Netflix hat Kundenschwund - Chef ist offen für werbefinanziertes Streaming

Der Krieg Russlands lässt Netflix' Kundenzahlen fallen – erstmals seit 2011. Der Abwärtstrend soll sich noch verstärken. Der Aktienkurs rauscht 25 Prozent ab.

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Netflix-App in App-Store auf einem Smartphone

(Bild: XanderSt/Shutterstock.com)

Von
  • Frank Schräer

Netflix hat erstmals seit mehr als zehn Jahren ein Quartal mit Kundenschwund verkraften müssen. In den drei Monaten bis Ende März gingen dem Streaming-Marktführer unterm Strich rund 200.000 Bezahlabos verloren. Das liegt einerseits an steigendem Konkurrenzdruck, andererseits daran, dass Netflix als Reaktion auf Russlands Krieg gegen die Ukraine allen 700.000 Russen die Abos gekündigt hat.

Insgesamt ist die weltweite Menge zahlender Abonnenten von 221,84 Millionen zu Quartalsbeginn auf 221,6 Millionen zum Quartalsschluss gesunken. Eigentlich hatte das Management mit 2,5 Millionen zusätzlichen Kunden gerechnet. Im Jahresabstand verzeichnet die Firma ein Plus von 14 Millionen zahlenden Abonnenten oder 6,7 Prozent. Weil sich der Kundenschwund von 200.000 auf zwei Millionen beschleunigen soll, haben institutionelle Anleger richtig enttäuscht reagiert. Die Aktie geriet nachbörslich heftig unter Druck und lag zeitweise mit über 25 Prozent im Minus.

Netflix galt zu Beginn der Corona-Pandemie noch als einer der großen Gewinner der Krise, hat inzwischen aber einen schweren Stand an der Wall Street. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs bereits um über 40 Prozent gefallen. Der Quartalsbericht setzte auch Aktien anderer Streaming-Anbieter wie Walt Disney und Roku im nachbörslichen Handel deutlich zu.

Für die schwachen Zahlen macht Netflix in seinem Brief an die Aktionäre unter anderem den Rückzug aus Russland verantwortlich, wo sämtliche Kundenkonten wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine deaktiviert wurden. Das kostete auf Quartalssicht rund 700.000 Abos. In Nordamerika hat der Streaming-Dienst weitere 600.000 zahlende Kunden verloren, nachdem Netflix die Preise in den USA und Kanada erhöht hat.

Dass der Kundenschwund nicht signifikanter ausgefallen ist, verdankt Netflix dem weiter wachsenden Geschäft in Asien. Insbesondere in Japan, Indien, Thailand, Taiwan und auf den Philippinen stiegen die Abonnentenzahlen, hebt Netflix hervor.

Außerdem erklärt Netflix, dass die Statistik unter der Mehrfachnutzung von Kundenkonten leide, da viele Abonnenten ihre Passwörter teilten. Das Unternehmen schätzt, dass rund 100 Millionen Haushalte weltweit den Streaming-Service nutzen, ohne zu zahlen. Netflix testet in einzelnen Ländern eine Initiative gegen Passwort-Weitergabe. Diese Maßnahmen würden noch rund ein Jahr weiterentwickelt, bevor sie weltweit umgesetzt werden könnten.

Um das Wachstum wieder in Gang zu bringen, könnte Netflix in Zukunft sogar an einem seiner größten Tabus rütteln und ein günstigeres Streaming-Abo mit zwischengeschalteten Werbe-Clips einführen. So etwas gab es bei Netflix noch nie. Vorstandschef Reed Hastings hatte bislang wenig dafür übrig. Ohne konkrete Pläne vorzustellen, zeigt er sich nun plötzlich offen dafür: Ein durch Werbung unterstütztes Angebot könnte "viel Sinn" ergeben. Netflix wolle in den nächsten ein bis zwei Jahren an einer solchen Lösung arbeiten.

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Trotz des aktuellen Rückgangs der Abos liegt Netflix weiter deutlich vor der Konkurrenz. Zum Vergleich: Der große Rivale Disney+ hatte Ende 2021 knapp 130 Millionen Kunden. Doch auch beim Gewinn musste Netflix im abgelaufenen Quartal Abstriche machen. Der Betriebsgewinn ist im Jahresabstand mit rund zwei Milliarden US-Dollar um weniger als ein Prozent nach oben geklettert.

Der Nettogewinn ist gleichzeitig um 6,4 Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar zurückgegangen. Die Umsätze sind zwar um 9,8 Prozent auf 7,9 Milliarden Dollar gestiegen, haben damit aber die durchschnittlichen Erwartungen der Finanzanalysten knapp verfehlt.

Im gerade angelaufenen zweiten Quartal will Netflix die Acht-Milliarden-Dollar-Marke beim Umsatz überspringen. Das wären im Jahresabstand 9,7 Prozent mehr. Gleichzeitig erwartet Netflix rückläufigen Betriebsgewinn (-6,4%) bei stabilem Nettogewinn. (mit Material der dpa) /

(fds)