Matter: Universeller Smart-Home-Standard startet schleppend

Geräte und Apps: Was Amazon, Eve, Aqara, Philips Hue, Nanoleaf und andere Hersteller zum Start des Smart-Home-Standards Matter bieten.​

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Geräte für den neuen Smart-Home-Standard Matter sind in Kürze verfügbar, zum Beispiel der Leuchtstreifen von Nanoleaf, der zu Jahresbeginn erscheint.

(Bild: Berti Kolbow-Lehradt)

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Erste Anbieter von Smart-Home-Komponenten wollen ihre Geräte noch in diesem Jahr mit dem neuen Standard "Matter" verbinden. Entsprechende Firmware-Updates für Bestandszubehör sollen im Dezember ausgespielt werden, hieß es auf einem gemeinsamen Event zur Einführung des Standards in Amsterdam. Ein weiterer Schwung der nötigen Betriebssoftware sowie neu entwickelte Geräte folgen im Januar und dem weiteren Verlauf des Jahres 2023. Der Bedienumfang wird in den kompatiblen Steuer-Apps zunächst noch nicht vollständig sein, sondern Schritt für Schritt in den kommenden Monaten ergänzt.

Laut der zuständigen Connectivity Standards Alliance (CSA) haben bisher 190 Geräte eine Matter-Zertifizierung erhalten oder befinden sich im Prüfprozess. Einen Überblick erlaubt die Webseite für zertifizierte Matter-Produkte der CSA. Die Angaben richten sich an ein Fachpublikum, ermöglichen aber auch Kaufinteressierten, sich einen groben Überblick zu verschaffen.

Zuerst werden Geräte mit Matter kompatibel sein, die sich per Firmware-Update nachrüsten lassen. Den Auftakt macht der deutsche Hersteller Ubisys. Sein LAN-Gateway G1 soll noch im November 2022 ein Update erhalten und dann als "Matter Bridge" ZigBee-Komponenten in ein Matter-Netzwerk einbinden. Zu einem späteren Zeitpunkt will Ubisys das Gateway zum "Matter Controller" aufrüsten, damit die Hersteller-App umgekehrt auch Drittgeräte mittels des neuen Standards einrichten und bedienen kann.

Die ZigBee-Schaltzentrale und -Komponenten von Ubisys sind ab Ende November als erstes in der Praxis mit dem Matter-Standard einsetzbar.

(Bild: Ubisys)

Eve Systems kündigte im Rahmen des Launch-Events an, eine Aktualisierung ab dem 12. Dezember bereitzustellen. Dieses wird für die aktuellen Modellgenerationen des Kontaktsensor Eve Door & Window, des Zwischensteckers Eve Energy und des Bewegungssensors Eve Motion mit einem Matter-Update verfügbar sein.

Aqara plant ein Update seines Gateways Aqara Hub M2 für Dezember 2022, ohne ein genaues Datum zu nennen. Die Gateways M1S/M1S Gen 2, Hub E1, Camera Hub G3 und Camera Hub G2H Pro sind "in den folgenden Monaten" dran. Nach dem Firmware-Update können sie rund 40 ZigBee-Geräte des Herstellers in ein Matter-Netzwerk einbinden. Dazu zählen Sensoren für Öffnungskontakte, Bewegung und Vibration sowie verkabelte und batteriebetriebene Lichtschalter, ein Heizkörperthermostat und Motoren für Vorhänge und Rollos, wie aus Aqaras Matter-Übersicht hervorgeht. Als Fernziel will der Hersteller 160 Matter-kompatible ZigBee-Geräte anbieten.

OEM-Hersteller Tuya hat mit rund 60 Komponenten derzeit die größte Anzahl Matter-zertifizierter Geräte, erklärte Firmenmitgründer Alex Yang während einer Keynote. Bis Jahresende sollen es bereits 150 bis 200 Produkte sein, die sich per WLAN oder Thread mit Matter koppeln lassen. Unklar blieb, ob es sich dabei um Referenzmodelle handelt oder um im Handel erhältliche Produkte. Tuya-Hardware steckt etwa in Eigenmarken des Online-Händlers Pearl oder Technik von Hama.

Philips Hue lässt sich mehr Zeit. Der Hersteller Signify aktualisiert die eigene ZigBee-Bridge im ersten Vierteljahr 2023. Danach sollen sich nahezu alle damit verbundenen Leuchtmittel und Zubehörartikel an ein Matter-Heimnetz durchreichen lassen. Ausnahmen bilden die Philips Hue Play HDMI Sync Box und der Philips Hue Tap Dial Switch. Beide Gerätetypen deckt die erste Version von Matter nicht ab. Zum Start bietet der Standard Bedienfunktionen für Beleuchtung, Schalter, Heiz- und Kühltechnik, Ventilatoren, Fensterabdeckungen und Jalousien, Sicherheitssensoren, Türschlösser, Fernseher sowie Bridges.

Die ZigBee-Bridge von Philips Hue soll bis März 2023 nach einem Update mit dem neuen Standard kommunizieren. Den Aufkleber mit dem Matter-Logo trug das Modell nur zu Schauzwecken.

(Bild: Berti Kolbow-Lehradt)

Ikea will den extra für Matter entwickelten ZigBee-Hub Dirigera mit einem Update zu „Beginn des Jahres 2023“ um den neuen Standard nachrüsten. Der Gebäudespezialist Schneider Electric plant eine Aktualisierung für sein ZigBee-Gateway der Marke Wiser für das Jahr 2023, ohne den Zeitraum weiter einzugrenzen. Beide Konzerne nannten keine Einschränkung bezüglich der an Matter durchgereichten Gerätetypen.

Neben Updates für ZigBee-Bestandsgeräte plant Aqara neues Matter-Zubehör mit dem Funkstandard Thread. Im Frühjahr 2023 sollen der Door & Window Sensor P2 sowie der Motion & Light Sensor P2 erscheinen. Als Thread-Geräte sind sie von Haus aus nicht an ein herstellereigenes Gateway gebunden, sondern lassen sich über eine größere Auswahl an Border Routern ins Netzwerk einbinden. Dabei kann es sich etwa um einen HomePod Mini handeln.

Zu einem noch nicht genannten Zeitpunkt will Aqara einen neuen Hub namens M3 vorstellen, der neben ZigBee auch Thread unterstützt. Es soll auch als "Matter Controller" dienen. Die Aqara-App wird dann auch neue Matter-Geräte anderer Hersteller einrichten und steuern können. Damit strebt Aqara eine ebenso vorrangige Rolle als Matter-Ökosystem an wie die Initiatoren des Standards, Amazon, Apple, Google und Samsung.

Nuki hat unmittelbar vor dem Matter-Event angekündigt, in der zweiten Jahreshälfte ein Matter-fähiges Smart Lock zu veröffentlichen. Einen Prototyp zeigte der Hersteller in einem Demo-Video. Darin ist zu sehen, wie das Gerät sich per Rechtefreigabe von Google Home in Apple Home integrieren lässt. Bestandsgeräte will Nuki nicht aufrüsten, obwohl eines davon über die Matter-taugliche Datenübertragung mit Wifi verfügt. Für die vorhandenen Mikroprozessoren in Nukis Schlössern und Bridges seien die Anforderungen von Matter zu hoch und zu aufwendig zu implementieren, begründet das Nuki-Mitgründer Jürgen Pansy.

Nanoleaf legt "Anfang 2023" extra für Matter eine neue Generation einer E27- und GU10-Glühbirne sowie eines Lightstrips der Essential-Produktreihe auf. Die RGBW-Leuchtmittel funken mit Thread und können im Wesentlichen das Gleiche wie die existierenden Modelle – mit zusätzlicher Matter-Kompatibilität. Die Einstiegskosten bleiben mit Preisen zwischen 20 und 50 Euro gleich.

Nanoleaf nannte bei der Produktvorstellung keinen Grund für die geplanten Neuzugänge. Aber auch hier liegt es daran, dass die bisher eingebauten Chips nicht leistungsstark genug seien. Das ist für Kundinnen und Kunden ärgerlich, weil die erste Essentials-Generation sogar über Thread verfügt und Nanoleaf mit seiner Matter-Absichten die Erwartung geschürt hatte, dass diese Produkte für den Einstieg in Matter infrage kommen.

Die endgültigen Spezifikationen für Matter 1.0 sind seit Oktober verfügbar. Smart-Home-Geräte, die die Anforderungen erfüllen, lassen sich ohne die Hersteller-App übergreifend in Standardsoftware großer Ökosysteme einbinden. Im ersten Schritt sind das die von Amazon, Apple, Google und Samsung, zu einem späteren Zeitpunkt folgen dann andere Mitstreiter, so wie es Ubisys und Aqara planen. Die Schalt- und Sensorsignale werden lokal ohne Umweg über die Cloud ausgetauscht. Als kompatible Wege für die Datenübertragung unterstützt Matter die Funkprotokolle WLAN und Thread. Andere Funkstandards sind per LAN-Bridge einbindbar.

Was genau Anwenderinnen und Anwender mit Matter-Geräten anfangen können, hängt von den Ökosystem-Apps ab, die als herstellerübergreifende Bedienoberfläche für Matter-Geräte dienen. Am konkretesten äußert sich Amazon dazu. Demnach lassen sich ab Dezember zunächst ausschließlich WiFi-basierte Glühbirnen, Steckdosen und Schalter einbinden. Nötig ist dafür die Android-App von Amazon Alexa. Wer Thread-Geräte mit einem iPhone hinzufügen und bedienen möchte, muss warten. Diese Möglichkeiten liefert Amazon eigenen Angaben nach Anfang 2023 nach.

Damit Amazon-Technik ein lokales Matter-Heimnetz steuern kann, rüstet der Hersteller per Update 17 Smart Speaker zu Matter Controllern auf. Als Zeitpunkt nannte der Hersteller "Dezember 2022", ohne ein Datum zu konkretisieren. Zu den kompatiblen Geräten zählen der Echo Dot und Echo Dot mit Uhr der jeweils dritten, vierten und fünften Generation, der Echo der dritten und vierten Generation, die ersten und zweiten Echo Shows 5 und Echo Shows 8 sowie die dritte Generation des Echo Show 10. Ferner erhalten der Echo Flex, Echo Input, Echo Studio und Echo Plus der zweiten Generation ein Matter-Update.

Gäbe es zum jetzigen Zeitpunkt Matter-Zubehör, wäre Samsung SmartThings schon bereit, es zu steuern. Ein Update hat vorhandene Schaltzentralen Ende Oktober dafür aufgerüstet. Als Matter Controller bieten sich der SmartThings Hub der dritten Generation und der baugleiche Aeotec Smart Home Hub an. Beide unterstützen ab Werk den geeigneten Thread-Funk. Das ist vorerst das einzige Protokoll, über das Samsung mit Matter kommuniziert. Gekoppelte ZigBee- oder Z-Wave-Geräte geben die Samsung-Gateways nicht in ein Matter-Netzwerk weiter, obwohl sie auch diese Funkstandards beherrschen und Matter eine solche Datenübertragung zulässt. Jedoch integriert Samsung unter der Haube im ersten Anlauf nicht die Bridging-Funktion von Matter.

Stattdessen ergänzt SmartThings die bei Matter ab Werk vorgesehene Rechtefreigabe von Geräten zusätzlich um eine vereinfachte Gruppenmigration. Das wird zunächst aber nur im Austausch mit Alexa und Google Home klappen und basiert auf einer exklusiven Zusammenarbeit zwischen den drei Unternehmen.

Samsung erweitert die Multi-Admin-Funktion von Matter um eine vereinfachte Gruppenmigration von Geräten zu Alexa und Google Home.

(Bild: Berti Kolbow-Lehradt)

Und noch eine Einschränkung: Genau wie bei Amazons Lösung lässt sich bei Samsung ein Matter-Netzwerk nur mit der Android-App von SmartThings steuern. Die iOS-Variante braucht noch länger, um das auch zu können. Dass Amazon und Samsung Probleme mit der iPhone-Software haben, sei kurzfristigen Änderungen Apples geschuldet, war auf dem Matter-Event zu hören. Offiziell bestätigen wollte das niemand. Apple selbst war nicht in Amsterdam vertreten. Die Hardware des Konzerns ist seit den jeweiligen Betriebssystemen mit der Nummer 16.1 Matter-kompatibel. Der vierte große Matter-Initiator Google blieb dem Event ebenfalls fern und nannte bisher auch keinen konkreten Startzeitpunkt für die eigene Hard- und Software.

Für einen groß angekündigten Marktstart fiel das Ergebnis des Matter-Launches ziemlich klein aus. Mindestens bis zum Frühling 2023 werden sich verschwindend wenige smarte Geräte zu einem Matter-Netzwerk kombinieren lassen. Dass die federführenden Hersteller die Möglichkeiten der Zusammenarbeit nicht ausschöpfen und im Alleingang zusätzliche Partnerschaften schließen, nährt erste Zweifel, dass der Standard sich in der Praxis womöglich nicht als so universell erweist wie angekündigt. Zumindest trägt es zum jetzigen Zeitpunkt zur Verwirrung interessierter Anwenderinnen und Anwender bei. Noch besteht mehr als genug Anlass zur Hoffnung, dass Matter das Setup eines Smart Homes einst wirklich übersichtlicher und einfacher gestaltet. Doch bis es so weit sein könnte, ist weiterhin viel Geduld gefragt.

Update

Die ursprüngliche Meldung vom 3.11. wurde mit zusätzlichen Informationen zu weiteren Herstellern ergänzt und überarbeitet.

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