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Mit Weitblick: Fisheye- und Weitwinkelobjektive richtig einsetzen

Weiter weg - oder kürzere Brennweite?

Inhaltsverzeichnis

Grundsätzlich gibt es zwei Methoden, um ein Motiv bildfüllend aufzunehmen: Entweder, man geht so nah heran beziehungsweise so weit weg, bis es "passt", oder man wählt die geeignete Brennweite von einem vorgegebenen Standort aus (zusätzlich kann man noch nachträgliche Ausschnitte machen). Die Ergebnisse sind durchaus nicht gleichartig – Es gilt also, jeweils die passende Kombination aus Brennweite und Standort zu wählen, um die gewünschte Bildwirkung zu erhalten. Leider hat man dabei nicht immer die freie Wahl - manche Objekte, wie eine Kirche, lassen sich nicht von beliebig weit entfernten Standorten aufnehmen, ohne dass etwas störendes in den Vordergrund gerät. Oder das Wohnzimmer ist schlicht zu eng - spätestens dann entsteht der Wunsch nach einer kürzeren Weitwinkelbrennweite.

Das ist die "klassische" Perspektive mit stürzenden Linien bei starken Weitwinkelaufnahmen - Bildwinkel ca. 107 Grad diagonal.

Wenn man damit aber aus großer Nähe fotografiert, bekommt man es bei Gebäuden mit den gefürchteten "stürzenden Linien" zu tun, die daher rühren, dass der Blick aufwärts gerichtet werden muss, da der eigene Standort sich ja meistens auf Höhe der Grundmauern befindet, der Mittelpunkt des Gebäudes aber in 20, 30 oder 50 m Höhe dicht vor einem aufragt. In manchen Fällen können Tricks helfen - während und nach der Aufnahme. Wer sich professionell mit Architekturfotografie beschäftigt, sollte sich ein Tilt-Shift-Objektiv anschaffen (das ist ein Objektiv, dessen optische Achse man relativ zum Mittelpunkt des Aufnahmesensors verschieben und neigen kann). Damit lassen sich stürzende Linien ähnlich wie bei einer Balgenkamera vermeiden, und außerdem nach Scheimpflug die Schärfenebene neigen.

Eine andere Möglichkeit besteht bei extrem weitwinkligen Objektiven darin, die Kamera einfach genau waagrecht auszurichten und sich so weit von einem Gebäude zu entfernen, dass dessen Dach noch im Bild erscheint. Dabei nimmt man zwar in Kauf, dass unten eine Menge Vordergrund mit aufgenommen wird, doch läßt sich dieser ja ganz einfach durch nachträglichen Beschnitt im Fotoprogramm entfernen - oder besser noch kreativ mit einbeziehen. Sehr gut funktioniert aber auch das nachträgliche Geraderichten von stürzenden Linien per Software, teilweise sind entsprechende Funktionen schon in Fotoprogramme wie Photoshop eingebaut oder lassen sich als Plugin installieren. Oft ergibt sich aber ein natürlicherer Bildeindruck, wenn man einen Rest an perspektivischer Verzeichnung stehen läßt.

Die Perspektive ändert sich, wenn man je nach Brennweite näher herangeht oder weiter zurückweicht: je kürzer die verwendete Brennweite, desto dramatischer die Perspektive. Geht man nahe an ein Motiv heran - beispielsweise eine Person, oder ein Kreuz (siehe Bildserie), so wird der Hintergrund im Vergleich zum Vordergrund immer kleiner. Andererseits gibt es immer weniger "Freistellung" durch die Tiefen-Unschärfe. Also genau der gegenteilige Effekt wie bei einer Teleaufnahme, bei welcher der Schärfebereich gering ist und alles davor oder dahinter rasch unscharf wird - wobei natürlich noch die verwendete Blende eine Rolle spielt. Ein in Unschärfe verschwimmender Hintergrund wirkt ruhig, im Extremfall fast so, als würde man ein Motiv im Studio vor einem Hintergrundkarton aufnehmen, der Hintergrund stört also nicht. Bei Weitwinkelaufnahmen besteht eher die Gefahr, dass Details im Hintergrund, die nicht zum Bildinhalt "gehören", störend wirken und den Betrachter verwirren oder zumindest ablenken. Anders ist es, wenn man etwas kleines in der Nähe mit etwas großem im Hintergrund in Beziehung setzen will.

Spiegelreflexfotografen, die mit Wechselobjektiven arbeiten, sind es gewohnt, dass ihnen eine riesige Brennweitenbandbreite vom "Superweitwinkel" bis zum extremen Tele zur Verfügung steht, teils in Festbrennweiten, teils in Zoomobjektiven unterschiedlich breiter Bereiche und Abstufungen. Ausgehend von der klassischen "Normal"-Brennweite von 50 mm betrachtet man 35 mm als "leichtes Weitwinkel", 28 mm ist ein mittleres, 24 mm ein starkes Weitwinkel, es gibt aber auch "extreme" Weitwinkel mit Brennweiten bis herab zu 14 mm für das KB-Format. Die Einteilung ist mehr oder weniger subjektiv. Abgesehen von Festbrennweiten, die in ihrer optischen Qualität prinzipiell Zoom-Objektiven überlegen sind, haben sinnvoll abgestufte Zooms gegenüber den bei Laien beliebten "Superzooms" (vulgo: Suppenzooms) den Vorteil höherer Lichtstärken und sehr geringer Verzeichnungen an den Enden der Brennweitenbereiche.

So ist bei hohen Ansprüchen an die optische Qualität beispielsweise die Kombination eines 10-22 mm Weitwinkel-Zooms mit einem 17-50/55 "Universalzoom" und anschließend ein oder zwei Telezooms sinnvoller - aber auch teurer - als ein "Immerdrauf" von möglichst kurz bis möglichst lang, das dann meistens im Telebereich nur noch ein finsteres Sucherbild und eher matschige Fotos und im Weitwinkelbereich verzeichnete Bilder erzeugt.

Jedenfalls will der gestalterische Umgang mit extrem kurzen Brennweiten beziehungsweise großen Aufnahmewinkeln gelernt sein. Und irgendwann kommt man dann auf den Geschmack und spielt mit den besonderen Effekten von Weitwinkelperspektiven und setzt sie gezielt ein. Zu unterscheiden sind verschiedene Effekte, die sich teilweise als Störung oder Objektivfehler bemerkbar machen (Tonnen-Verzeichnung), teilweise aber geometrisch bedingt sind (Kugelverzerrung am Bildrand), in gewissen Fällen aber auch gewollt sind oder einem besonderen Abbildungskonzept entsprechen. (rst)