Missgunst am Arbeitsplatz: Deutsche Führungskultur "fördert eher Neidgefühle"

Wir neiden immer und vieles. Das kann uns schaden oder weiterbringen, je nachdem, wie wir mit dem unausweichlichen Gefühl umgehen.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 46 Beiträge

(Bild: Alessandro Pintus/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Dreimal Status und schon wird das Gegenüber grün vor Neid. Dieses Gefühl steckt in jedem von uns, dagegen können wir nichts tun. Warum aber missgönnen wir anderen Dinge, die bei uns kleiner sind als beim großen Vorbild? "Neid ist ein Gefühl, das wir nur schwer unterdrücken, aber unterschiedlich mit den Erkenntnissen aus Vergleichen mit anderen Personen umgehen können", sagt Professor Niclas Schaper, Leiter des Fachbereichs Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Paderborn. Neid hat zwei Seiten: eine gute und eine schlechte. Lassen wir der negativen Oberhand, dann kann Neid krank machen. Wenn wir aus dem Vergleichen positive Schlüsse ziehen, kann selbst Missgunst bereichernd sein. Mein Haus, mein Auto, mein Boot macht dann groß, statt klein.

Bei Neid geht es um Geld, Karriere, Positionen. Ist Missgunst unter Kollegen weit verbreitet in deutschen Unternehmen?

heise jobs – der IT-Stellenmarkt

Zu Arbeitsplätzen und Stellenangeboten in der IT-Branche siehe auch den Stellenmarkt auf heise online:

Studien über die Häufigkeit von Neid gibt es nicht. Aus meiner Sicht lässt sich aber sagen, dass Neid häufig auftritt, weil es zum Gefühlsrepertoire eines jeden Menschen gehört. Außerdem ist Missgunst weit verbreitet, weil Führungs- und Organisationskultur in deutschen Unternehmen stark auf Konkurrenz ausgerichtet ist. Das fördert eher Neidgefühle, als wenn Kooperation, Teamgeist und Diversität herrschen. Die unterschiedlichen Unternehmenskulturen führen dazu, dass Firmen Neid mehr oder weniger gut im Griff haben.

Woher kommt Neid?

Neid entsteht durch soziale Vergleiche. Wir neiden, weil wir uns mit anderen vergleichen. Das ist der zentrale Auslöser von Neid. Wir vergleichen uns oft mit Personen, die uns ähnlich sind. Im Alter und Geschlecht oder in Ausbildung und Aufgabe. Das Vergleichen beginnt schon im Kindesalter zwischen Bruder und Schwester: Wer kann was höher, schneller, weiter? Ist der andere besser, löst das ein Neidgefühl aus. Soziale Vergleiche haben eine durchaus psychisch wichtige Funktion, weil sie zu unserer Identitätsbildung beitragen: welche Position wir in einer Gemeinschaft einnehmen, welche Rolle wir im Team spielen? Deshalb tauchen Vergleiche ständig auf. Wenn wir uns mit Personen vergleichen, die aus unserer Sicht scheinbar besser sind als wir, können daraus Probleme entstehen.

Welche Probleme?

Psychisch gesunde, selbstbewusste Personen bekommen Neidgefühle leicht in den Griff und überwinden sie schnell. Das kommt daher, weil sie konstruktiv mit Vergleichen umgehen und darauf schauen, welche Stärken sie selbst haben oder wie sie Fähigkeiten erlangen können, die ihnen fehlen; während bei Personen mit einem geringen Selbstwert und Minderwertigkeitsgefühlen Neid zu Problemen führen, weil sie den Unterschied zum anderen nicht auflösen können. Das kann zu Selbstmitleid, Ungerechtigkeitsempfinden und Feindseligkeit führen. Insgesamt entstehen dadurch negative Verhaltenstendenzen.

Schadet Neid der Person selbst und dem Betriebsklima in der Firma?

Ja, in beiden Fällen, und zwar insbesondere dann, wenn Neid sich in einer Person negativ entwickelt. Wir Psychologen sprechen dann vom schwarzen Neid. Der Schaden für die Person selbst liegt darin, dass er in seinen negativen Gefühlen verhaftet bleibt wie Aggression und Wut. Das beeinträchtigt sein Handeln und die Leistungsfähigkeit im Job, weil er gefangen ist in der Negativ-Spirale, sich mit dem anderen auseinanderzusetzen. Er sucht Wege, wie er ihm schaden kann. Das ist häufig der Fall, wenn man sich mit Personen vergleicht, die deutlich leistungsfähiger sind als man selbst. Daraus resultiert unethisches Verhalten. Sticheleien, Ausgrenzung bis hin zu Mobbing sind die Folgen.

Wenn es schwarzen Neid gibt, dann gibt es wohl auch weißen Neid?

Wir bezeichnen ihn als guten Neid. Der versucht mit Vergleichen konstruktiv umzugehen. Wenn wir als Herausforderung annehmen, das zu erreichen, was andere geschafft haben, seine Fähigkeiten zu entwickeln, vom anderen lernen, entstehen positive Verhaltenstendenzen. Das klingt nun so, als wäre jeder allein für sich selbst verantwortlich. Letztlich aber kommt es auch auf die Führungskräfte an, die eine Firmenkultur prägen, in der das gelingen kann. Geht es vordergründig um Konkurrenz, ist schwarzer Neid an der Tagesordnung.

Wenn wir dann geschafft haben, was der andere schon vor uns erreicht hat, hört dann Neid auf, sind wir dann zufrieden oder vergleichen wir uns dann mit dem nächsten?

Wenn wir besser werden oder es schaffen, die eigenen Stärken in den Vordergrund zu stellen, dann löst sich das Neidempfinden etwas auf. Aber soziale Vergleiche hören damit nicht auf. Es folgen neue Anlässe, sich mit anderen zu vergleichen, deshalb poppt die Neidsituation regelmäßig auf. Das gilt insbesondere für Personen, die von ihrer Persönlichkeit her dazu neigen, sich mit anderen zu vergleichen: Das sind Menschen, deren Psyche auf Konkurrenz und den sozialen Vergleich hin ausgerichtet ist. Anders ist das bei Personen, die stärker bei sich sind, lernen wollen und die eigene Entwicklung im Blick haben. Diese Personen neigen weniger unter negativen Folgen des Vergleichens als leistungsorientierte.

Ab wann macht Neid psychisch krank?

Wenn man von dem Gefühl des Neids nicht loslassen kann, ständig daran denkt, vom Neid zerfressen wird. Dann wird das Verhalten pathologisch und führt zur Beeinträchtigung der eigenen Leistungen und der Fähigkeit, in gute Kontakte mit anderen zu treten. Es gibt viele Beispiele aus der Arbeitswelt, die zeigen, dass Neidgefühle krank machen.

Ist Neid ein globales Phänomen oder typisch deutsch?

Neid ist erst einmal eine universelle und globale Erscheinung, Neid wird aber auch kulturell überformt. In individualistischen Gesellschaften tritt das Gefühl stärker zutage, weil Werte stärker auf Konkurrenz und sozialen Vergleich hin orientiert sind. Während in kollektivistisch ausgerichteten Gesellschaften wie China und Japan Werte wie die Gemeinschaft zählen. Dadurch wird der Neid des Einzelnen stärker unterdrückt. Neid kommt aber auch in Asien vor, nur wird er dort verdeckt ausgetragen.

Wie kann man seinen eigenen Neid bändigen, hilft da schon, weniger vergleichen?

Ja, weniger vergleichen, heißt weniger neiden! Das ist eine zentrale Strategie im Kampf gegen Neid. Dies sollten wir ergänzen, indem wir uns auf die eigenen Stärken konzentrieren nimmt und uns klar machen, was wir selbst können oder schon erreicht haben. Helfen tut genauso, den anderen etwas zu gönnen. Gönnen ist das Gegenteil von Neid.

(axk)