Neuverfilmung von "Dune": Ein Wüstenplanet für alle

Denis Villeneuves Neuverfilmung von "Dune" kommt am Donnerstag in die Kinos. Für Kenner ein Muss, aber auch gewöhnliche Kinogänger kommen auf ihre Kosten.

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(Bild: Warner)

Von
  • Detlef Borchers

In einer weit entfernten Zukunft beherrschen in einem Imperium Adelshäuser ihre Planeten. Das Haus Atreides bekommt den Auftrag, die Kontrolle über den Wüstenplaneten Arrakis zu übernehmen, auf dem eine für die Raumfahrt sehr wichtige Droge abgebaut wird. Die Harkonnen müssen den Planeten räumen, wollen sich aber nicht fügen. Hier endet Dune 1 des Regisseurs Denis Villeneuve, der am 16. September in die deutschen Kinos kommt, ein 2 Stunden und 35 Minuten langes, mitunter ohrenbetäubendes Spektakel. Science-Fiction-Kenner und -Kennerinnen sehen neue Details wie die putzige Wüstenmaus oder aufwendig gefilmte Schwertkämpfe.

Regisseur Denis Villeneuve, der mit "Bladerunner 2049" bereits den Stoff eines anderen Sci-Fi-Klassikers fortgeführt hatte, will die eingefleischten Fans des Dune-Erfinders Frank Herbert ebenso erreichen wie die Liebhaber von Schlacht- und Kampfzenen, aber auch Menschen wie seine Mutter als einfache Kinogängerin. Das macht er beispielsweise, indem er sich auf die Hauptperson konzentriert, den jungen Paul Atreides, und seine Fähigkeit, in die Zukunft zu "träumen". Paul, verkörpert von Timothée Chalamet, wandelt sich vom zarten Buben zum leidenschaftlichen Kämpfer.

Als sich der Journalist und Schriftsteller Frank Herbert Anfang 1960 mit ökologischen Fragen beschäftigte und auf seinem Haus eine Solarenergie-Anlage installiert, erhält er den Auftrag, die Oregon Dunes zu portraitieren, einen Dünengürtel in dem US-Bundesstaat. Dabei kommt ihm die Idee, einen Zukunftsroman über einen Wüstenplaneten zu schreiben, wie Herbert seinem Biografen, dem späteren Open Source-Verleger Tim O'Reilly erzählte. Als Kind seiner Zeit experimentiert Herbert mit Psilocybin und interessiert sich für Alfred Korzybski. Dieser wollte eine Psychotherapie etablieren, bei der die Entwicklung der menschlichen Psyche mit der technologischen Entwicklung schritthält.

Aus Korzybskis Idee ersinnt Herbert das Zuchtprogramm des Frauenordens Bene Gesserit, zu dem Paul Atreides als Zuchtprodukt gehört. Aus dem Psilocybin wurde das "Gewürz", die bewusstseinserweiternde Droge, die nur auf dem Arrakis vorkommt. Es wird von riesigen Erntemaschinen abgebaut und bringt großen Profit, weil Raumschiffnavigatoren bei Überlichtgeschwindigkeit darauf angewiesen sind. Computer gibt es nicht. Sie wurden mitsamt den Robotern in "Butlers Dschihad" vernichtet und nachdem das erste Gebot der Bibel neu formuliert wurde: "Du sollst keine Maschine nach dem Bild des Geistes eines Menschen fertigen."

In Herberts Universum haben zahllose Figuren und Dynastien ihren Auftritt und Abtritt, jeweils mit dem Wüstenplaneten im Zentrum des Geschehens. Auf ihm gibt es nicht nur die Droge, sondern auch höchst gefährliche Sandwürmer, die bis zu 400 Meter lang werden können und Allesfresser sind. Der erste Band der Dune-Trilogie gilt als erfolgreichster Science-Fiction-Roman – und galt lange Zeit als unverfilmbar, nicht zuletzt wegen der Sandwürmer. David Lynch war mit seiner Adaption von 1984 im Stil des Retrofuturismus überhaupt nicht zufrieden. Vier weitere Versuche, die Sage zu verfilmen, scheiterten früh. Auch der Versuch, aus dem Epos eine Fernseh-Serie zu destillieren, scheiterte.

Während Lynch den ersten Band komplett verfilmte, hat Villeneuve erst einmal nur die erste Hälfte umgesetzt. Seine Bauten sind wuchtiger, die Wüste ist grandios öde, seine Charaktere sind holzschnittartiger gezeichnet. Er lässt die Rahmenhandlung von der Fremen-Frau Chani (gespielt von Zendaya) und nicht, wie bei Herbert, von der Imperiums-Prinzessin Irulan erzählen. Chani taucht frühzeitig in Paul Atreides' Träumen auf. Diese Träume hat Villeneuve beeindruckend im IMAX-Format inszeniert (der Rest des Film wurde im Format 2,35:1 gedreht), unterstützt von Hans Zimmers hypnotischer Filmmusik.

Zur Premiere des Films, der auf den Filmfestspielen in Venedig außer Konkurrenz lief, deutete Villeneuve an, dass Chani im zweiten Teil die Hauptrolle spielen wird. So gesehen wirkt Dune 1 wie ein sehr langer Trailer zu einem Dune 2, in dem die eigentliche Handlung anfangen soll. Auch wenn das Thema hochpolitisch ist, die Garantie eines Blockbusters und damit für eine Fortsetzung gibt es nicht. Interessant dürfte in einem Dune 2 sein, wie die Kultur der Arrakis-Bewohner, der Fremen zeitgenössisch umgesetzt wird. Herbert lehnte sie an das der arabischen islamischen Wüstenstämme an. Neben einer ökologischen Moral erzählte Frank Herbert auch davon, wie sich Religionen entwickeln können.

Dune (9 Bilder)

(Bild: Warner Bros.)

Für Kenner von Herberts Saga ist Dune 1 ein Muss, auch allgemeine SF-Liebhaber kommen auf ihre Kosten: Die grandiosen Aufnahmen der Wüste machen – womöglich absichtlich – deutlich, wie viel das Star-Wars-Universum Herberts Vorlage zu verdanken hat. Auch auf ihre Kosten kommen Schwertkampffreunde und jene, die sich nach den Entsagungen im Lockdown durch den Sound das Zwerchfell erschüttern lassen wollen.

Lychns Film kann im Internet Archive gesehen werden. Den Versuch der riesigen Fan-Gemeinde, die gesamte Geschichte zu erzählen, gibt es hier:

(anw)