Nachruf: Open-Source-Welt trauert um Jörg Schilling

Jörg Schilling war Verantwortlicher der cdrtools und engagierter Open-Source-Verfechter. Am Sonntag verstarb er an den Folgen einer Krebserkrankung.

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Jörg Schilling bei einem Vortrag rund um POSIX bei den Chemnitzer Linux Tagen im Jahre 2015.

(Bild: Chemnitzer Linux Tage / YouTube)

Von
  • Martin Gerhard Loschwitz

Jörg Schilling ist tot. Der vor allem im Linux- und UNIX-Umfeld zu einiger Bekanntheit gelangte Forscher und Programmierer dürfte Anwendern vorrangig wegen seiner Werkzeuge zum Brennen von CDs unter Linux in Erinnerung geblieben sein: Er zeichnet für die "cdrtools" verantwortlich, zu denen Programme wie "mkisofs" und "cdrecord" zählen. Als CD-Brenner für den durchschnittlichen Anwender gerade erst leistbar wurden, war es mithin Jörg Schilling, der die passenden Programme unter Linux entwickelte und überhaupt erst verfügbar machte.

Doch Jörg Schilling interessierte sich nicht nur für das Brennen von CDs und später DVDs. Immer wieder erklärte und verteidigte er auf Konferenzen und Messen sowie bei Vorträgen die Grundzüge des POSIX-Standards und die Paradigmen, die UNIX seit Jahrzehnten zugrunde liegen. Lange Zeit brachte er sich als Entwickler beim OpenSolaris-Projekt und später auch bei dessen Nachfolger Illumos ein. So geht auf ihn die Schily-Bourne Shell zurück – und auch star, laut eigener Aussage die "erste freie Implementation von Tar überhaupt", entstammt seiner Feder.

Obendrein widmete sich Schilling aktiv der Verbreitung von quelloffener Software. Das mittlerweile eingestellte Software-Verzeichnis BerliOS, eine Art früher Vorgänger von GitHub, geht etwa maßgeblich auf ihn zurück.

Jedoch war Jörg Schilling auch streitbar: unvergessen etwa sein Zwist mit Debian GNU/Linux im Jahre 2006. Schilling hatte die Lizenz der "cdrtools" von der GNU GPL hin zur Common Development and Distribution License geändert – also zu der Lizenz, unter der seinerzeit auch OpenSolaris erschien. Die Free Software Foundation betrachtet die CDDL indes als mit der GNU GPL bei "abgeleiteten Werken" als inkompatibel. Die meisten Debian-Entwickler schlossen sich dieser Ansicht seinerzeit an. Kurzerhand warf man daher "cdrtools" aus der Distribution und ersetzte sie durch einen Fork – dessen in seinen Augen mindere Qualität in den kommenden Jahren Schilling heftig zu kritisieren nicht müde wurde.

Schillings Zorn traf dabei oft genug nicht nur die Macherinnen und Macher von Debian GNU/Linux, sondern auch Beobachterinnen und Beobachter, die über den Konflikt schrieben und sich flugs wortgewaltig der Parteinahme beschuldigt sahen – etwa auch hier im Forum. Inhaltlich ging es ihm dabei nie um die Person, sondern stets um die Sache, er war ein leidenschaftlicher Verfechter von guter und gut geschriebener Software. Aus heutiger Sicht gehört der "cdrtools"-Zwist freilich längst zur Folklore um Open-Source-Software, denn das Brennen von CDs oder DVDs scheitert heute meist bereits am Fehlen entsprechender Hardware.

Weit über seine berufliche Tätigkeit hinaus hatte Jörg Schilling sich im deutschsprachigen Raum als profunder Kenner von UNIX und den POSIX-Standards etabliert. In diversen Verfahren zur Standardisierung von Betriebssystemen war er maßgeblich involviert. Bis zuletzt war er gern gesehener Redner auf Veranstaltungen wie den Chemnitzer Linux-Tagen. Neben der technischen Komponente verteidigte Schilling dabei auch regelmäßig und kompromisslos die Idee von "Copyleft"-Software, also des Open-Source-Prinzips.

Am 10. Oktober verstarb Jörg Schilling nach Angaben von Freunden an den Folgen einer Krebserkrankung.

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(fo)