Mozilla streicht Stellen und Projekte

Das Firefox-Unternehmen ­entlässt ein Viertel seiner ­Belegschaft. Das könnte gravierende Folgen für ­offene Web­standards und Software­-Vielfalt haben.

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(Bild: Sundry Photography/Shutterstock.com)

Von
  • Herbert Braun

Seit mehr als 20 Jahren bestimmt Mitchell Baker die Geschicke von Mozilla – und damit auch die der Software-Projekte Firefox und Thunderbird – maßgeblich mit. Erst im April wechselte sie wieder auf den Chefposten der Mozilla Corporation. Ausgerechnet Baker legt nun die Axt an wichtige Teile des Open-Source-Unternehmens. Auf Twitter erntete Mozilla viel Enttäuschung und Wut für den selbst verordneten Schrumpfkurs: Rund ein Viertel der gesamten Belegschaft feuert die Corporation, darunter Entwickler wegweisender Projekte.

Wegen der Coronavirus-Pandemie habe sich die wirtschaftliche Situation noch einmal verschlechtert, die bisherigen Pläne für das Jahr 2020 seien damit nicht mehr durchführbar, erklärte Baker. Mozilla restrukturiere sich, um sich „stärker auf die Entwicklung neuer Produkte und deren Markteinführung zu konzentrieren“. So solle es eine neue Organisation geben, die Produkte voranbringt und monetarisiert – etwa den Empfehlungsdienst Pocket, den VR-Treffpunkt Hubs oder das kürzlich gestartete Mozilla VPN sowie neue Sicherheits- und Datenschutz-Tools.

Besorgnis weckt der Umstand, dass es sich nicht um die erste Entlassungswelle bei Mozilla handelt. Im März 2016 und im Januar 2017 verschwand das FirefoxOS-Team in zwei Wellen; im Januar 2018 schrumpfte der Standort in Taiwan, den das Unternehmen jetzt komplett auflöst. Erst Anfang dieses Jahres hatte sich das Open-Source-Unternehmen von 70 Mitarbeitern in Paris und London getrennt, um die europäischen Aktivitäten in Berlin zu konzentrieren. Ob die Berliner Niederlassung jetzt Stellen abbauen muss, war bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht bekannt.

Die aktuelle Entlassungswelle ist auf jeden Fall deutlich heftiger als alle früheren und geht mit einem Strategiewechsel einher: Firefox soll laut Baker nun durch „differenzierte Benutzererfahrungen“ wachsen, während an den weniger sichtbaren Stellen gestrichen wird: Die Umstellungen gehen zulasten von „Bereichen wie Entwickler-Tools, internen Tools und der Entwicklung von Plattformfunktionen“.

Zwar stellten sich Berichte, wonach Mozilla seine Sicherheitsabteilung entlassen habe, als übertrieben heraus – betroffen war nur eines von mehreren Teams. Offenbar bremst Mozilla jedoch die Arbeit an den Browser-Entwicklerwerkzeugen, womit sich Firefox für Webentwickler disqualifiziert.

Passend dazu hat das Unternehmen das fürs „Mozilla Developer Network“ (MDN) zuständige Team verkleinert. Als umfassendste und wichtigste Dokumentation von Webstandards ist das MDN für Webentwickler unverzichtbar. Zwar arbeiten mittlerweile auch Konzerne wie Google oder Microsoft am MDN mit, aber Mozillas Teilrückzug wird das Projekt zweifelsohne hart treffen.

Quo Vadis MDN: Mozilla lässt sein Developer Network im Stich. Nun ist unklar, wie es mit dem fürs offene Web wichtigen Dokumentationszentrum weitergeht.

Eines der langfristigen Projekte, um den Browser Firefox zu erneuern, läuft unter dem Codenamen „Servo“: Mozilla tauscht immer weitere Teile des Browserkerns aus, um diesen auf eine schnellere und sicherere Basis zu stellen. Zu diesem Zweck hatte Mozilla sogar eine neue Programmiersprache erfunden, die auch außerhalb des Unternehmens an Popularität gewinnt: Rust. Das Servo-Team ist anscheinend aufgelöst, allerdings soll die Arbeit an Rust-basierenden Browserkomponenten weitergehen. Das Core-Team ums Rust-Projekt hat in einem Tweet versichert, dass die Weiterentwicklung der Sprache nicht in „existenzieller Gefahr“ sei, eine eigene Stiftung zur Finanzierung sei in Planung.

Angesichts dieser Entscheidungen mangelte es nicht an Kritik und Vorschlägen, aber auch purer Häme. So machte sich Blogger Fefe darüber lustig, dass Mozilla 1000 Leute beschäftigt und dennoch bei „Firefox die letzten Innovationen auch schon ein bisschen zurückliegen“. Andere nahmen CEO Mitchell Baker wegen ihres Jahresgehalts von 2,5 Millionen US-Dollar aufs Korn. Dabei ist dieses nach US-Maßstäben nicht einmal besonders üppig, zumal Baker seit Gründungszeiten vor über zwanzig Jahren in der Unternehmensleitung arbeitet.

Mozilla-Chefin Mitchell Baker streicht Stellen, beispielsweise zu Lasten der beliebten Entwickler-Tools in Firefox.

(Bild: Mozilla Corporation)

Die Finanzsituation Mozillas ist recht stabil, das Geschäftsmodell paradox: Das Unternehmen bezieht 90 Prozent seiner Einnahmen von seinem größten Browser-Konkurrenten Google. Wie üblich bei unabhängigen Browserherstellern nimmt das Unternehmen nämlich Geld von Suchmaschinen ein, die im Browser voreingestellt sind. Im Augenblick hat Mozilla außer mit Google auch Verträge mit Yandex (Russland) und Baidu (China).

2018 wies Mozillas Bilanz 450 Millionen US-Dollar Einnahmen auf; 95 Prozent davon kamen aus Suchmaschinen-Deals, den größten Teil davon bezahlte Google. Nach Informationen von „The Register“ sprudelt diese Geldquelle auch weiterhin: Demnach haben die beiden Unternehmen erst vor Kurzem ihre Partnerschaft um drei Jahre verlängert, sodass Mozilla mit 400 bis 450 Millionen US-Dollar jährlich rechnen kann.

Kein schlechter Deal für Mozilla, denn die Nutzung von Firefox stagnierte in den vergangenen Monaten. Und da der Markt insgesamt wächst, schrumpft langsam, aber sicher der Marktanteil: Auf dem Desktop misst Netmarketshare einen Rückgang von 8,5 auf 7,5 Prozent innerhalb des letzten Jahres. Viel schlimmer sieht es auf Mobilgeräten aus, wo die meisten Nutzer einfach den vorinstallierten Browser benutzen – Firefox hat auf Smartphones einen Marktanteil von unter einem Prozent, Tendenz fallend.

Tatsächlich könnte Google ein Interesse daran haben, den kleinen Mitbewerber Mozilla am Leben zu erhalten, denn das kaschiert die erdrückende Marktmacht des Internetriesen und hält die Vision eines für alle offenen Web am Leben, die Google als Hebel gegen seinen Hauptrivalen Apple einsetzt. Die Umstrukturierung ist offenbar ein Versuch, mit neuen Produkten und Geschäftsmodellen unabhängiger von der Google-Nabelschnur zu werden – und das Eingeständnis, dass Firefox aus der Nische nicht mehr herauskommen wird. Warum angesichts stabiler Einnahmen so eine Neuausrichtung mit einem massiven Stellenabbau einhergeht, bleibt vorerst Mozillas Geheimnis.

Angesichts der schwindenden Marktanteile von Firefox steht die Gefahr im Raum, dass der Open-Source-Browser verschwindet oder zu einem nicht mehr konkurrenzfähigen Nischenprodukt verkommt. Zwar gibt es nach wie vor zahlreiche verschiedene Browser, aber die meisten von ihnen fußen technisch auf den Engines von Googles Chrome (Blink) oder Apples Safari (WebKit).

Während sich Mozillas „Gecko“-Engine außerhalb von Firefox nur in Nischenanwendungen wie SeaMonkey oder K-Meleon findet, müssen in iOS alle Browser einschließlich Firefox und Chrome die Safari-Engine benutzen, weil Apple dies vorschreibt. Auf den übrigen Betriebssystemen dominiert Chrome. Fast alle Implementierungen übernehmen nicht nur die Blink-Engine, sondern den kompletten Chromium-Browser – und dieser ist bis auf wenige Google-spezifische Komponenten identisch mit Google Chrome. Browser wie Opera, Edge, Vivaldi, Brave, Samsung Internet, UC Browser oder Yandex Browser sind also nichts anderes als mehr oder weniger dünne Wrapper um die eigentliche Software herum.

Denn kaum ein Unternehmen kann es sich leisten, hier eigene Wege zu gehen. Da sich Webstandards nach wie vor rasant weiterentwickeln und die Anforderungen an Performance, Standardkompatibilität und Sicherheit extrem hoch sind, verschlingt die Entwicklung einer eigenen Browser-Engine enorme Ressourcen – und man verdient kein Geld damit. Selbst Microsoft wollte sich diesen Luxus nicht mehr leisten und stellte Anfang des Jahres seinen Browser Edge auf das von Google entwickelte Chromium um. Opera ist diesen Schritt schon 2013 gegangen.

Auch für Firefox wäre das eine denkbare Zukunft: So benutzte der Mobil-Browser Firefox Focus (in Deutschland: „Firefox Klar“) auf Android in den ersten Versionen Blink in Form der Webview-Komponente des Betriebssystems, bevor Mozilla die Android-Version von Gecko einbaute.

Als letzter verbleibender unabhängiger Browser-Engine-Hersteller steht Mozilla in einem ungleichen Wettkampf gegen zwei Giganten mit eigenen Plattformen. Sollte Gecko tatsächlich verschwinden, blieben für Internetnutzer außerhalb der Apple-Sphäre praktisch nur noch Chromium-Browser in verschiedenen Gewändern.

Hier stellt sich die Frage: Wäre das überhaupt schlimm? Schließlich bliebe eine nachweislich gute und quelloffene Browser-Engine übrig. Anders als Microsoft, das während der Internet-Explorer-Dominanz eher für Stagnation und Entfremdung zu den Webentwicklern stand, hat Google ein vitales Interesse daran, die Webplattform weiterzubringen.

Aber der Konzern hätte damit auch eine beunruhigende Machtposition bei den technischen Grundlagen des freien Informationszugangs im Internet. Zwar haben auch Unternehmen wie Microsoft noch ein Wort mitzureden. Aber Mozillas Produkte als gut funktionierende Gegengewichte und das Unternehmen selbst mit seiner kontrollierenden Funktion zu Webstandards sind wichtig für ein offenes Web.

Dass plötzlich eine neue, erstklassige Browser-Engine auftaucht, die den Marktführer unter Druck setzt, lässt sich praktisch ausschließen. Alle aktuellen Engines haben eine Geschichte, die über zwanzig Jahre zurückreicht, Neuentwicklungen wären angesichts des enormen Aufwands kaum machbar. Wie beim Artensterben gilt: Was an Vielfalt verloren gegangen ist, kommt nicht wieder.

Dieser Artikel stammt aus c't 19/2020.

(hob)