Open-Source-Adventskalender: Der Blog- und Webbaukasten WordPress

Von 1. bis zum 24. Dezember 2021 hat heise online jeweils ein "Kalendertürchen" mit dem Porträt eines Open-Source-Projekts geöffnet.

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(Bild: Semisatch/KOALA STOCK/Shutterstock.com/heise online)

Von
  • Stefan Mey

WordPress ist der Prototyp eines Open-Source-Geschäftsmodells: Auf der einen Seite ist da eine überzeugende Technologie, die von Millionen Menschen genutzt wird. Auf der anderen Seite hat WordPress den Erfinder fantastisch reich gemacht.

WordPress hat es auch für IT-Laien leicht gemacht, ein eigenes Blog oder eine Webseite zu betreiben: Man besorgt sich eine Domain sowie Webspace und baut mit wenigen Klicks die Software ein. Der Webseiten-Baukasten ist zum Quasi-Standard für Blogs geworden und auch in vielen anderen Webformaten eingebaut.

Der Open-Source-Adventskalender

43 Prozent aller Webseiten laufen auf WordPress. Die Software steht unter einer GNU GPLv2-Lizenz. Das Standard-Layout und der einfache Blogpost-für-Blogpost-Aufbau lassen sich durch Themes verändern. In der Datenbank von WordPress finden sich etwa 9000 Design-Vorlagen. 60.000 Plugins können den Funktionsumfang erweitern und beispielsweise Umfragen ermöglichen, vor Spam schützen oder Analysedienste und Werbenetzwerke einbauen.

Das WordPress-Unternehmen Automattic bietet eine Desktop-Anwendung sowie Apps für Android und iOS an.

WordPress ist eine Dreieck-Konstellation aus der Firma des Gründers, einer Stiftung und einer Community. 2004 veröffentlichte der US-Entwickler Matthew Mullenweg Version 1.0 der Software. Die war eine Weiterentwicklung der Blogsoftware b2/cafelog. Mit seinem Unternehmen Automattic entwickelt Mullenweg seit 2005 WordPress weiter.

2010 erfolgte die Gründung der WordPress Foundation. Die Stiftung hält die Markenrechte an WordPress und unterstützt die weltweite Community. Sie ist minimalistisch aufgebaut: Für das Jahr 2020 weist sie Einnahmen von nur etwa 11.000 US-Dollar aus. Wie sich aus dem ausführlichen Jahresbericht für 2019 ergibt, hat sie keinerlei Angestellte. Der Vorstand besteht aus drei Personen, deren Aktivität nicht vergütet wird. Mullenweg ist der Vorsitzende.

Die Hauptaktivität wird über eine Stiftungstochter abgewickelt, die WordPress Community Support, PBC. Die sammelt Gelder von Sponsoren oder durch Ticketverkauf ein und unterstützt Veranstaltungsformate der Community – Wordcamps, Meetups und WordPress-Geschäftsmodelle. 2020 wurden mit etwa 600.000 Dollar 33 WordCamps unterstützt, das sind lokale organisierte Konferenzen der Community. 250.000 Dollar gingen an WordPress-Meetups.

Eine Karte des Do-it-yourself-Veranstaltungsdienstes Meetup listet 757 Gruppen mit 475.000 Mitgliedern in 110 Ländern auf. 2018, vor Beginn der Corona-Krise, sponserte die WordPress Community Support die Veranstaltungen mit etwa 4,6 Millionen Dollar weiter.

Die Community besteht aus Ehrenamtlichen, aber auch aus Agenturen, IT-Firmen und Freelancern, die mit WordPress Geld verdienen: Sie verkaufen WordPress-Support, richten für Unternehmen Blogs ein oder bieten kostenpflichtige Premium-Themes und Plugins an. Die Mitmach-Seite auf WordPress.org stellt verschiedene Möglichkeiten vor, sich zu beteiligen: Man kann am Code mitarbeiten, übersetzen, Veranstaltungen organisieren, eingereichte Themes prüfen, Fragen in Supportforen beantworten oder Plugins entwickeln.

Das Unternehmen Automattic des Gründers Matthew Mullenweg mit etwa 1.800 Angestellten ist die dritte Säule neben der Stiftung und der Community. Angestellte des in San Francisco beheimateten Konzerns entwickeln die Software und Apps. Geld verdient das Unternehmen mit Produkten und Dienstleistungen rund um WordPress.

Das prominenteste Produkt ist der Bloghoster WordPress.com. Man kann dort als Subdomain kostenlos ein Blog betreiben, auf dem Automattic Werbung schaltet. Für weitergehende Ansprüche gibt es Abomodelle, die sich zwischen vier und 45 Euro monatlich bewegen und verschiedene Premiumfunktionen beinhalten: Man bekommt eine eigene Domain, kann Videos hochladen, Google Analytics einbinden oder Zahlungen entgegennehmen. Über das Automattic-Werbenetzwerk WordAds können Blogs ihre Reichweite monetarisieren. Die Preise von "Wordpress VIP" für Enterprise-Lösungen beginnen im niedrigen einstelligen Tausenderbereich.

Außerdem hat Automattic mehrere Dutzende Tochterunternehmen, die meist ebenso rund um WordPress Geld verdienen. Jetpack beispielsweise bietet Malware-Scans und Spamschutz für Kommentare und Formulare. Andere Tochterunternehmen sind auf Premium-Themes und -Plugins spezialisiert, etwa das Ecommerce-Plugin WooCommerce. Zu Automattic gehört zudem die ehemals große Bloggingplattform Tumblr, die Foren-Software BbPress und P2, ein Kollaborations-Tool für Firmen. Automattic ist außerdem am Start-up hinter dem Messengerprojekt Matrix beteiligt.

Automattic ist selbst noch ein Wachstumunternehmen. Insgesamt hat Automattic, wie die Seite Crunchbase zusammengetragen hat, knapp eine Milliarde US-Dollar von Risikokapitalgebern eingesammelt. Mitte 2021 war das Unternehmen mit 7,5 Milliarden Dollar bewertet.

Automattic schreibt im Pressebereich über sich, dass sie sich in einer "later-stage growth phase" befinden – der Endphase eines Startup-Zyklus. Die Logik von Risikokapitalfinanzierung sieht vor, dass Geldgeber sich ihre Investments nach einigen Jahren durch einen "Exit" vergolden. Durch einen Börsengang oder indem das Start-up aufgekauft wird. Das könnte auch bei Automattic passieren. Als das US-Medium Protocol.com Mullenweg im August 2021 nach Börsenplänen gefragt hat, hat dieser gelacht und gesagt, die Journalistin solle einfach eine "Standardantwort eines Geschäftsführers" aufschreiben.

Die Machtverhältnisse im großen WordPress-Unternehmen sind allerdings ausbalanciert. In seinem Blogpost zur letzten Finanzierungsrunde schreibt der Gründer, dass er zwar seit 2011 kontinuierlich Firmenanteile abgegeben hat. Die Stimmrechte, die eigentlich mit den Anteilen verknüpft sind, liegen aber weiterhin bei ihm.

WordPress ist das beste Beispiel dafür, dass das Freigeben von Software nicht bedeutet, dass man ehrenamtlich arbeiten oder auf niedrigem Niveau von Spenden leben muss. Aus Open Source kann auch Big Business werden. Wie viele Anteile der Gründer Matt Mullenweg noch hält, ist nicht bekannt. Es dürfte allerdings so viel sein, dass er auf dem Papier, oder nach einem Exit, auch auf dem Konto fantastisch reich ist.

Gleichzeitig ist WordPress ein Geschenk ans Netz. Die Technologie hat das Web auch für Laien erschlossen und ein riesiges Ökosystem hervorgebracht, in dem man ehrenamtlich mitarbeitet oder seinerseits mit der Technologie Geld verdient. Gerade durch die Open-Source-Konstruktion ist WordPress zu einer Kern-Infrastruktur des Webs geworden.

Die Arbeit an der Artikelreihe basiert in Teilen auf einem „Neustart Kultur“-Stipendium der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vergeben durch die VG Wort.

Siehe auch:

(bme)