"Nahtoderfahrung" eines Weltraumteleskops: ESA rettet Integral-Sonde

Das ESA-Weltraumteleskop Integral stand vor wenigen Wochen kurz vor dem unerwarteten Ende. Durch schnelles Handeln konnte die Sonde knapp gerettet werden.

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Künstlerische Darstellung von Integral

(Bild: ESA)

Von
  • Martin Holland

Die ESA und Airbus haben Ende September durch schnelle Reaktionen ein Weltraumteleskop gerettet, das teilweise nur noch Strom für drei Stunden hatte. Das hat die Europäische Weltraumagentur nun öffentlich gemacht und erklärt, wie die Rettung abgelaufen ist. Das seit fast 20 Jahren aktive Gammastrahlen-Weltraumteleskop Integral kann damit den Weltraum noch etwas weiter erforschen. Es hatte plötzlich angefangen, sich unkontrolliert zu drehen, was nicht nur die Kommunikation mit der Erde erschwerte, sondern auch die Energiegewinnung der Sonnenkollektoren, die nur noch kurz der Sonne zugewandt waren. Bis mitten in die Nacht und größtenteils aus dem Homeoffice – beziehungsweise sogar aus dem Zug – gelang es dem Team, die Sonde zu stabilisieren und zu retten.

Wie die ESA nun erläutert, ereignete sich die "Nahtoderfahrung" am 22. September, als plötzlich eines der drei Reaktionsräder der Sonde die Arbeit einstellte. Damit richtet sich die Sonde eigentlich im Weltraum aus. In der Folge habe sie begonnen, sich unkontrolliert zu drehen. Die genaue Ursache der Fehlfunktion kennen die Verantwortlichen demnach nicht, sie haben aber den Verdacht, dass geladene Teilchen aus dem Van-Allen-Strahlungsgürtel ein sensibles Element der Elektrik getroffen und dessen Funktion gestört hat. Durch die Rotation hätten die Akkus begonnen, sich schnell zu entleeren und der Sonde blieb nur noch Energie für drei Stunden. Es habe die akute Gefahr bestanden, dass die Mission nach 19 Jahren unerwartet plötzlich zu Ende gehen würde.

Zwar habe man das Reaktionsrad rasch wieder aktivieren können, erläutert das Team nun, aber die Sonde habe sich trotzdem weitergedreht – ungefähr einmal alle 21 Minuten um sich selbst. Die empfangenen Daten seien deswegen unvollständig gewesen, da die Sonde immer nur kurz in die richtige Richtung zeigte. Zuerst habe man sie deswegen angewiesen, Schritt für Schritt alle wissenschaftlichen Instrumente und nicht-essenzielle Komponenten abzuschalten. Dadurch habe man den Energieverbrauch verringert und sich insgesamt sechs Stunden Zeit erkauft. Unter Mithilfe von Experten und Expertinnen bei Airbus habe man dann Befehle ausgearbeitet, mit denen die Rotation beendet werden sollte. Die habe man dann gesendet und abgewartet.

Nach dem Senden der entscheidenden Befehle zur Stabilisierung der Sonde habe es drei weitere Stunden gedauert, bis Integral wieder unter Kontrolle war. Wenige Stunden nach der anfänglichen Erleichterung der Verantwortlichen, habe die Sonde aber erneut begonnen, sich zu drehen. Die Ursache dafür sei noch nicht komplett verstanden, erklärt die ESA. Möglich sei, dass das System zur Orientierung an den Sternen verdeckt war und die Sonde falsch reagierte. Durch eine Wiederholung der vorher unter Zeitdruck erarbeiteten Schritte habe man die Sonde innerhalb weniger Stunden erneut stabilisieren können.

Integral ist seitdem wieder durchgehend unter Kontrolle und seit dem 1. Oktober forscht das Weltraumteleskop einmal mehr, erläutert die ESA. Das International Gamma-Ray Astrophysics Laboratory war am 17. Oktober 2002 gestartet worden und sollte eigentlich fünf Jahre lang arbeiten. Diese ursprünglich angesetzte Missionsdauer hat es längst deutlich übertroffen, zuletzt war eine Verlängerung bis 2022 beschlossen worden. Es erforscht Vorgänge in der Frühphase des Kosmos und dabei vor allem immens starke Gammastrahlenausbrüche. Erst im vergangenen Jahr hatte es entscheidend dabei geholfen, einen möglichen Zusammenhang zwischen den mysteriösen Fast Radio Bursts (FRB) und sogenannten Magnetaren zu finden.

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(mho)