Netflix-Doku "The Social Dilemma": Sozialer Sprengstoff aus dem Silicon Valley

Im Netflix-Dokudrama warnen ehemalige Silicon-Valley-Entwickler vor den Gefahren von sozialen Medien. Der Film schafft Beklemmung, macht es sich aber zu leicht.

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(Bild: Netflix)

Von
  • Simon Koenigsdorff

Am Anfang von "The Social Dilemma" stehen zwei Gefühle: Reue und Sorge. In seinem Dokudrama lässt der Filmemacher Jeff Orlowski eine Reihe ehemaliger Manager und Entwicklerinnen von Facebook, Google, Twitter und Instagram zu Wort kommen. Vorneweg Tristan Harris, ehemaliger Design-Ethiker bei Google und nun Gründer des Institute for Humane Technology. Sie alle eint die Erkenntnis, unbeabsichtigt bei der Erschaffung einer höchst gefährlichen Technologie geholfen zu haben. Und der Wunsch, nun die Welt davor zu warnen.

Das Stichwort lautet "persuasive technology" – die Art, wie Algorithmen und Designentscheidungen unsere Internetnutzung von der Social-Media-App bis zur Googlesuche manipulieren und dabei die Psychologie des Menschen gegen uns selbst einsetzen.

Trailer: "The Social Dilemma" [Englisch]
(Quelle: Netflix)

Unterbrochen werden die umfangreichen Interviews durch Spielszenen, die die Konflikte einer fiktiven US-amerikanischen Familie zeigen, deren jüngere Kinder bereits vollkommen von ihren Social-Media-Feeds abhängig sind. Die Szenen bringen das Problem auf eine alltägliche und unmittelbar verständliche Ebene – und so mancher Zuschauer mag sich ertappt fühlen, wenn Teenager Ben kläglich daran scheitert, auch nur einige Tage auf sein Smartphone zu verzichten.

Effektiv, wenn auch nicht sonderlich raffiniert, ist der filmische Kniff, Ben anstelle eines anonymen Algorithmus ein Trio sinistrer Gestalten in einer Truman-Show-artigen Kommandozentrale gegenüberzustellen. Sie bestücken Bens Feed, versuchen, sein Verhalten vorauszuahnen und ihn mit jedem erdenklichen Trick vor dem Bildschirm zu halten – alles nur, um im richtigen Moment den nächsten Werbeplatz zu versteigern.

Hinter der Manipulation steckt, wie die interviewten Experten und Wissenschaftlerinnen wiederholt deutlich machen, nur bedingt böse Absicht, sondern vor allem Kurzsichtigkeit und Profitstreben eines schädlichen Geschäftsmodells. Ein Geschäftsmodell, das laut dem Autor und Entwickler Jaron Lanier darauf basiert, nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern die "langsame Beeinflussung von Verhalten und Wahrnehmung" der Nutzerinnen und Nutzer an Werbetreibende zu verkaufen.

Die erste Hälfte von Orlowskis Dokudrama macht die psychologischen und suchterzeugenden Mechanismen von sozialen Netzwerken beklemmend deutlich. Der folgende Teil, der die Auswirkungen auf Gesellschaften und ganze Staaten zeigt, gerät dagegen ein wenig eindimensional. Drastische Bilder und bedeutungsschwangere Sätze der Zitatgeber sollen suggerieren, dass an Problemen wie politischer Polarisierung, der Verbreitung von Verschwörungsmythen oder massiven Gewaltausbrüchen in erster Linie die sozialen Netzwerke schuld sind.

"Die am weitesten 'entwickelten' Länder der Erde implodieren. Und was haben sie gemeinsam?", fragt Joe Toscano, ehemaliger Google-Mitarbeiter, in die Kamera. Die Antwort kann sich das Publikum schon denken.

Facebook, YouTube, WhatsApp und Co. haben manipulative Werbung, Propaganda und hasserfüllte Ideologien nicht erfunden – sie verstärken und verbreiten sie aber mit noch nie dagewesener Effizienz. Von der ungeheuren Macht ihrer Erfindungen überzeugt, übersehen die geläuterten Silicon-Valley-Denker im Film oft, dass politische Polarisierung oder steigende Depressionsraten unter jungen Menschen nicht nur mit dem Wirken der sozialen Netzwerke, sondern auch mit wachsender ökonomischer Unsicherheit und einer wenig hoffnungsvollen Zukunftsperspektive zusammenfallen. Dass viele der gezeigten Probleme eine Geschichte vor und neben Social Media haben, will nicht so recht in ihr Bild von der Technologie als Wurzel allen Übels passen.

Am Ende des Films stehen die Betreiber der sozialen Medien vor dem titelgebenden Dilemma: Sie können in dem Wissen weitermachen, dass sie damit vielen Menschen schaden, oder sie müssen ihre Arbeitsweise und damit ihr Geschäftsmodell grundlegend ändern und ihre Shareholder vergraulen. Tristan Harris und die anderen Protagonisten sind sich sicher: Den Tech-Konzernen muss die Entscheidung schnellstmöglich abgenommen werden – durch massive staatliche Regulierung. Statt auf der politischen Ebene zu bleiben, kehrt Orlowski am Schluss aber doch zu individuellen Empfehlungen zurück: Die eigene Nutzung begrenzen oder gleich ganz auf manche Apps verzichten. Nach dem Ansehen dieses Films hätte man jedenfalls einen weiteren Grund dazu.

"The Social Dilemma" ist exklusiv auf Netflix verfügbar.

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(axk)