Mainframes in der modernen IT: Mit Open Source die alten Silos öffnen​

Statt sie generell durch neue Architekturen zu ersetzen, sollte man etablierte Mainframes lieber in moderne Infrastrukturen einbinden, findet Martin Reusch.

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Von
  • Berthold Wesseler
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Modern und Mainframe – diese beiden Begriffe sind für Martin Reusch kein Widerspruch. Der Director Application Modernization & Connectivity DACH bei Micro Focus vertritt die These: Bevor man alte Kernsysteme in der IT einfach durch neue ersetzt, sollte man bedenken, dass „anders“ und „neu“ nicht unbedingt besser ist als „alt“ und „bewährt“. Letzteres gilt gerade für Legacy-Systeme auf dem Mainframe, die das Kerngeschäft unterstützen.

Die Mainframe-Interviews, Folge 9: Aus alten Silos ausbrechen

Wir wollen den Schleier des Mythos Mainframe lüften – und haben dazu wahre Kenner des Mainframe befragt. In dieser Folge sprechen wir mit Martin Reusch. Er ist Director Application Modernization & Connectivity DACH bei Micro Focus Deutschland. Micro Focus wurde 1976 gegründet und konnte sich im Laufe der Jahre eine Führungsposition im COBOL-Markt erarbeiten. Heute legt der britische Software-Konzern den Fokus auf Modernisierung, Optimierung, Testing und Management großer Software-Anwendungen – auch auf Mainframes.

Denn einen „Königsweg“ hin zu einer zeitgemäßen und flexiblen IT-Infrastruktur gibt es nicht. Vielmehr geht jedes Unternehmen seinen eigenen Weg, auf dem sowohl die Cloud als auch der Mainframe eine wichtige Rolle spielen können. Worauf es dabei ankommt, erklärt er uns im Interview.

Herr Reusch, Sie sehen den Mainframe-Markt durch die COBOL-Brille. Wie groß ist dieser Markt, bei dem es ja nicht nur um IBM z geht, sondern auch um Hersteller wie Fujitsu (BS2000), Atos/NEC (GCOS) oder Unisys (Clearpath)? In Deutschland, aber auch weltweit?

Dass wir uns inzwischen so sehr auf IBM z fokussieren, hat einen guten Grund: Was den Business-Case angeht, sind die anderen Systeme inzwischen zu vernachlässigen. Sie werden nur noch in so geringer Zahl genutzt, dass sie wirtschaftlich schlicht nicht mehr relevant sind.

Bei IBM z sieht die Situation ganz anders aus – dieses System ist fest in der Geschäftswelt verankert. Im deutschsprachigen Raum sprechen wir hier von einer Nutzerzahl im höheren zweistelligen Bereich. Diese Zahl klingt auf den ersten Blick vielleicht klein, doch die Nutzer sind echte „Big Player“ der Wirtschaft: große etablierte Banken, Versicherungen, aber auch Autohersteller zählen dazu. Weltweit kann man in etwa von 3 000 IBM-z-Kunden ausgehen.

Wie stabil ist dieser Markt? Oder anders gefragt: Aus welchen Gründen wandern Mainframe-Anwender auf andere Plattformen ab?

Basierend auf den uns vorliegenden Informationen kann man sagen, dass der z/OS-Markt in Europa – was die Gesamtleistungskapazität angeht – wächst, allerdings die Zahl der Unternehmen eher sinkt. Auch bleibt die Mainframe-Welt beim Cloud-Boom nicht außen vor – wir selbst sind Teil dieses Trends, Mainframe-Anwendungen direkt in die Cloud zu migrieren, denn wir unterstützen unsere Kunden bei diesem Schritt.

So hat gerade AWS auf der Re:Invent „Mainframe Migration Services“ veröffentlicht, die unter anderem auf unserer Technologie basieren. Dort haben unsere beiden Unternehmen auch eine strategische Partnerschaft geschlossen.

Der Mainframe hat nach wie vor für viele Unternehmen seine Berechtigung. Aber es gibt natürlich einige legitime Gründe, die für ein Re-Platforming sprechen. Üblicherweise werden hier die Kosten der Mainframe-Umgebungen angeführt, ebenso wie die Bindung an einen Anbieter (Vendor Lock-in). Ein weiteres Problem, das unseren Kunden häufig begegnet ist, dass die etablierten Mainframe-Experten langsam in den Ruhestand gehen und es an Nachwuchs fehlt. Zudem benötigen Unternehmen heute mehr Flexibilität und Skalierbarkeit, was sich in Cloud-Umgebungen einfacher verwirklichen lässt.

Stichwort Anwendungsmodernisierung: Welche Gründe sprechen dafür, die COBOL-Programme nach einem Re-Factoring weiter auf dem Mainframe zu betreiben?

Was seinen Aufgabenbereich angeht ist der Mainframe absolut auf dem Stand der Technik. Wenn es zum Beispiel um repetitive Aufgaben mit hohem Datendurchsatz geht, gibt es gute Gründe, COBOL-Anwendungen auf dem Mainframe zu betreiben.

Einerseits gehören Mainframes zu den sichersten Systemen überhaupt, andererseits werden sie bei Durchsatz- und Transaktionsraten auch heute noch kaum übertroffen. Auch was die Datenhaltung betrifft leistet der Mainframe immer noch gute Dienste, schließlich wurden die Systeme genau dafür ausgelegt, große Datenvolumina schnell und sicher zu verwalten.

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