Nach Baubeginn für Chinas Raumstation: Raketenstufe vor unkontrolliertem Absturz

Für den Bau der eigenen Raumstation setzt China auf eine Rakete, deren Hauptstufe nicht kontrolliert abstürzt. Erneut könnte das nun gefährlich werden.

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(Bild: Shutterstock)

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  • Martin Holland

Nach dem Start des Kernmoduls der geplanten chinesischen Raumstation Tianhe warnen Experten, dass ein Teil der Transportrakete unkontrolliert zur Erde stürzen werde. So kritisiert etwa Jonathan McDowell vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics die Verantwortlichen scharf, weil sie den Absturz bei der Entwicklung der Rakete eingeplant hätten.

Bei der eingesetzten Rakete des Typs "Langer Marsch 5B" sei die Hauptstufe nicht für einen kontrollierten Absturz vorgesehen, kritisiert der Astrophysiker McDowell. Schon beim ersten Start dieser Version hatte es Berichte über Metallteile gegeben, die in der Elfenbeinküste über bewohntem Gebiet abgestürzt waren und mehrere Häuser beschädigt hatten.

Nach dem Start der Rakete vergangene Woche hatte die westliche Raumfahrt-Community den Chinesen gratuliert. Die junge Raumfahrtnation stellt mit dem Bau einer eigenen Raumstation einmal mehr ihre großen Ambitionen und beträchtliche Expertise unter Beweis.

Wenn die veraltete internationale Raumstation ISS wie geplant in wenigen Jahren ihren Dienst einstellt, wäre China die einzige Nation mit einem ständigen Außenposten im Weltraum. Die chinesische Station "Tiangong" (Himmelspalast) soll weniger als halb so groß werden wie die ISS mit 240 Tonnen. Das nun in eine Umlaufbahn gebrachte Kernmodul Tianhe (Himmlische Harmonie) ist 22 Tonnen schwer.

Nun wird China kritisiert, bei der Rakete "Langer Marsch 5B" keine Maßnahmen vorgesehen zu haben, um einen kontrollierten Absturz über unbewohntem Gebiet sicherzustellen. Das sei nicht mehr üblich, betont McDowell. Seit dem unkontrollierten Absturz des US-Raumlabors Skylab 1979 würden andere Raumfahrtnationen oder -unternehmen die Hauptteile ihrer Raketen so manövrieren, dass sie gezielt über unbewohnten Gegenden abstürzen.

"Mit der Langer Marsch 5B hat China keinen dieser Ansätze verfolgt", kritisiert McDowell gegenüber der dpa. Sie sei so gebaut, dass sie an einem "willkürlichen Ort" abstürze: "Das Design ist fahrlässig im Vergleich zu gegenwärtigen Standards anderer Länder."

Die Raketenhauptstufe rast gegenwärtig in etwa 90 Minuten einmal um die Erde und sinkt bereits langsam ab, erklärte McDowell auf Twitter. Im Moment sehe es so aus, als würde sie am 10. Mai abstürzen. Wo genau könnte man erst kurz zuvor abschätzen und es sei immer noch am wahrscheinlichsten, dass Trümmer, die nicht verglühen, über unbewohntem Gebiet abstürzen. Aber es bestehe eben ein gewisses Restrisiko, dass das es doch besiedelte Gebiete trifft.

Die Risikozone umfasst jeden Teil der Erdoberfläche zwischen dem 41. Grad nördlicher und dem 41. Grad südlicher Breite, erklärte die Europäische Weltraumagentur ESA. Damit ist Deutschland zwar sicher, aber ganz Afrika, Südamerika, große Teile Nordamerikas und Asiens liegen in diesem Gebiet.

Abgesehen von der ersten unkontrolliert abgestürzten chinesischen Raketenstufe aus dem vergangenen Jahr ist die rund 20 Tonnen schwere Stufe das größte Trümmerstück seit Jahrzehnten. Das 2019 unkontrolliert über dem Pazifik verglühte chinesische Raumlabor Tiangong 2 kam beispielsweise auf lediglich rund neun Tonnen Masse. Angesichts dessen, dass der unkontrollierte Absturz der Raketenstufe im Design der Langer Marsch 5B angelegt ist, dürfte es auch nicht das letzte Mal sein, dass es derartige Warnungen gibt. Laut Andrew Jones von SpaceNews sind allein für den Aufbau der Raumstation Tiangong zwei weitere Starts einer Langer Marsch 5B vorgesehen.

(mho)