Low-Code: Raus aus der Industrienische hin zur zentralen Business-Plattform

Low-Code und No-Code werden universeller und immer beliebter. Und dennoch werden hierfür Entwickler benötigt, wie ein aktueller Blick auf den Trend zeigt.

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(Bild: Everyonephoto Studio / shutterstock.com)

Von
  • Harald Weiss

Low-Code ist derzeit ein Top-Trend: Immer mehr Firmen nutzen Low-Code/No-Code (LC/NC), um vor allem den Fachkräftemangel bei Entwicklern abzufedern. Außerdem haben Unternehmen erkannt, dass „One Size Fits All“ bei den Anwendungen passé ist. Die Geschäftsabläufe sind in jeder Firma individuell und deshalb müssen auch die Applikationen diese Prozesse abbilden können. Hier hilft der Einsatz von LC/NC, um die firmenspezifischen Erweiterungen zu erstellen.

Die Marktforscher von IDC bestätigen, dass „der Einsatz von LC/NC ein effizientes Tool zur Entwicklung neuer Lösungsansätze ist“. So sagen 24 Prozent der von IDC befragten IT-Chefs, dass LC/NC das Implementieren individueller Geschäftsprozesse deutlich beschleunigt und vereinfacht. Allgemein wird erwartet, dass sich in diesem Jahr LC/NC auf breiter Front durchsetzen wird. Beispielsweise verweist die Siemens-Tochter Mendix auf ihre Community von 50 Millionen lizenzierten Nutzern. Über 230.000 Entwickler und mehr als 300 zertifizierte Partner haben im Jahr 2021 stolze 120.000 Anwendungen auf deren Plattform erstellt. Gartner prognostiziert, dass sich der Einsatz von LC/NC bis 2025 fast verdreifachen wird: Dann sollen 70 Prozent aller neuen Anwendungen auf LC/NC basieren.

Diese Entwicklung soll auch gravierende Auswirkungen auf die Struktur der Softwareentwicklung haben: „Die technologischen und organisatorischen Silos der Anwendungsentwicklung, wie Automatisierung, Integration und Governance werden mit dem LC/NC-Einsatz obsolet“, meint Gartner-Analyst Milind Govekar. Der neue Boom bei LC/NC zeigt sich auch daran, dass es eine lebhafte Startup-Szene gibt, zu denen unter anderen Next Matter, Bubble und Retool gehören.

Bislang war LC/NC überwiegend in speziellen Anwendungsnischen anzutreffen, wie im produktionsnahen Umfeld der Industrie – doch inzwischen entwickeln sich diese Systeme zunehmend zur zentralen Plattform aller Business-Anwendungen. Ein Beispiel dafür ist Pega Process Fabric von Pegasystems. Auf deren Umfang und Nutzung ging deren CEO Alan Trefler auf der jüngsten Pegaworld ausgiebig ein. Das System ist Teil der Cloud-basierten Pega-Plattform und dient knapp gesagt einer übergeordneten Verknüpfung bestehender Standard-Business-Programme, wie ERP, CRM oder HR. Trefler spricht von einer „Plattform für Plattformen“, mit der die bestehenden Silos aufgebrochen werden können, um so die Arbeit zu vereinfachen und die Benutzererfahrung für Mitarbeiter, Kunden und Partner zu verbessern. Aktuell hat Pegasystems mit der Übernahme von Everflow sein LC-Portfolio deutlich ausgebaut. „In Kombination mit unserer intelligenten LC-Plattform verbessert und vereinfacht Everflow die Geschäftsprozesse in großen und komplexen Unternehmen“, sagt Trefler über die Einbindung von Everflow.

Funktionsmäßig kombiniert Fabric die dynamischen APIs eines offenen UX-Frameworks, UI-Komponenten, Roboterautomatisierung und Datenvirtualisierung, um – wie es heißt – Konnektivitätslücken zu schließen. Das bedeutet, dass die einzelnen Komponenten unterhalb von Fabric weiterhin unabhängig voneinander arbeiten, nur für den Nutzer erscheint alles als ein zusammenhängendes Ganzes. Doch damit sind auch die verfügbaren Features an den Leistungsumfang der zugrundeliegenden Standardpakete geknüpft – eine Individualisierung von Prozessen muss separat erstellt werden. Hier kommt laut Florian Binder, Principal Solution Consultant bei Pegasystems, LC zum Zuge. Zum einen basiert Fabric selbst auf LC und zum anderen bietet es viele Optionen firmenspezifische LC-Funktionen zu erstellen und anzubinden. Ein besonderes Hilfsmittel sind hierbei branchen- oder anwendungsspezifische Templates und Adapter. Doch Binder warnt davor, dass das alles von den vielen neuen Citizen-Developern gestemmt werden kann. „Viele API-Anbindungen oder auch Security-Features, wie Single-Sign-On, sind so komplex, dass diese Funktionen nur von erfahrenen Entwicklern erstellt werden können“, lautet seine Empfehlung.

Ganz ähnlich ist die Entwicklung bei Mendix. Deren Plattform ist bislang vor allem im industriellen Umfeld anzutreffen – doch das ändert sich gerade rapide. „Wir positionieren uns jetzt im Zentrum der Entwicklung von allen Unternehmensanwendungen und als ideale Plattform für praktisch jeden vertikalen Bereich“, sagte Mendix' neuer CEO Tim Srock in einem Gespräch mit iX über die Neuausrichtung des Unternehmens. Die kurzfristigen Schwerpunkte sind für ihn die Bereiche Hyperautomatisierung und Hyperpersonalisierung bei den Kundenerlebnissen. Das bedeutet, das primäre Ziel von LC/NC bei Mendix ist nicht mehr die schnelle Entwicklung von Software, sondern zunehmend der Einsatz der Plattform als unternehmensübergreifendes Transformations-Tool. Ein Vorzeigekunde dafür ist der Autozulieferer Schaeffler. „Mit Mendix schaffen wir unternehmensweit neue digitale Lösungen, um Unternehmenssysteme zu modernisieren, die betriebliche Effizienz zu steigern und die Erfahrungen von Mitarbeitern und Kunden zu verbessern“, sagt deren Senior Vice President Strategic IT & Digitalization, Jürgen Henn.

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(fo)