Open-Source-Adventskalender: Das E-Mail-Programm Thunderbird

Von 1. bis zum 24. Dezember 2021 hat heise online jeweils ein "Kalendertürchen" mit dem Porträt eines Open-Source-Projekts geöffnet.

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(Bild: Semisatch/KOALA STOCK/Shutterstock.com/heise online)

Von
  • Stefan Mey

Wer kein Geld für das Microsoft-Programm Outlook ausgeben will, kann als Alternative Thunderbird nehmen. Das Mailprogramm gehört zur Mozilla-Familie. Die Familienverhältnisse waren allerdings lange Zeit angespannt.

Der Open-Source-Adventskalender

Thunderbird ist ein E-Mailprogramm für PC. Im November 2021 haben nach Schätzung von Thunderbird etwa 25 Millionen Menschen täglich das Programm genutzt. Vor allem im deutschprachigen Raum ist das Projekt stark: 22 Prozent der Installationen stammen beziehen sich auf die deutsche Programmveresion. Die Software steht unter einer Mozilla Public License 2.0. Smartphones-Apps gibt es nicht. Die würden, so Thunderbird gegenüber heise online, häufig angefragt und diskutiert. Stand jetzt gebe es aber keine konkreten Pläne oder Entscheidungen dazu.

Ein Thunderbird-Konto ist schnell eingerichtet: Man gibt einfach die jeweilige E-Mail-Adresse und das Passwort ein. Bei den meisten Mail-Anbietern muss man vorher den automatisierten Zugriff freischalten. Bei Gmx.de und vielen anderen Anbietern geht das mit einem Klick in den Einstellungen, bei Telekom-Adressen muss man ein separates Passwort anlegen. Ist ein Konto oder sind mehrere Konten eingerichtet, ruft Thunderbird neue Mails ab und speichert sie lokal auf dem Rechner, sobald das Programm gestartet und online ist. Auch das Verfassen und Versenden von Nachrichten geht von jetzt an bequem vom eigenen Rechner aus.

Im Standardmodus kopiert Thunderbird die Nachrichten nur auf den Rechner, während sie beim E-Mailanbieter verbleiben (IMAP-Modus). Alternativ kann man einstellen, dass die Nachrichten nach dem Download online gelöscht werden, sofort oder nach beliebig vielen Tagen (POP3-Modus). Eine Thunderbird-Nebenfunktion ist ein eingebauter Kalender. Mithilfe von mehreren hunderten Add-ons lassen sich weitere Funktionen hinzufügen. Am beliebtesten ist eine Erweiterung zur Synchronisierung mit dem Google Kalender. Unter den Favoriten sind außerdem ein Add-on zum besseren Organisieren von Ordnern und zum Timen von Nachrichten. Wer mit dem schlichten grau-weiß-blauen Aussehen des Programms nicht zufrieden ist, kann das Programm mit etwa 100 Themes anpassen.

Viele Jahre lang brauchte es ein Add-on namens Enigmail, wenn man E-Mails verschlüsseln wollte. Seit August 2020 ist eine OpenPGP-basierte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung jedoch als Kernfunktion eingebaut. Die lässt sich mit weniger als zehn Klicks einrichten. Thunderbird erzeugt dabei zwei kleine Textdateien: einen Public Key, mit dem andere einem verschlüsselte E-Mails schicken können, sowie einen dazugehörigen Private Key, der sie wieder lesbar macht.

Thunderbird teilt sich einen großen Teil seiner Quellcodes und seiner Geschichte mit dem Firefox Browser. Es begann Mitte der 90er-Jahre, als das Unternehmen Netscape Communications im "Browserkrieg" mit Microsoft den Kürzeren zog. Infolge der Niederlage wurde die Software freigegeben und im Jahr 2003 die Mozilla Foundation gegründet. Die machte aus dem ursprünglichen Programmpaket Netscape Communicator zwei Einzelanwendungen: den Browser Firefox, dessen Version 1.0 im November 2004 erschien, und den E-Mail-Client Thunderbird, der einen Monat später folgte.

Seitdem gehören beide Programme zur Mozilla-Familie. In der begann allerdings bald ein Familiendrama: Die Stiftung wollte Thunderbird loswerden und überlegte 2007, wie eine Zukunft außerhalb von Mozilla aussehen könnte. Fünf Jahre später kürzte die Stiftung die Unterstützung und kündigte an, dass es nur noch Sicherheitsaktualisierungen, aber keine neuen Funktionen mehr geben werde. Ende 2015 wurde die Mozilla-Chefin Mitchell Baker sehr deutlich und forderte in einem Post unmissverständlich, das Programm endlich auszugliedern. Die beiden Familienmitglieder würden sich gegenseitig behindern. Eine überwältigende Mehrheit im Mozilla-Management wolle sich lieber auf den Firefox-Browser konzentrieren, der einen branchenweiten Einfluss haben könnte. Und "bei allem gebotenen Respekt": Thunderbird habe kein solches Potenzial.

Mozilla gab ein Gutachten in Auftrag, das drei verschiedene Szenarien vorschlug: Thunderbird kommt bei der deutschen Document Foundation unter, der Organisation hinter LibreOffice, bei der Software Freedom Conservancy in den USA oder wird zu einer autonom agierenden Tochterfirma von Mozilla. Mitte 2017 stand dann fest, dass das Drama ein Ende hat. Thunderbird durfte bleiben, allerdings würde die Mozilla-Stiftung nur noch ein "rechtliches und fiskalisches Zuhause" sein, während sich Thunderbird um die sonstige Entwicklung ausschließlich selbst kümmert.

Als Rechtsperson für Thunderbird entstand im Oktober 2019 die MZLA Technologies Corporation als 100-prozentige Tochtergesellschaft von Mozilla mit Sitz in Kalifornien. Geschäftsführer war Mark Surman, der auch Geschäftsführer der Mozilla Foundation ist. Als Startkapital erhielt die MZLA Technologies Corporation, wie sich aus dem Mozilla-Jahresbericht für 2019 ergibt, eine Geldspritze von etwa 1,6 Millionen US-Dollar sowie 120.000 Dollar Unterstützung für laufende Kosten. Thunderbird verwaltet und finanziert sich seitdem selbst. Oberstes Gremium ist der Rat (Thunderbird Council), der von der Community gewählt wird. An der Wahl beteiligen könne sich diejenigen, die sich in der Vergangenheit pro Jahr mindestens zehn Stunden bei Thunderbird eingebracht haben, sei es in Form von Code-Beiträgen, Übersetzungen oder Support. Bei der letzten Wahl im September 2021 bestand die Wählerschaft aus 134 Personen. Vorsitzender des Rats ist der Hamburger Philipp Kewisch, der hauptamtlich bei Mozilla im Add-on-Team von Firefox arbeitet.

Der Rat habe das Sagen bei Thunderbird, so Kewisch gegenüber heise online: "Das Council ist derzeit das höchste Entscheidungsgremium des Projektes und übernimmt eine Vielzahl von Aufgaben. Das Board der MZLA Technologies Corporation hat dagegen die rechtliche Entscheidungsgewalt und Verantwortung, arbeitet jedoch Hand in Hand mit dem Council zusammen, um die dort gefällten Entscheidungen im rechtlich zulässigen Rahmen umzusetzen."

Im Frühjahr 2021 hat der Thunderbird-Schatzmeister Ryan Sipes den Jahresbericht für 2020 vorgelegt. Während sich das Firefox-Projekt über einen Such-Deal mit Google finanziert und auf großem Fuß lebt, finanziert sich Thunderbird bisher fast ausschließlich – und auf deutlich bescheidenerem Niveau – über Spenden. 2020 kamen 2,3 Millionen US-Dollar zusammen, das Ergebnis einer kontinuierlichen Steigerung seit 2017, als es etwa 700.000 Dollar waren.

2021 lagen die Einnahmen leicht über 2020. 2020 hatte Mozilla 15 Angestellte. Mittlerweile sind es laut Kewisch knapp 20. Zurzeit hat Thunderbird vier Stellen ausgeschrieben und eine mit vielen Projekten gefüllte Roadmap. Die weitgehende Autonomie des, nicht immer geliebten, kleinen Bruders von Firefox im Kreis der großen Mozilla-Familie funktioniert also.

Die Arbeit an der Artikelreihe basiert in Teilen auf einem „Neustart Kultur“-Stipendium der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vergeben durch die VG Wort.

Siehe auch:

(tiw)