Meinung: Handtaschenverkäufer soll Hasselblad retten

Hasselblad befindet sich seit Jahren in der Sinnkrise, nun soll es wieder einmal ein neuer CEO richten. Perry Oosting ist ein lupenreiner Vertriebsfachmann, bisher hat er Luxus-Handtäschchen und vergoldete Smartphones verantwortet.

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Hasselblad befindet sich seit Jahren in der Sinnkrise, nun soll es wieder einmal ein neuer CEO richten. Perry Oosting ist ein lupenreiner Vertriebsfachmann, bisher hat er Luxus-Handtäschchen und vergoldete Smartphones verantwortet.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
dem Traditionshersteller Hasselblad scheint es derzeit nicht sonderlich gut zu gehen. Zumindest deuten darauf die öffentlich zugänglichen Umsatzzahlen der Victor Hasselblad Aktiebolag hin. Bei der Muttergesellschaft Hasselblad Aktiebolag sieht es anscheinend auch nicht besser aus. Ich bin des Schwedischen nicht mächtig, aber große rote Zahlen mit einem Minuszeichen davor sehen in keiner Sprache gut aus.

Aus technischer Sicht, soviel ist sicher, gibt es heute jedenfalls kaum noch Gründe für den hohen Preis von Hasselblad-Kameras. Hasselblad schwenkt ja auch zunehmend von der Herstellung zur rein äußerlichen Veredlung um. Wobei das mit der Veredlung sehr relativ ist. Die Bandbreite reicht hier von optisch akzeptabel bis zur kompletten Geschmacksverirrung. Verglichen mit den zugrunde liegenden Sony-Kameras sind die Hasselblads jedenfalls grotesk überteuert.

Ein Kommentar von Sascha Steinhoff

Sascha Steinhoff ist Redakteur bei c't Digitale Fotografie und schreibt seit 2008 regelmäßig über techniklastige Fotothemen. Privat ist er seit analogen Zeiten bekennender Nikon-Fanboy, beruflich ist er da flexibler. Als Softwarespezialist kümmert er sich insbesondere um die Themen Raw-Konvertierung, Bildbearbeitung und Bildarchivierung.

Dass man bisher mit dieser Strategie wohl keinen Erfolg hatte, kann man auch am Personenkarussel der jüngeren Vergangenheit sehen. Im November 2013 ersetzte Ian Rawcliffe seinen Vorgänger Larry Hansen als CEO. Einvernehmlich kann das nicht abgelaufen sein. Die Deals welche Hansen zu Amtszeiten mit Sony eingefädelt hatte, waren Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen.

Lange gehalten hatte sich Ian Rawcliffe auf der Position aber auch nicht. Er wurde erst kürzlich von Perry Oosting als CEO abgelöst. Oosting war vorher bei Bulgari, Gucci und Prada. Alle drei Unternehmen machen in Mode, das technisch Aufregendste ist in der Sparte noch der Magnetverschluß einer Pythonleder-Umhängetasche. Seine letzte Station war bei Vertu, da ging es immerhin schon im weiteren Sinne um Technik. Vertu ist ein englischer Smartphone-Hersteller, der die Welt mit so bahnbrechenden Innovationen wie massivgoldenen Einschüben für SIM-Karten beglückt hat. Technisch sind die teuren Telefone wenig aufregend. Dank Rubintastatur und anderem Firlefanz lassen sich trotzdem fünfstellige Europreise für die Geräte erzielen.

Ich bin wirklich gespannt, in welche Richtung ein Mann wie Perry Oosting das angeschlagene Unternehmen steuern wird. Kommt nun der lang ersehnte Befreiungsschlag, also eine Kamera, die dem stolzen Namen wieder gerecht wird? Unmöglich ist das nicht, aber doch extrem unwahrscheinlich. Wahrscheinlich wird es auf weitere Kirschholzgriffe hinauslaufen. Mein Tipp für Perry Oosting wäre folgender: Probieren Sie es doch mal mit Handtaschen, das würde der Marke nach langem Siechtum endlich wieder neue Impulse geben! Die Gewinnspannen bei Mode sind groß und die technische Herausforderung ist überschaubar, da könnte etwas gehen. Die Frage, ob die neue Produktpalette zur Tradition des Familienunternehmens Hasselblad passt, stellt sich auch nicht.

Das Traditions- und Familienunternehmen ist ja schon seit 2011, als ein Finanzinvestor (aka Heuschrecke) Hasselblad komplett übernommen hat, Geschichte.

Herzlichst, Ihr

Sascha Steinhoff

(sts)