Nach Stallmans Rückkehr: Weiter Ungemach in der FSF

Führungskräfte und wichtige Unterstützer wie der Linux-Distributor Red Hat kehren der Free Software Foundation den Rücken.

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Der umstrittene GNU-Guru Richard Stallman

Die Rückkehr von Stallman in den FSF-Vorstand wird zur Zerreißprobe

(Bild: CC BY-SA 3.0)

Von
  • Teo Lukas

Wichtige Unterstützer aus der Wirtschaft verlassen die FSF, während Vorstandsmitglieder und Führungskräfte aus der Organisation austreten, damit protestieren sie gegen die Rückkehr des umstrittenen Gründers Richard M. Stallman in den Vorstand der gemeinnützigen Organisation in der vergangenen Woche. Vorläufiger Höhepunkt des darauffolgenden Shitstorms aus Unterstützern und Kritikern des GNU-Gurus ist die Ankündigung des Software-Unternehmens Red Hat, die FSF nicht mehr finanziell zu unterstützen.

"Red Hat ist ein langjähriger Spender und Mitwirkender an Projekten, die von der FSF verwaltet werden -- mit Hunderten von Mitwirkenden und Millionen von Codezeilen, die beigetragen wurden. In Anbetracht der Umstände des ursprünglichen Rücktritts von Richard Stallman im Jahr 2019 war Red Hat entsetzt zu erfahren, dass er wieder in den Vorstand der FSF eingetreten ist. Infolgedessen stellen wir mit sofortiger Wirkung alle Red Hat-Finanzierungen für die FSF und alle die Unterstützung von der FSF ausgerichteten Veranstaltungen ein. Darüber hinaus haben uns viele Red Hat-Mitarbeiter mitgeteilt, dass sie nicht länger planen, an von der FSF geleiteten oder unterstützten Veranstaltungen teilzunehmen, und wir stehen hinter ihnen.“, heißt es in der Erklärung aus der Konzernzentrale in Raleigh (North Carolina).

Red Hat habe den FSF-Vorstand bereits 2019 aufgefordert das Ausscheiden von Stallman nach dessen umstrittenen Aussagen zu nutzen, um eine diversere und inklusivere Besetzung des Vorstandes vorzunehmen. “Richard Stallmans Rückkehr hat Wunden wieder aufgerissen, von denen wir gehofft hatten, dass sie nach seinem Weggang langsam heilen würden. Wir glauben, dass die FSF grundlegende und dauerhafte Änderungen an ihrer Führung vornehmen sollte, um das Vertrauen der breiteren Freien-Software-Gemeinschaft wiederzugewinnen“, heißt es weiter.

Red Hat hat zwar nicht bekannt gegeben hat, wie viel es der FSF gespendet hat, aber die Summe dürfte beträchtlich sein. Aus den letzten öffentlich zugänglichen Finanzdokumenten der FSF geht hervor, dass von den Gesamteinnahmen rund 708.016 Dollar aus Mitgliedsbeiträgen stammen, der Löwenanteil in Höhe von in Höhe 1,38 Millionen US-Dollar von Unternehmensspendern wie Red Hat. Und weitere Firmen wenden sich von der FSF ab. So twitterte die CEO von SUSE, Melissa Di Donato: "Wir sind besser als das. Die Welt hat etwas Besseres verdient. Als Führungskräfte ist es an der Zeit, sich zu äußern und Stellung zu beziehen, wenn abscheuliche Entscheidungen getroffen werden. Diese Zeit ist jetzt. Ich bin enttäuscht von der Entscheidung der FSF und stehe fest gegen alle Formen von Frauenfeindlichkeit und Bigotterie."

Richard Stallman hatte seine Rückkehr zur FSF vor gut einer Woche publik gemacht. "Ich plane nicht, ein zweites Mal zurückzutreten", erklärte er dabei. Stallman gründete die FSF im Jahr 1985 als steuerbefreite Wohltätigkeitsorganisation "für die Entwicklung freier Software". Er stand ihr bis zum 16. September 2019 als Präsident vor. Von seinem Vorstandsamt und dann aus dem Vorstand zurückgetreten war er nach Druck aus der eigenen Organisation. Den Anstoß dafür gaben Stallmans Kommentare zu sexuellem Missbrauch in der Affäre rund um Jeffrey Epstein und den MIT-Professor Marvin Minsky

Dem inzwischen verstorbenen Minsky war eine sexuelle Beziehung zu einer 17-Jährigen vorgeworfen worden. Epstein habe das Mädchen dazu auf seine Insel einfliegen lassen. Stallman verteidigte Minsky auf einer internen MIT-Mailingliste und stellt infrage, dass es sich um Vergewaltigung gehandelt habe. Laut US-Medien äußerte er dabei unter anderem, dass sich die junge Frau wahrscheinlich Minsky bereitwillig präsentiert habe, weil sie unter Zwang Epsteins stand.

Trotz dieser Äußerungen hat Stallmann aber auch noch eine große Zahl von Unterstützern, mehr als 4100 von ihnen unterzeichneten einen offenen Brief veröffentlicht auf der Microsoft-eigenen Github-Seite, große Organisationen wie beim Brief der Kritiker sind bislang nicht darunter. Ihre Mitgliedschaft in der FSF ausgesetzt hat indes auch die Document Foundation, die Organisation hinter LibreOffice, sie werde "jede Aktivität mit dieser Organisation und ihren Vertretern einstellen." Innerhalb des Debian-Projekts, die einzige Mainstream-Linux-Distribution, die manchmal GNU/Linux verwendet, wird derzeit abgestimmt, ob man sich der Förderung nach Stallmans Rücktritt anschließe.

Stallman selbst hält sich unterdessen mit Kommentaren zurück. Auf seiner persönlichen Seite steht nur: "Ich bin weiterhin der Chief GNUisance, des GNU Projekts. Dies ist mein langfristiges Engagement und ich plane, es fortzusetzen." Angesichts der anhaltenden Meinungsverschiedenheiten, der harschen externer Kritik und reduzierter finanzieller Ressourcen, scheint es aber schwer vorstellbar, dass die FSF mit ihrem umstrittenen Vorstandsmitglied noch lange Zeit weitermachen kann.

(tol)