Mendix World: Low Code soll die Industrie-Automatisierung vorantreiben

Der Low-Code-Anbieter konzentriert sich weiter auf Produktionssysteme. Derweil fand seine Mendix World 2021 virtuell statt.

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(Bild: Mendix)

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  • Maika Möbus

Low Code ist laut Marktforschern auf dem Vormarsch. Auf der diesjährigen Mendix World präsentierte die Siemens-Tochter ihre Pläne für den Einsatz von Low Code in der Industrie, um eine effizientere Fertigung zu ermöglichen und Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung voranzubringen. In diesem Rahmen sprach heise Developer mit Johan den Haan, CTO von Mendix, über die aktuelle Rolle von Low Code, dessen Einsatzbereiche und Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz (KI) sowie Zukunftsprognosen.

Zu den auf der Mendix World 2021 vorgestellten Neuerungen zählen spezifische Clouds für den Industrie- und den Finanzsektor: Mendix for Manufacturing Industries und Mendix for Financial Services mit branchenspezifischen Bausteinen wie APIs, Workflows, Templates und mehr. "Unserer Meinung nach gehören festgelegte, präskriptive SaaS-Anwendungen der Vergangenheit an", so Mendix-CEO Derek Roos in seiner Keynote am ersten Konferenztag. Der Wandel zu "Digital First" bedürfe hoch personalisierter, adaptiver Anwendungen.

Den zweiten Konferenztag läutete CTO Johan den Haan mit seiner technischen Keynote ein, in der er unter anderem die zweite Hauptversion des Data Hub für Low-Code-Zugriffe auf Unternehmensdaten vorstellte. Die erste Version präsentierte Mendix bereits auf seiner Konferenz im letzten Jahr. Data Hub 2.0 soll die Fähigkeiten der Plattform weiter ausbauen, indem sie beispielsweise die Möglichkeiten zur Datenkatalogisierung erweitert, was die Filterung und Nutzung großer Datenmengen aus Data Lakes oder Data Warehouses betrifft.

Auch das Thema Künstliche Intelligenz (KI) sparte der zweite Konferenztag nicht aus: Der neue Page Bot soll Softwareentwicklerinnen und -entwicklern Empfehlungen für die UI- und UX-Erstellung anbieten und basiert auf anonymisierten Daten von Mendix-Nutzern. Bisher stellte Mendix bereits den Logic Bot und den Performance Bot zur Verfügung. Neu sind auch das Mendix Machine Learning (ML) Kit, das die Nutzung von ML-Modellen per Drag & Drop ermöglichen soll, sowie Smart AppServices zur Unterstützung der Digitalisierung von Geschäftsprozessen, wie etwa das Erfassen von Rechnungen oder Quittungen.

Den Bereich von No Code über Low Code bis zur klassischen Entwicklung beschreibt Johan den Haan im Gespräch mit heise Developer als ein komplexes Spektrum – und der Prozess bleibe nicht stehen: "Wenn wir Low Code vor zehn Jahren betrachten, besaß es damals die gleichen Fähigkeiten wie No Code heute." Während No Code für sogenannte Citizen Developers ohne Programmierkenntnisse infrage kommt, erfordert der Einsatz einer Low-Code-Plattform eine entsprechende Einarbeitung und lässt sich bei Bedarf durch Entwickler mit zusätzlichem Code erweitern, bis hin zu einer "Full Code"-Anwendung.

Allerdings setzt an dieser Stelle einer der im Technology Radar 2020 beschriebenen Kritikpunkte an Low Code an: Entwicklungskompetenz werde genau dafür benötigt, um zu erkennen, wann ein Projekt die Möglichkeiten von Low Code überschritten habe.

Low-Code-Anwendungen im industriellen Bereich zielen auf Industrie 4.0 ab. Das Schlagwort kam in Deutschland bereits vor einem Jahrzehnt auf, doch stellt die Digitalisierung der industriellen Produktion viele Unternehmen vor Herausforderungen: So sehen sich laut einer diesjährigen Bitkom-Studie 66 Prozent der deutschen Unternehmen in Bezug auf Industrie 4.0 als Nachzügler oder gar bereits abgehängt. Zu den Herausforderungen zählen laut einem Bitkom-Positionspapier fehlende finanzielle Mittel, Datenschutz und IT-Sicherheit sowie fehlende Fachkräfte.

Am letzten Punkt kommt Low Code ins Spiel: Beispielsweise können Ingenieure, die wertvolles domänenspezifisches Wissen mitbringen, Low-Code-Plattformen nutzen, um Applikationen für unterschiedliche Geschäftsbereiche zu entwickeln. Low Code bietet Unternehmen damit, wie Johan den Haan ausführt, eine Möglichkeit, Prozesse trotz einer geringen Anzahl an Entwicklern zu automatisieren. Der Fachkräftemangel sei schließlich derzeit akut und lasse sich auch durch eine zunehmende Anzahl an Informatikstudierenden nicht zeitnah abfedern.

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Dabei rückt auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) stärker in den Fokus. Die Kombination von Low Code und KI soll laut den Haan keine zusätzlichen Schwierigkeiten in Bezug auf das bekannte Blackbox-Problem unerklärbarer KI-Algorithmen aufwerfen. Zwar sei es keine Voraussetzung, dass Low-Code-Nutzerinnen und -Nutzer selbst Kenntnisse über Data Science und Machine Learning besäßen, doch seien entsprechende Entwicklerinnen und Entwickler hinter den Low-Code-Anwendungen als Ansprechpartner verfügbar.

Die Anfänge von Low Code reichen einige Jahrzehnte zurück und sind in den 1990er Jahren in RAD-Produkten (Rapid Application Development) sowie in der modellgetriebenen Softwareentwicklung (MDSD, Model Driven Software Development) zu finden. Das Prinzip von Low Code besteht in der Reduzierung des Schreibens von Code. Somit lassen sich Softwareanwendungen durch das visuelle Programmieren von Komponenten über eine grafische Oberfläche zusammenstellen. Der Erfolg des Low-Code-Prinzips wird etwa durch neuere Studien des Marktforschungsunternehmens Gartner deutlich: Anfang des Jahres sagte es für 2021 ein Wachstum im Low-Code-Bereich von 13,8 Milliarden US-Dollar voraus und begründete die Prognose in der Nutzung von Software as a Service (SaaS) und der fortschreitenden Automatisierung. Im Jahr 2019 lag der Wert noch bei 9,2 Milliarden US-Dollar.

In zehn Jahren, so Johan den Haan, "werden wir auf jeden Fall den nächsten Schritt der Automatisierung erreicht haben, dass uns KI bei der Softwareentwicklung unterstützt. Und das kann recht weit gehen, sodass sie nicht nur Codevorschläge bietet, sondern die komplette Erstellung einer Software erledigt." Ferner vermutet der CTO, dass die Performance eines Junior Developers aufgrund der KI-Unterstützung in diesem Zeitraum das Niveau eines Senior Developers erreichen wird.

Schließlich bleibt zu sagen, dass laut den Haan der Einsatz von Low-Code-Plattformen Entwicklerinnen und Entwickler keineswegs überflüssig macht. Vielmehr bliebe im Industriesektor – dank der Bedienung der Low-Code-Anwendungen durch Ingenieure – der knappen Anzahl an Entwicklern mehr Zeit, sich im Unternehmen auf komplexere Entwicklungsaufgaben zu konzentrieren, was durchaus in deren Interesse sei. Und auch hinter Low-Code-Anwendungen selbst stehen naturgemäß Entwicklerinnen und Entwickler, bei Mendix derzeit 450 an der Zahl.

(mai)