Netflix: Manipulierte Algorithmen sollten kontroversen Film "Cuties" verstecken

Die Netflix-Veröffentlichung des Films "Mignonnes" oder "Cuties" sorgte für einen Skandal. Ein Bericht legt offen, wie Netflix ihn eindämmen wollte.

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(Bild: Netflix)

Von
  • Daniel Herbig

Netflix schraubte an seinen Such- und Vorschlag-Algorithmen, um die Kontroverse um den Film "Cuties" zu entschärfen. Wie aus einem Bericht des Technikmagazins The Verge hervorgeht, wurde der umstrittene Spielfilm manuell von Listen bald erscheinender, ähnlicher und oft gesuchter Filme gestrichen.

The Verge bezieht sich bei seinem Bericht auf interne Dokumente des Videostreaming-Dienstes. Demnach wurden auch die Vorschläge, die bei einer Suche nach dem Filmnamen auftauchten, manuell angepasst. So wollte Netflix sicherstellen, dass keine als "sexuell" getaggten oder für Kinder gedachten Filme in den Suchvorschlägen um "Cuties" auftauchten.

"Cuties", der im französischen Original und im deutschsprachigen Raum "Mignonnes" heißt, ist ein Film der Filmemacherin Maïmouna Doucouré. Er soll laut Doucouré die Übersexualisierung von Kindern durch soziale Medien kritisch beleuchten und wurde unter anderem beim Sundance Film Festival ausgezeichnet. Beim Netflix-Release Ende 2020 sorgte vorwiegend das vom Streaming-Dienst erstellte Marketing-Material, das die Kinder-Schauspielerinnen in aufreizenden Posen zeigte, für Ärger.

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Wegen dieser Werbeplakate entbrannte ein Shitstorm über den vermeintlich kinderpornografischen Film, der über die sozialen Medien auch in die US-Politik zog. Einem Artikel von Variety zufolge verachtfachten sich die Abo-Kündigungen auf Netflix infolge der Veröffentlichung vorübergehend.

Netflix-CEO Ted Sarandos habe bei Doucouré um Entschuldigung gebeten, berichtet The Verge weiter. Die Filmemacherin habe vorab nichts von dem Werbeplakat, das Netflix eigens für die Veröffentlichung des Films angefertigt hatte, gewusst. Auch öffentlich bat Netflix um Entschuldigung: Das Artwork sei für den Film nicht repräsentativ, schrieb das Unternehmen auf Twitter.

Komplett entfernen wollte der Streaming-Dienst "Cuties" nicht – das hätte reaktionär wirken können, zitiert das Technikmagazin aus internen Netflix-Dokumenten. Eingriffe in den Algorithmus sollten stattdessen dafür sorgen, dass der Film weniger prominent platziert wird. Das sollte die Aufmerksamkeit verringern und die Berichterstattung begrenzen, schreibt The Verge.

Netflix soll außerdem manuell bestimmte Suchbegriffe entschärft haben, die üblicherweise organisch entstehen können. The Verge nennt als Beispiel den Suchbegriff "pedo": Wenn viele Nutzer diesen Begriff suchen und schließlich "Cuties" schauen, könnte der Film bei zusätzlichen Suchanfragen mit "pedo" direkt vorgeschlagen werden. Netflix habe das durch manuelles Eingreifen verhindert.

"Unsere Empfehlungen helfen Mitgliedern, großartige Titel in der riesigen Auswahl von Netflix zu finden", erklärte ein Unternehmenssprecher The Verge. "Nicht jeder Titel wird auf dieselbe Art beworben".

(dahe)