Open-RAN-Pionier Parallel Wireless ringt ums Überleben

Parallel Wireless kündigt 70-80 Prozent der Belegschaft. Der Hype um Open RAN schlägt sich nicht in Aufträgen nieder.

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Diverse Antennen auf Mast

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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  • Daniel AJ Sokolov

Parallel Wireless kündigt 700-800 seiner rund 1.000 Mitarbeiter, berichtet der Branchendienst The Mobile Network. CEO Steve Papa bestätigt "Anpassungen", nennt aber keine konkreten Kündigungszahlen. Auf Linkedin suchen hunderte Parallel-Wireless-Mitarbeiter plötzlich neue Arbeitsplätze. Dort bestätigt Kanada-Chef Maxime Dumas, dass die Kanada-Niederlassung komplett geschlossen wurde und auch er selbst nach einer neuen "Herausforderung" sucht.

So ein radikaler Schnitt zeigt an, dass der Open-RAN-Spezialist ums Überleben kämpft und keine eigenständige Zukunft mehr sieht. Dabei hat die Firma erst im Herbst angekündigt, 2022 die Belegschaft verdoppeln zu wollen. In New Hampshire hat Parallel Wireless jüngst eine neue Firmenzentrale bezogen. Die abrupte Kehrtwende schockiert nicht nur die Belegschaft, sondern wird auch potenzielle Kunden abschrecken. Denn wie kann das Parallel-Wireless-Skelett überhaupt neue Verträge erfüllen?

Die Firma ist einer der Pioniere für Open RAN und hat sich auf Software für Baseband-Units in Mobilfunkzellen spezialisiert. Traditionell sind Mobilfunknetze "geschlossen", will heißen, dass ein Netzbetreiber jeden Teil seines RAN (Radio Access Network) in der Regel vom selben Hersteller kaufen muss, damit die verschiedenen Teile gut zusammenarbeiten. Die Open-RAN-Bewegung will das ändern. Komponenten unterschiedlicher Hersteller sollen über definierte Schnittstellen zusammenarbeiten können.

Weil Netzbetreiber nicht mehr unbedingt bei der kleinen Schar spezialisierter Mobilfunkausrüster wie Ericsson, Nokia und Huawei einkaufen müssen, soll das Markteintrittsbarrieren sowie Kosten senken und so den Wettbewerb unter Netzausrüstern fördern. Neue Anbieter dürfen auf Kunden hoffen, selbst wenn sie nur Teile eines RAN anbieten können und (noch) keine Komplettlösung entwickelt haben.

Auf dem Papier klingt das gut. Von komplett neuen Mobilfunknetzen wie 1&1 in Deutschland und Dish in den USA abgesehen, ist der Markterfolg bislang bescheiden. Da selten Mobilfunknetze komplett neu gebaut werden, ist dieser Markt sehr überschaubar. Andere Kleinaufträge, beispielsweise Mini-Funkzellen mit Open RAN bei O2, machen das Kraut nicht fett.

Ob der durch Open RAN ermöglichte Anbieter-Wettbewerb tatsächlich zu geringeren Kosten führt, ist noch nicht bewiesen. Kritiker wie der dänische Telecom-Berater John Strand weisen darauf hin, dass Netzbetreiber mehr sparen, wenn sie Komplexität vermeiden in dem sie Vieles aus einer Hand kaufen. Der Aufwand mehrerer Anbieter-Audits, paralleler Sicherheitsüberprüfungen und wiederholter Kompatibilitätstests stünde nicht im Verhältnis zu den theoretisch möglichen Einsparungen durch den Einkauf bei verschiedenen Open-RAN-Anbietern.

Außerdem weist Strand darauf hin, dass die Gesamtkosten der Radio Access Networks für Mobilfunk-Netzbetreiber unter drei Prozent des Endkundenumsatzes lägen. Selbst wenn Open RAN komplett gratis wäre, könnten Netzbetreiber viel mehr sparen, wenn sie bei anderen Kostenstellen den Hebel ansetzen.

Parallel Wireless hat sich auf besonders preissensible Entwicklungs- und Schwellenländer konzentriert. Dort sind die Endkundenumsätze niedrig, weshalb Mobilfunknetzbetreiber jeden Cent doppelt umdrehen. Allerdings sind die chinesischen Anbieter Huawei und ZTE in diesen Märkten besonders aggressiv. Aus Sicherheitsbedenken sind ihre Produkte in westlichen Ländern nicht mehr gefragt; damit können Huawei und ZTE die Subventionen der Volksrepublik China auf andere Märkte lenken und dort klassische Alles-aus-einer-Hand-Angebote noch billiger feilbieten. Das macht kleinen, nicht-subventionierten Firmen wie Parallel Wireless das Leben besonders schwer.

Hinzu kommt eine grundsätzliche Hürde: Open RAN ist zwar theoretisch ab 2G (GSM) einsetzbar, doch rechnet sich der Umbau bestehender Netze nicht. Also ist es praktisch nur für 4G- und 5G-Netze eine Option. Während Netzbetreiber in reichen Ländern tatsächlich auf 4G und 5G setzen und 3G-Netze abbauen sowie 2G-Netze auf ein Minimum herunterfahren, ist das in weniger wohlhabenden Ländern kein gangbarer Weg. Zu wenige Endkunden können sich die teureren 4G-Handys leisten. Also bleiben die Netze noch auf Jahre hinaus Hybridnetze mit 2G/3G-Unterbau, wo Open RAN keine echte Chance hat.

Chipmangel und andere Auswirkungen der Covid-Pandemie fördern nicht gerade die Risikobereitschaft der Mobilfunknetzbetreiber. Gleichzeitig sprudelt Wagniskapital in viel geringerem Ausmaß. Das Ergebnis ist eine denkbar schlechte Kombination für die Belegschaft Parallel Wireless'.

Lesen Sie in der iX 09/2020:

Update 5. Juli 20:05 Uhr: Huawei weist darauf hin, dass seine 5G-Technik in den meisten EU-Ländern weiterhin verbaut wird, insbesondere in Deutschland. Außerdem unterschieden sich die chinesischen Subventionen für Huawei nicht signifikant von der Unterstützung europäischer oder US-amerikanischer Unternehmen der Branche durch deren jeweilige Regierungen.

(ds)