Nach Zerstörung von Nord Stream 1: Eon schreibt die Leitung fast komplett ab

Nach dem turbulenten Sommer rund um die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream folgt jetzt ein rechtliches und finanzielles Nachspiel. Uniper verlangt Schadensersatz.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 344 Beiträge
Ansicht vom Bau der Nord Stream 1 Pipeline

Im August 2010 wurden in der Bucht von Portovaya (Russland) die beiden Pipelinestränge von Nord Stream 1 angelandet. Die 12 Meter langen Rohre haben ein Gewicht von jeweils rund 24 Tonnen. Insgesamt ist die Ostsee-Pipeline zwischen Russland und Deutschland rund 1200 Kilometer lang.

(Bild: Nord Stream AG)

Die Einstellung der russischen Gaslieferungen über die Ostseepipeline Nord Stream 1 und ihre teilweise Zerstörung durch schwere Sabotage haben nun auch rechtlich und finanziell ein Nachspiel. Der vor der Verstaatlichung stehende Energiekonzern Uniper verlangt vom russischen Gaskonzern Gazprom Schadenersatz für Lieferausfälle und zieht laut einem Medienbericht vor ein Schiedsgericht. Der Energiekonzern Eon schreibt die Gaspipeline indessen buchstäblich ab, womit die Chancen auf eine Reparatur und Wiederinbetriebnahme offensichtlich als sehr gering eingeschätzt werden.

Eons Einschätzung zur Zukunft der Nord-Stream-Pipeline findet sich recht unscheinbar auf Seite 4 des aktuellen Quartalszahlenberichts für das Q3/2022. So hält der Energiekonzern in seinem Planvermögen für Pensionen eine Beteiligung von 15,5 Prozent an der Nord Stream AG vor, die Betreiberin der Ostseepipeline ist. Eon ist zusammen mit Wintershall Dea, N.V. Nederlandse Gasunie, Engie und Mehrheitseigner Gazprom Teil eines Konsortiums, das die Pipeline betreibt.

Infolge der schweren Sabotage und der Zerstörung auf mehreren hundert Metern Länge, die sich Ende September ereignete, schreibt Eon diese Beteiligung jetzt ab. Sie steht jetzt nur noch mit 100 Millionen Euro in den Büchern. Bereits im ersten Halbjahr hatte Eon den Wert von einst 1,2 Milliarden Euro auf 500 Millionen Euro reduziert, wie die Wirtschaftswoche berichtet.

Wer hinter den schweren Schäden an Nord Stream 1 und der niemals in Betrieb genommenen, aber fertiggestellten Pipeline Nord Stream 2 steckt, ist bis heute unbekannt. Nahe der dänischen Insel Bornholm waren vier Lecks entdeckt worden, aus denen Gas austrat. Erst vor kurzem konnten die Betreibergesellschaften erstmals mit Spezialschiffen die Schäden vor Ort in Augenschein nehmen. Es wird zumindest eine Chance gesehen, einen Strang der Pipeline Nord Stream 2 kurzfristig in Betrieb zu nehmen. Diese müsste aber erst das Zulassungsverfahren in Deutschland durchlaufen.

Uniper verlangt indessen Schadenersatz für die ausgebliebenen Gaslieferungen durch Gazprom. Ein Sprecher erklärte gegenüber dem MDR, das Unternehmen bereite die notwendigen Schritte vor, um vor ein Schiedsgericht zu ziehen. Deutschlands größter Gasimporteur geriet durch die Einstellung der russischen Gaslieferungen über Nord Stream 1 in eine wirtschaftliche Schieflage und benötigte deshalb wiederholt Staatshilfen. Uniper spricht von einem Vertragsbruch. Wegen diverser Lieferverpflichtungen an Kunden in Deutschland und im Ausland musste das Unternehmen zu hohen Preisen Ersatz einkaufen. Bis Ende September wies Uniper einen Verlust von 40,3 Milliarden Euro aus.

Im Sommer hatte Russland die Transporte zunächst gedrosselt und für Wartungen gestoppt. Schließlich wurden die Lieferungen ganz eingestellt – als Begründung wurde gesagt, dass auf russischer Seite weiterer Wartungsbedarf bestehe. Allerdings hat Gazprom seither auch nicht auf alternative Leitungswege zurückgegriffen, um den Lieferausfall zu kompensieren. Die Bundesregierung argumentiert, dass eine Reaktivierung von Nord Stream 1 oder eine erstmalige Aktivierung von Nord Stream 2 gar nicht nötig wäre, um die Gaslieferungen aus Russland wieder zu erhöhen.

(mki)