KI: Niedersachsen fördert Künstliche Intelligenz mit 350 Millionen Euro

Roboter entlasten Pflegekräfte, Algorithmen warnen vor Hochwasser, Sensoren bewachen den Stall: Niedersachsen will mit einigen Millionen KI-Projekte fördern.

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Künstliche Intelligenz, KI

(Bild: Gerd Altmann, gemeinfrei)

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  • Andrea Trinkwalder

Nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens will die Landesregierung Niedersachsen mit Einsatz von künstlicher Intelligenz verbessern und meint damit vor allem eine "menschenzentrierte KI", die Vertrauen schafft. In einem Strategiepapier spannt sie den Bogen von Gesundheit und Pflege über Bildung, Umwelt- und Katastrophenschutz, Verkehr, lebenswerte Städte, effiziente Verwaltung, Justiz und Strafverfolgung bis hin zur Landwirtschaft.

Die Farming-Software DigiSchwein ermittelt anhand von Sensor- und Kameradaten, ob das Tierwohl gefährdet ist. Im Pflegebereich experimentiert man mit sensorbestückten Betten, um die Gefahr von Wundliegen und Stürzen zu verringern. Die Parallelen zeigen, wie wichtig begleitende ethische Fragestellungen sind, damit die Technik keine unmenschlichen Bedingungen schafft.

(Bild: Landwirtschaftskammer Niedersachsen)

Als Motor der Innovation dienen zwei wissenschaftliche Zentren, die Erkenntnisse aus Labor- und Feldversuchen ins echte Leben bringen sollen: Knapp 20 Millionen Euro fließen in die Labore des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Osnabrück und Oldenburg mit den Schwerpunkten Agrarrobotik und Sensoren.

Das Zentrum für digitale Innovationen Niedersachsen (ZDIN) in Oldenburg bekommt 35 Millionen Euro, um die Wirtschaft mit der Wissenschaft zu verbandeln. Der Schwerpunkt liegt auf intelligentem Wassermanagement (Pump- und Schöpfwerke, Hochwasservorhersage) sowie Sensorsystemen für Landwirtschaft und Nutztierhaltung auf Basis des europäischen Cloud-Projekts Gaia-X (DigiSchwein).

Kommentar: Menschliches Augenmaß gefragt

Andrea Trinkwalder

Das Land Niedersachsen möchte eine "menschenzentrierte KI". Das wäre eine, die bei Entscheidungen hilft, anstatt sie zu diktieren. Die Arbeitnehmer unterstützt, anstatt eine Minimalbelegschaft in ein Korsett aus durchoptimierten Prozessen zu zwängen. Die Kinder und Erwachsenen beim Ausbilden von Fähigkeiten unterstützt und nicht auf Grundlage fragwürdiger Modelle versucht, die Persönlichkeit zu ergründen – um dann die Weichen fürs restliche Leben zu stellen.

Doch kein Algorithmus ist per se "menschlich" und schon gar kein Allheilmittel für gesellschaftliche und ökonomische Missstände. Schon jetzt doktern viele vermeintlich nützliche KIs nur an Symptomen von kaputten Systemen herum und vor lauter Bewunderung für die Effizienz der Technik vergisst man doch glatt, das Übel bei der Wurzel zu packen.

Die Gesellschaft sollte also genau hinschauen und Projekte kritisch begleiten. Denn auch ein sozial klingendes Roboterprojekt zur Entlastung von Pflegekräften kann missbraucht werden, um noch mehr Profit aus einem börsennotierten Pflegekonzern zu pressen. Die Gefahr, die von einem außer Kontrolle geratenen sozialen Netzwerk wie Facebook ausgeht, lässt sich bislang mit keiner Technik der Welt wirkungsvoll eindämmen: Die Filter-KIs lenken davon nur ab. Und profitieren auch kleinere und mittlere Betriebe von algorithmisch optimierter Landwirtschaft oder führt sie in noch größere Abhängigkeit?

Insgesamt ist das Budget von 350 Millionen Euro nicht gerade üppig. Zum Vergleich: China will KI-Weltmacht werden und pumpt dafür 16 Milliarden US-Dollar in die Technikentwicklung – allein im Verwaltungsgebiet Tianjin, das ähnlich viele Einwohner hat wie Niedersachsen. Die knappen Mittel vernünftig auszugeben erfordert also viel Sachverstand und kluge, weitsichtige Entscheidungen.

Im Bildungsbereich investiert das Land fünf Millionen Euro in den Aufbau einer adaptiven Lernplattform – inklusive Lernprogrammen, die individuelles Feedback zu Lösungswegen und Fehlerursachen geben sollen. Derselbe Betrag kommt der Erwachsenenbildung über den "Digital Campus Niedersachsen" zugute. In Justiz und Verwaltung sollen Algorithmen Beweismaterial sichten und vorsortieren, etwa um Steuerbetrug zu erkennen (Tax Defense Analytics, TaDeA) oder auf sichergestellten Datenträgern nach Darstellungen von Kindesmissbrauch zu fahnden.

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Das Bekenntnis zum Datenschutz beim Einsatz von KI ist eher zurückhaltend formuliert. Laut Wirtschafts- und Digitalisierungsminister Dr. Bernd Althusmann sei es "entscheidend, auch die politischen Rahmenbedingungen im Hinblick auf Datenschutz und Ethik aktiv zu gestalten, ohne dabei die Innovationen in Wissenschaft und Wirtschaft auszubremsen." Zudem skizziert das Strategiepapier nur recht allgemeine Ansätze, wie man das Dilemma zwischen Datensammeln und -schützen in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen lösen könnte.

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(Bild: 

c't 14/22

)

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(atr)