NFTs und der Traum vom großen Geld

Über das Jahr 2021 gab es gefühlt kaum ein anderes IT-Thema als den Markt um Non-fungible Tokens. Ein Kalenderjahr später herrscht beinahe Stille.

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Non Fungible Token verbrennt
Von
  • André Kramer
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Der britische Künstler Damien Hirst hat vor einem Jahr ein Experiment gestartet: Er verkaufte 10.000 einzigartige Punktgemälde der Kollektion "The Currency" für jeweils 2000 US-Dollar als Gemälde oder NFT. Laut Hirsts Twittermeldung von Ende Juli haben sich 5149 Käufer für das physische Werk, 4851 für das digitale entschieden. Ab dem 9. September geht nun täglich ein verschmähtes Gemälde nach dem anderen in Flammen auf. Die NFTs gehen derweil auf dem Marktplatz OpenSea für rund 5,6 Ether oder 9400 Euro über den Tresen, die echten Gemälde in Auktionshäusern für etwa 30.000 Euro. NFT-Käufer machen aktuell zwar Profit mit diesem kontrovers diskutierten Projekt, Gemäldeeigner aber deutlich mehr.

Außerdem hat sich die Mehrheit gegen das NFT entschieden. Das Vertrauen der Käufer scheint zu schwinden. Bei einem Non-fungible Token handelt es sich um eine Art Eigentumsnachweis für ein digitales Gut. So wird aus einem unbegrenzt kopierbaren JPEG in gewisser Weise ein Unikat. Ihren Ursprung nahmen NFTs im Jahr 2017 im Blockchain-Spiel CryptoKitties. In der Folge bildete sich ein Markt um Kunst und Schrott, der nahezu alles zu tokenisieren versuchte: vom Kunstwerk im JPEG-Format bis zum Farbton.

Mittlerweile distanzieren sich selbst erzkapitalistische Tech-Konzerne von der Technik. Microsoft hat im Minecraft-Blog Ende Juli eine Erklärung veröffentlicht, in der es heißt: "Integrationen von NFTs in Minecraft sind generell nichts, was wir unterstützen oder erlauben werden." Der Blog-Eintrag erklärt die Entscheidung damit, dass die Minecraft-Community auf alle Inhalte zugreifen können soll, NFTs aber ein Mittel seien, um "Mangel und Ausschluss" zu erzeugen. Damit stünden sie in Konflikt mit dem Geist Minecrafts.

Um sicherzustellen, dass Minecraft-Spieler eine "sichere und inklusive” Erfahrung machen, sei Blockchain-Technik nicht zugelassen. Das war deutlich. NFTs sind nach CryptoKitties auf vielen Umwegen wieder beim Onlinespielen angekommen, aber nicht mehr erwünscht.

Reddit verkauft NFT-ähnliche "Collectible Avatars” – und zieht damit den Zorn der Community auf sich.

Reddit verkauft "Collectible Avatars", vermeidet dabei aber den Begriff NFTs. Dabei sind die Sammelbilder echten NFTs zum Verwechseln ähnlich. Sie setzen auf der Polygon-Blockchain auf. Kaufen kann man sie mit herkömmlichen Währungen, NFTs nur mit Ether unter horrenden Nebenkosten. Die Reddit-Community ist dennoch nicht amüsiert: "Smells like nft spirit" lautet der Kommentar mit den meisten Reaktionen unter der Ankündigung auf Reddit. 

Namhafte freischaffende Künstler wie Damien Hirst oder Johann König und erfolgreiche Fotografen verdienen auf seriöse Weise Geld mit NFTs. Auch Krypto-Newcomer wie der Bored Ape Yacht Club (BAYC) und die CryptoPunks haben wertbeständige NFT-Werke angeboten. Das Volumen des BAYC wuchs von 5199 Ether im Juli 2021 (damals 9,7 Mio. Euro) auf 15.409 Ether (aktuell 25,8 Mio. Euro) ein Jahr später. Ihr Wachstum verdankt das Projekt prominenten Unterstützern wie Jimmy Fallon, Eminem, Madonna und Justin Bieber, ohne die die Affenbilder von BAYC einfach nur Affenbilder sind.

Neben diesen landauf, landab bekannten Vertretern haben sich vor allem zwei Gruppen von NFT-Anbietern hervorgetan. Die eine Gruppe versucht, die Erfolge des BAYC zu kopieren, indem sie das Konzept mit Faultieren, Godzillas, Pinguinen oder Bärchen abwandelt – ähnlich wie Bored Apes eine Variante der CryptoKitties sind. Käufer haben in immer neuen Kollektionen dieser Art das "nächste große Ding" vermutet, und zwar vergleichsweise kleine Beträge investiert, aber oftmals nur Pixelmüll erworben. Beim "Sweepen" kaufen Nutzer Restbestände von Kollektionen billig auf, in der Hoffnung, dadurch die Nachfrage zu erhöhen – mit zweifelhaftem Erfolg, denn es kommt immer eine neue Kollektion nach, die die gerade gesweepte vergessen macht.

NFTs sollten digitale Güter künstlich verknappen. Jetzt gibt es derart viele Kollektionen aus sammelbaren Tierbildern auf OpenSea, dass von Seltenheit keine Rede sein kann.

Die zweite Gruppe NFT-Anbieter versucht, bekannte Markenartikel mit aufwendigen Werbekampagnen auch digital zu Geld zu machen. Disney verscherbelt quasi alles von der Zeichentrickprinzessin über Bart Simpson bis hin zu Darth Vader und Spiderman als digitale Sammelkarte. Auch Käufer dieser Bilder können selten auf Wertsteigerung hoffen, weil ihnen für das Bewerben ihres Weiterverkaufsangebotes schlicht das Marketingbudget fehlt, mit dem Disney & Co. sie eingefangen haben. Ständig kommt neues Material nach, das mit dem Interesse am Gebrauchtmarkt konkurriert.

Dass sich der Wind dreht, spüren auch die Betreiber des Portals OpenSea. Sie haben Mitte Juli 20 Prozent ihres Personals abgebaut. "Die Realität ist, dass wir eine beispiellose Kombination aus Kryptowinter und makroökonomischer Instabilität erreicht haben", schrieb OpenSea-CEO Devin Finzer auf Twitter.

Kryptowinter klingt in den Ohren von NFT-Sammlern gar nicht gut. NFTs setzen auf der Ethereum-Blockchain auf und sind damit untrennbar mit der Kryptowährung Ether verknüpft. Deren Kurs fiel von über 4000 zwischenzeitlich auf 1000 Euro und scheint sich vorläufig um die 1800 Euro zu stabilisieren. Der Bitcoin-Kurs dümpelt derzeit bei rund 23.000 Euro; Ende 2021 lag er bei fast 60.000 Euro.

Nachrichten häufen sich über Ausstiege großer Player: Tesla hat mehr als 75 Prozent seiner Bitcoin-Reserven mit Verlust verkauft. Im Januar 2021 hatte Tesla Bitcoin im Wert von 1,5 Millliarden US-Dollar gekauft. Wer in solchen Größenordnungen handelt, beeinflusst den Kurs einer Währung enorm, die nichts weiter vorweisen kann als das Vertrauen ihrer Anhänger.

Die Folge: Personalabbau, wohin man schaut. Der Kryptoverleih BlockFi hat 20 Prozent seiner Leute gekündigt und bietet den verbliebenen Mitarbeitern Abfindungen an, wenn sie freiwillig gehen. Der Verleih Celsius ist bankrott. Die Kryptobörse Gemini hat ein zweites Mal zehn Prozent Personal abgebaut. Blockchain.com hat 25 Prozent seiner Mitarbeiter gekündigt.

Blockchain-Währungen haben sich nicht als stabilisierender Fels in der Brandung abseits traditioneller Banken und Aktiengesellschaften entwickelt. Stattdessen reagieren sie noch empfindlicher auf Krisen wie den Ukrainekrieg, weil ihnen handfeste Gegenwerte fehlen. Kleinanleger, die auf NFTs setzten, verlieren durch Kursschwankungen bares Geld, sogar wenn die NFT-Preise selbst stabil bleiben.

Zum Preisverfall gesellen sich Horrormeldungen über gehackte Börsen, Phishing-Attacken und Betrug innerhalb der Betreiberfirmen selbst. Ein Auszug aus der Liste der im Juli 2022 gemeldeten Vorfälle: Der Gründer der Kryptowährungsplattform My Big Coin wird wegen Diebstahls von Kundeneinlagen in Höhe von sechs Millionen US-Dollar verurteilt, ein ehemaliger Coinbase-Mitarbeiter in jeweils zwei Fällen wegen Computerbetrugs. Die Kryptofirma Hypernet stellt kurz nach Betrugsvorwürfen ihren Dienst ein.

In Südkorea führt die Polizei bei den Betreibern von sieben Kryptobörsen Razzien durch. Die Cyber-Abteilung des FBI warnt vor Kryptoinvestment-Apps, die knapp 43 Mio. US-Dollar erbeutet hätten. Ein NFT-Sammler hat 100 Ether (etwa 150.000 Euro) beim Spaßbieten verloren. Hacker haben den NFT-Dienst Premint attackiert und 314 NFTs gestohlen; die NFT-Plattform Omni wurde in einer Attacke um 1,4 Mio. US-Dollar erleichtert. Mit Hacks gegen Blockchain-Plattformen wurden alleine im ersten Halbjahr 2022 fast zwei Milliarden US-Dollar geklaut.

Dramatische Kursschwankungen, ein Überangebot an NFTs und eine Szene, die Betrüger anzieht wie ein rohes Schnitzel in der Sonne die Wespen – all das verprellt Käufer, die vor einem Jahr noch das große Geld gewittert haben. Der Markt war lange auf grenzenloses Wachstum ausgelegt. Nun schrumpft er sich gesund. Und mit ihm schrumpfen die Preise für so manches Tierbildchen.

c't Ausgabe 25/2022

(Bild: 

c't 24/2022

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In der c't 25/2022 haben wir uns Smartphones von 50 Euro bis 2000 Euro angeschaut und erklären, was Käufer von Einsteiger-, Mittelklasse- und High-End-Geräten erwarten dürfen. Es muss auch nicht immer neu sein: Mit unseren Tipps verlängern Sie das Leben Ihres aktuellen Smartphones. KI-Bildgeneratoren sind zurzeit in aller Munde. c't zeigt, was die künstlichen Künstler leisten und wie man Ihnen prächtige Bilder entlockt. Dazu widmen wir uns den rechtlichen und moralischen Fragen. Außerdem installieren wir Linux auf Macs mit Apple-Chips, zocken Retro-Games auf dem Steam Deck und das c't-Labor hat einen neuen Rekord zu vermelden. Das alles und noch mehr lesen Sie in c't 25/2022.

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(akr)