält nach wie vor eine Partnerschaft mit dem Moskauer Internet Exchange, verfügt dort laut dem Sprecher aber über keine eigene Infrastruktur.

Ein Sprecher des AMS-IX erklärte gegenüber heise online, es habe eine lebhafte Diskussion innerhalb des AMS-IX und auch in der Runde der Internetknoten über die Sanktionspolitik gegeben. In Amsterdam neige man zur Haltung, dass das Internet auch und gerade in Krisenzeiten offen gehalten werden müsse. Ein Land oder eine Region von der globalen Kommunikation abzuschneiden sei "vermutlich kein Schritt, um den Krieg zu beenden", erklärte der Sprecher.

Einschränkungen der Internetkommunikatio könnten den Zugang der russischen Bevölkerung zu freien und vertrauenswürdigen Informationen einschränken, heißt es übereinstimmend von DE-CIX und AMS-IX. Man spiele Putins Idee von einem abgeschotteten Internet damit nur in die Hände, gab der AMS-IX-Sprecher zu bedenken. An der Abkapselung des Netzes hatte Putin mit seinem Ru-Net in den vergangenen Jahren gearbeitet, allerdings mit mäßigem Erfolg. Zuletzt hatte Russland in der vergangenen Woche nun die Direktive ausgegeben, eigene TLS Zertifkate zu nutzen, um der Sanktionierung von Webseiten etwa im Banking Sektor entgegenzuwirken.

"Ein Abschalten von russischen Netzen an unserem Knotenpunkt am Standort Frankfurt würde den Internetverkehr von und nach Russland nicht zum Stillstand bringen", heißt es vom DE-CIX. "Stattdessen würde er sich seinen Weg auf anderen, eventuell nicht neutralen und gegebenenfalls zu Propagandazwecken einfacher zu nutzenden Routen suchen." Die Betreiber des AMS-IX gehen davon aus, dass ein De-Peering an vielen westlichen Knoten und die Weigerung, russischen Transitverkehr durch die Netze zu leiten, das russische Internet mindestens stark ausbremsen und in letzter Konsequenz auch isolieren würde.

Zu den Providern, die russischen Diensten bereits den Dienst aufgekündigt haben, gehören auch die Backbone Provider Cogent und Lumen. Auch die Liste der Hardware- und Software-Unternehmen, die sich aus dem Land des Aggressors zurückziehen, ist lang. Dazu gehören unter anderem 5G Netzwerkausrüster Ericsson, Microsoft, SAP oder auch der Softwareanbieter Sabre, der bislang das Buchungs- und Ticketing-Backend für Aeroflot lieferte.

(bme)