Neun-Euro-Ticket: Verkehrsforscher erwartet keinen nachhaltigen Effekt

Das DLR erwartet nicht, dass das 9-Euro-Ticket nachhaltig das Verkehrsverhalten ändern wird. Derweil hat die Bahn angekündigt, mehr Züge einzusetzen.

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(Bild: vrn.de)

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  • Andreas Wilkens

Verkehrsforscher Christian Winkler vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) erwartet keine nachhaltigen Effekte des 9-Euro-Tickets: "Pendler und Pendlerinnen haben oft komplexe Ketten zwischen Kindergarten, Schule, Arbeit, Einkaufen, sie stehen unter Zeitdruck. Viele haben diese Wege auf den Pkw optimiert und steigen nicht wegen eines Sonderangebots um", sagte Winkler dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). "Für eine langfristige Verlagerung der Verkehrsströme brauchen wir nicht nur günstige Preise und vor allem keine begrenzte Rabattaktion. Wir brauchen mehr Fahrten, eine bessere Taktung, mehr Haltestellen und kurze Zugangswege."

Winkler meint, damit sich neue Nutzungen etablieren könnten, müsste die Aktion ein Jahr lang laufen. Dabei sei nicht der Preis entscheidend. "Das 365-Euro-Jahresticket in Wien ist nicht wegen seines Preises ein Erfolg, sondern weil es Teil eines Gesamtkonzeptes ist." Der ÖPNV werde gut ausgebaut, dazu komme eine Parkraumbewirtschaftung, deren Einnahmen genutzt werden, den ÖPNV weiter zu verbessern. "In die Stadt mit dem Auto zu fahren, wird einfach teuer."

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Branchenverband des öffentlichen Personen- und des Schienengüterverkehrs, weist zu dem 2012 in Wien eingeführten 365-Euro-Ticket darauf hin, dass der Effekt nach dessen Einführung auf die Fahrgastzahlen eher gering gewesen sei. Vielmehr habe der Prozess zur Umsetzung eines attraktiven und qualitativ hochwertigen ÖPNV-Angebots vor mehr als 20 Jahren begonnen. Lange vor Einführung des 365-Euro-Jahrestickets habe der Verkehrsanteil der "Öffis" in Wien bei 37 Prozent gelegen.

Das Neun-Euro-Ticket, durch das der ÖPNV von Juni bis August monatlich vergünstigt wird, wird seit Montag verkauft. Die Deutsche Bahn vermeldete genauso wie Verkehrsverbünde eine rege Nachfrage nach dem Ticket. Um diese decken zu können, will DB Regio ab dem 1. Juni über 50 zusätzliche Züge einsetzen. Dadurch ergäben sich 250 zusätzlichen Fahrten, dadurch zusätzlich rund 60.000 Sitzplätze in den Regional- und S-Bahn-Zügen, teilte die Deutsche Bahn mit.

DB-Regio-Chef Jörg Sandvoß hatte am Montag betont, die Rabattaktion für den ÖPNV sei innerhalb von sieben Wochen in die Welt gesetzt worden, und das in einem Flickenteppich aus der bundesweit agierenden DB Regio und diversen Regionalunternehmen. Um diese sorgt sich laut RND der Fahrgastverband Pro Bahn, der die kurzfristige politische Entscheidung für das Billigticket kritisiert. Durch die finanzielle Mehrbelastung könnten die Unternehmen auch in die Bredouille geraten.

Diesen Aspekt hatte am vergangenen Freitag der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) ins Spiel gebracht, als im Bundesrat die Abstimmung über die Finanzierung des Neun-Euro-Tickets auf der Tagesordnung stand. Dabei ging es ihm unter anderem um Busunternehmen, die in ländlichen Gegenden aktiv sind und nach der Coronakrise, in der Fahrgäste ausblieben, auf Einnahmen angewiesen seien. Während der Debatte im Bundesrat wurde noch einmal deutlich, dass das Neun-Euro-Ticket so wie der Preisnachlass für Kraftstoffe vor allem als Entlastung für die Bürger und Bürgerinnen in Zeiten gestiegener Kosten gedacht ist und deshalb gerade jetzt eingeführt werden soll.

Das 9-Euro-Ticket gilt vom 1. Juni bis 31. August 2022 im kommunalen Nahverkehr für Linienbusse, Straßenbahnen/Trams, U- und Stadtbahnen sowie zum Beispiel in Städten wie Hamburg und Berlin auch auf Fähren, soweit sie dort zum ÖPNV-Angebot zählen. Im Regionalverkehr gilt das 9-Euro-Ticket in allen S-Bahnen, Regionalbahnen (RB) und Regionalexpress-Zügen (RE) in der 2. Klasse. Nicht eingeschlossen sind Fahrten im Fernverkehr der DB (IC, EC, ICE) oder privater Anbieter wie dem FlixTrain oder FlixBus.

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(anw)