​Neues Konzept für Weiterbildung als Schutz vor Massenarbeitslosigkeit

Die Digitalisierung macht Arbeitsplätze überflüssig und schafft zugleich neue Stellen. Doch wie schult man am besten die Arbeitskräfte für die neuen Jobs um?

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(Bild: Arthimedes / Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Der Arbeitsmarkt in Deutschland steht vor einer digitalen Transformation. Wie man der begegnen kann, darüber hat sich der Wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft Gedanken gemacht. Die Fachleute empfehlen eine Neustrukturierung des Weiterbildungsmarktes in Anlehnung an das duale Ausbildungssystem. Wie dieses System funktionieren soll, darüber hat heise online mit dem Arbeitsmarktökonomen Professor Jens Südekum gesprochen, der die Arbeit federführend betreut hat.

heise jobs – der IT-Stellenmarkt

Zu Arbeitsplätzen und Stellenangeboten in der IT-Branche siehe auch den Stellenmarkt auf heise online:

Die digitale Transformation wird Arbeitsplätze kosten und Arbeitslosigkeit bringen …

… den zweiten Teil, die Arbeitslosigkeit, versuchen wir mit unseren Vorschlägen zu vermeiden. Es werden vor allem Arbeitsplätze mit einem hohen Routinegrad überflüssig. Das kann sowohl manuelle als auch kognitive Routine sein, beispielsweise Sachbearbeitertätigkeiten am Computer. Solche Stellen sind am stärksten bedroht, weil sie das höchste Substitutionspotential durch Technik haben. Bei Berufen mit IT-Kompetenz führt die Digitalisierung zu einer erhöhten Nachfrage am Arbeitsmarkt. Das Gleiche gilt für Berufe mit sozialer Interaktion, Kommunikation und kreative Tätigkeiten. Solche Aufgaben sind wesentlich schwieriger, wenn nicht unmöglich, zu automatisieren.

Was wird im Saldo unter den Arbeitsplätzen stehen?

Das ist Spekulation, weil viele neue Technologien der Digitalisierung erst im Entstehen sind, etwa künstliche Intelligenz. Laut einer aktuellen Studie ist unterm Strich die Zahl der neuen Jobs wahrscheinlich deutlich größer ist als die der wegfallenden. Dieser Prognose zufolge werden in den Industriestaaten 72 Millionen Arbeitsplätze gestrichen und es könnten 130 Millionen neue entstehen. Das wären fast doppelt so viele.

Damit keine Massenarbeitslosigkeit entsteht, müssen die freigesetzten Arbeitskräfte fachlich so umgeschult werden, dass sie den nachgefragten Qualifikationen entsprechen.

Richtig. Das große Problem ist nämlich, dass diejenigen, die ihren Job verlieren, nicht die Qualifikation haben für die neu entstehenden Jobs in anderen Teilen des Arbeitsmarkts. Das ist die größte Herausforderung des Strukturwandels am Arbeitsmarkt. Und selbstverständlich ist es nicht leicht, eine Verkäuferin zu einer Programmiererin umzuschulen. Das ist uns im Gremium völlig klar. Aber dieses freiwerdende Potential an Arbeitskräften müssen wir nutzen, um den hohen Bedarf an Arbeitskräften decken zu können. Darauf muss eine sehr hohe Priorität liegen, weil wir in Deutschland durch die demografische Entwicklung von einer Schrumpfung der erwerbstätigen Personen ausgehen müssen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften wird zumindest nicht weniger werden.

Wie kann die Umschulung gelingen?

Indem wir die berufliche Weiterbildung grundlegend reformieren. Dafür müssen wir sie in zwei große Blöcke trennen. Der eine, die berufliche Weiterbildung in einem bestehenden Job, hat in Deutschland eine lange Tradition und funktioniert im internationalen Vergleich ganz gut. Dies sieht man daran, dass unser Arbeitsmarkt den neuen Bereich der Robotik hervorragend verdaut hat: Die Betriebe haben die freigewordenen Mitarbeiter behalten und für andere Jobs qualifiziert. Die berufliche Weiterbildung funktioniert gut in größeren Unternehmen. In kleineren Betrieben läuft es nicht so rund. Deshalb sehen wir dort einen Handlungsbedarf und empfehlen einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung. Der würde dann für alle Beschäftigten gelten.

Was ist mit dem zweiten Block?

Das ist der deutlich schwierigere Teil, weil es um Jobwechsel auch über Branchen hinweg geht. Durch die Digitalisierung werden ganze Betriebe geschlossen, etwa im Einzelhandel, bedingt durch den stark wachsenden Onlinehandel. Deshalb sollten Menschen auch in höherem Alter oder mit geringer Qualifikation die Möglichkeit erhalten, ihren Job wechseln zu können. So etwas kennen wir von der Betreuung Arbeitsloser. In dem Fall ist das Kind aber schon in den Brunnen gefallen. Unsere Idee setzt vorher an.

Wie könnte das neue Weiterbildungssystem funktionieren?

Bislang gibt es einen Wildwuchs an Qualifizierungsangeboten, die keiner so richtig durchschaut. Die Zertifikate, die vergeben werden, sind nicht bekannt und nicht vergleichbar. Arbeitgeber können damit wenig anfangen. Wir empfehlen, dass der Markt für Weiterbildung grundsätzlich neu organisiert wird, mit dem Ziel, dass signalstarke Abschlüsse erworben werden können. Die müssen allgemein anerkannt und gültig sein und sollen dem Arbeitgeber einen echten Nachweis über eine erlernte Fähigkeit bringen. In der dualen Ausbildung funktioniert das sehr gut. Dafür werden wir im Ausland beneidet. Wir können uns gut vorstellen, den gesamten Weiterbildungsmarkt nach diesem erfolgreichen System zu organisieren.

Wie soll das funktionieren?

Indem die Menschen wie in der dualen Ausbildung teilweise in die Berufsschule gehen und in den Betrieb. Die Qualifizierung läuft berufsbegleitend zur Beschäftigung. Die Kosten für die Weiterbildung dritteln sich Beschäftigte, der Staat und die Unternehmen, die aus diesem neuen Weiterbildungssystem Fachkräfte rekrutieren. Wenn es gut läuft, muss der Staat kein Arbeitslosengeld zahlen, die Unternehmen haben qualifiziertes Personal und die Beschäftigten einen sicheren Job. Weil alle drei profitieren, ist es auch legitim, wenn sich alle drei finanziell am System beteiligen.

Das hört sich vernünftig und schlüssig an. Wie geht es nun weiter?

Wir Wissenschaftler aus dem Beirat hoffen, mit unserer Empfehlung einen neuen und starken Impuls gesetzt zu haben. Ideal wäre es nun, wenn daraufhin ein runder Tisch zustande kommt, um den alle Beteiligten sitzen und unseren Vorschlag diskutieren und mit einer raschen Umsetzung reagieren.

(axk)