Mutmaßlicher Deep Fake: Giffey telefoniert offenbar mit falschem Klitschko

Eine Videokonferenz zwischen der Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey und ihrem vermeintlichen Kiewer Amtskollegen Vitali Klitschko endete abrupt.

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Vitali Klitschko während einer Rede in Kiew im August 2020

(Bild: Blik Sergey/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey ist am Freitag anscheinend Opfer einer Täuschung geworden. Bereits vorab hatte die Senatskanzlei ein Gespräch der SPD-Politikerin mit ihrem Kiewer Amtskollegen Vitali Klitschko angekündigt. Ein Videotelefonat über das Konferenzprogramm Cisco Webex fand dann tatsächlich auch statt. Das Gegenüber sah dabei auch aus wie der frühere Boxweltmeister Klitschko. Es handelte sich aber um eine gezielte Manipulation, möglicherweise ein per Computer in Echtzeit erzeugtes "Deep Fake".

"Der Verlauf des Gesprächs und die Themensetzung haben auf Berliner Seite ein Misstrauen hervorgerufen", twitterte die Senatskanzlei am frühen Freitagabend. Die Videokonferenz sei daher "vorzeitig abgebrochen" worden. "Es besteht der Verdacht, dass die Person, mit der gesprochen wurde, nicht Vitali Klitschko war", hieß es weiter aus der Regierungszentrale der Hauptstadt zu der Unterredung im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk habe dies im Nachgang bestätigt.

"Es gehört leider zur Realität, dass der Krieg mit allen Mitteln geführt wird – auch im Netz", erklärte Giffey im Anschluss. Der Gegner versuche, "mit digitalen Methoden das Vertrauen zu untergraben" sowie Partner und Verbündete des überfallenen Landes zu diskreditieren.

Die erste Viertelstunde der Konferenz sei "völlig unauffällig" verlaufen, sagte die Senatssprecherin dem rbb. "Der vermeintliche Herr Klitschko hat gefragt, wie es uns mit den vielen ukrainischen Flüchtlingen geht."

Dann aber soll sich der Fake-Anrufer nach Sozialbetrug durch Geflüchtete erkundigt haben. Anschließend sei es um die Frage gegangen, ob Berlin ukrainische Männer zum Kämpfen zurück in ihre Heimat schicke. Zu diesem Zeitpunkt brach die Schalte dem Vernehmen nach auch aus technischen Gründen zusammen.

Foto der Videokonferenz von Franziska Giffey mit dem vermeintlichen Vitali Klitschko.

(Bild: Senatskanzeil Berlin via Twitter)

"Allem Anschein nach war es ein Deep Fake", erläuterte eine Senatssprecherin inzwischen gegenüber mehreren Medien. Der Videocall dauerte den Berichten zufolge eine halbe Stunde.

Eine Bildschirmaufnahme der Senatskanzlei zeigt in einem Fenster neben Giffey eine Person vor einer blau-gelben Flagge, die aussieht wie Klitschko. Der 50-Jährige bestätigte der "Bild", dass er nicht mit seiner Amtskollegin gesprochen habe. Er hoffe, "dass wir bald über meine offiziellen Kanäle telefonieren können." Zugleich betonte der gut deutsch sprechende Politiker: "Ich brauche dann auch keine Übersetzer."

Der Termin wurde laut dem Tagesspiegel über die Protokollabteilung der Senatskanzlei Anfang Juni vereinbart. Die ukrainische Seite habe darum gebeten. Über welche Kanäle der Kontakt konkret zustande gekommen sei, werde noch untersucht.

Giffey ist nicht die einzige Geprellte. In anderen europäischen Rathäusern kam es zu ähnlichen Vorfällen. In Madrid etwa wurde Bürgermeister José Luis Martinez-Almeida bei einem solchen Videotelefonat mit dem vorgeblichen Klitschko laut Berichten rasch argwöhnisch und brach das Gespräch von sich aus ab.

Der Rathauschef von Wien, Michael Ludwig, soll einem falschen Klitschko dagegen komplett aufgesessen sein. Laut "Spiegel" hatte der Sozialdemokrat selbst noch bis Samstagmittag Inhalte des Gesprächs auf Twitter zusammengefasst. Die Tweets sind mittlerweile gelöscht worden. "Es gab keine Indizien dafür, dass das Gespräch nicht mit einer realen Person geführt wurde", habe die Stadt Wien mitgeteilt.

Die Senatskanzlei hat den Fall an den Staatsschutz des Landeskriminalamtes (LKA) übergeben, um die Hintergründe aufzuklären. Die Berliner Polizei bestätigte entsprechende Ermittlungen. Es sei Anzeige wegen Vorspiegelung einer falschen Identität gegen Unbekannt erstattet worden.

Die Bundesregierung verfolgt die technologische Entwicklung im Bereich Bild-, Audio- oder Videomanipulationen, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) teils täuschend echt wirken, bereits seit Längerem voller Sorge. "Deep Fakes können eine große Gefahr für Gesellschaft und Politik darstellen, wenn sie dazu genutzt werden, die öffentliche Meinung zu manipulieren und den politischen Prozess gezielt zu beeinflussen", hob sie 2019 hervor. Die Technik könne demokratische Prozesse bedrohen und die Kriminalitätsbekämpfung erschweren.

(ciw)