Open-Source-Adventskalender: Der Messenger Telegram

Von 1. bis zum 24. Dezember 2021 hat heise online jeweils ein "Kalendertürchen" mit dem Porträt eines Open-Source-Projekts geöffnet.

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(Bild: Semisatch/KOALA STOCK/Shutterstock.com/heise online)

Von
  • Stefan Mey

Telegram residiert irgendwo im globalen Nirgendwo und wird von einem IT-Mäzen finanziert, der mittlerweile dringend nach einem Geschäftsmodell sucht. Das Open-Source-Projekt ist gleichermaßen privater Messenger und Medium der Massenkommunikation. Es ist sowohl Freiraum für Oppositionelle in Diktaturen als auch kaum regulierter rechter Sumpf. Die App wird geliebt, gehasst, kritisiert – und von Hunderten Millionen genutzt.

Der Open-Source-Adventskalender

Telegram ist eine Messenger-App für Smartphones. Es gibt aber auch PC-Programme und eine Web-Oberfläche. Telegram FOSS ist eine leicht abgewandelte Version im Open-Source-Appstore F-Droid. Im Play-Store rangiert die App in der Kategorie 1.000.000.000+. Laut Telegram-Gründer Pawel Durow hat die App Anfang 2021 die Marke von 500 Millionen Usern geknackt. Die Angabe lässt sich allerdings nicht überprüfen. Die Telegram-Apps stehen unter einer Lizenz GNUGPL v2. Telegram-Daten laufen über ein eigenes Netz, das Autonome System as62041.

Telegram ermöglicht private Kommunikation als Nachrichten, Telefonie und Videotelefonie. Es gibt klassische Chats und Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern. Und Telegram erlaubt Massenkommunikation in Telegram-“Kanälen“, bei denen das Publikum nur passiv mitliest. Außerdem lassen sich automatisch kommunizierende Bots erstellen. Der Witzbot etwa erzählt auf Zuruf Witze und der OpenMensaRobot zeigt Menüs deutscher Universitäts-Kantinen an.

Telegram verlangt beim Anlegen eines Profils die Angabe und Verifizierung einer Handynummer. Über die Freigabe des Geräte-Standorts lassen sich Profile und lokale Gruppen in der Umgebung finden. Deshalb lässt sich Telegram auch als Standort-basierte Dating-App und als Möglichkeit für lokale Vernetzung nutzen. (Allerdings sind viele lokalen Gruppen, zumindest in Berlin, vollgespammt mit den immer gleichen Porno- und Drogenangeboten.)

Der Ruf der App ähnelt dem Image des Tor-Darknets: Telegram gilt als wilder, gesetzloser Freiraum, der Großartiges wie Grauenhaftes hervorbringt. Vor allem gilt das für Telegram als Medium der Massenkommunikation. Telegram wird genutzt, um online Drogen und Sonstiges zu ordern. In autoritär regierten Ländern organisieren Oppositionelle via Telegram ihre Kommunikation, etwa im Iran. In westlichen Demokratien ist Telegram besonders im rechten und Verschwörungs-Spektrum beliebt, weil die App bisher überwiegend regulierungsfrei war – auch bei demokratiefeindlichen und menschenverachtenden Inhalten. In jüngster Zeit hat Telegram allerdings manchmal besonders problematische Gruppen gelöscht.

Laut einer Mitteilung des Telegram-Gründers hat die App im Herbst 2021 unter anderem eine deutsche Gruppe namens „menschenreise_diskussion“ mit 40.000 Mitgliedern blockiert. In der sei offen zu Gewalt gegen medizinisches Personal aufgerufen worden. Ähnlich wie auf Twitter findet auf Telegram auch offizielle politische Kommunikation statt. Die SPD betreibt einen Bot und das Bundesgesundheitsministerium sowie die Regierung von Baden-Württemberg einen Kanal. Und verschiedene Medien spiegeln in der App ihre Inhalte.

Auch in seiner Eigenschaft als Werkzeug privater Kommunikation ist Telegram umstritten (siehe Heise-Security-Artikel zu Telegram als Datenschutz-Alptraum). Anders als bei Messengern wie WhatsApp, Signal oder Threema sind Nachrichten bei Telegram nicht standardmäßig Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Das bedeutet: Telegram könnte in Kommunikationsinhalte hineinschauen. Für Zweier-Kommunikation lässt sich ein „geheimer Chat“ mit Verschlüsselung einstellen, bei Gruppenchats ist das gar nicht möglich.

Laut FAQ und, noch detaillierter, laut einem langen Post des Gründers Durow hat sich Telegram bewusst gegen eine Standardverschlüsselung entschieden. Der Grund: Man wolle Back-ups und damit das Weiterführen eines Profils auf einem anderen Gerät bequem ermöglichen, ansonsten hätte man auf dem Messenger-Massenmarkt keine Chance.

Die Geschichte des Telegram-Gründers Pawel Durow bietet Stoff für einen hochkarätig besetzten Politthriller: Ende 2006 gründete er zusammen mit seinem Bruder den russischen Facebook-Klon VKontakte. Mit dessen wachsender Popularität interessierte sich der russische Staat zunehmend für das soziale Netzwerk. 2014 kam es zur Eskalation. Nach einer Durchsuchung der Unternehmenszentrale und der Wohnung verließ Durow panisch das Land.

Kurz zuvor hatte er die ihm noch verbliebenen Anteile an VKontakte verkauft. Die Messenger-App hatten er und sein Bruder bereits 2013 gegründet. Telegram gibt an, „eine Reihe an Standorten ausprobiert“ zu haben. 2016 hatte es geheißen, dass Berlin das Hauptquartier sei. Die "Welt am Sonntag" fand damals allerdings keinerlei Hinweise darauf, dass das tatsächlich der Fall war.

2015 hatte Telegram 60 Millionen User, 2018 waren es 200, zwei Jahre später 400 Millionen und seit Anfang 2021 sind es mehr als 500 Millionen. (Wenn man den Eigenangaben glaubt).

Anbieter ist das Unternehmen Telegram FZ-LLC. Das sitzt in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein ungewöhnlicher Ort für ein politisches Exil: Für die Organisation Reporter ohne Grenzen gelten die Emirate als Überwachungs- und Zensurstaat. Mit Dubai als Firmensitz ist Telegram nach eigenen Angaben zufrieden. Schreibt aber, dass man sofort umziehen würde, sobald sich das ändert. Die Telegram FZ-LLZ ist, so lässt sich in den Datenschutzbestimmungen nachlesen, eine Tochter der Telegram Group Inc. mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln, einem Steuerparadies mit vielen Briefkastenfirmen.

Eine klassische Community, die aktiv am Open-Source-Projekt mitarbeitet, scheint es nicht zu geben. Telegram bittet allerdings um ehrenamtliche Hilfe bei den Übersetzungen sowie beim https://tsf.telegram.org/. Und Telegram schreibt dotierte Developper Challenges aus.

Pawel Durow tritt als Mäzen auf, der die App aus seinem Vermögen finanziert. Einnahmen hatte Telegram nach eigenen Angaben bis 2020 keine. Das Erzielen von Gewinnen sei auch nie das Ziel gewesen. Ende 2020 schrieb Durow, dass Telegram endlich einmal Geld einnehmen müsste, um auf eigenen Beinen zu stehen. Zuvor war er mit einer groß angelegten Monetarisierungsidee gescheitert: Auf Basis der Kryptowährung Gram sollte eine virtuelle Telegram-Ökonomie entstehen. Für den Vorverkauf der Währung hatte Telegram 1,7 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Die US-Börsenaufsicht SEC beendete das Vorhaben allerdings in letzter Sekunde. Im Mai 2020 beerdigte Durow das Projekt endgültig.

Im Oktober 2021 stellte Telegram eine Werbeplattform vor. Seitdem können Unternehmen in Kanälen mit mehr als 1.000 Abonnent:innen gesponserte Nachrichten buchen. Eine Milliarde Dollar als Anleihen 2021 hat Durow außerdem Unternehmensanleihen im Wert von einer Milliarde US-Dollar verkauft. Wie viel Zinsen er zahlen muss, ist nicht bekannt. Auch wer in die Anleihen mit fünfjähriger Laufzeit investiert hat, verriet Durow nicht. Ein Unternehmen kam aus der Deckung: Mubadala, ein Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate, hatte sich mit 150 Millionen US-Dollar beteiligt. Jeweils zur Hälfte direkt und über ein Joint Venture mit einer US-amerikanischen Investmentfirma.

Aufgrund der Firmenkonstruktion von Telegram lassen sich weder Eigentumsstrukturen noch Zahlungsströme nachprüfen. Als Durow Ende 2020 seine Monetarisierungsoffensive ankündigte, schrieb er, dass es für den Betrieb von Telegram eigentlich „mindestens einige Hunderte Millionen Dollar pro Jahr“ brauche. Wie viel Durow bei seinem Wegzug aus Russland im Gepäck hatte, ist nicht gesichert bekannt. In der Berichterstattung über Durow kursiert eine auf 2012 zurückgehende Schätzung, nach der seine VKontakte-Anteile damals 260 Millionen US-Dollar wert gewesen waren.

Die Nachricht über den Deal von 2021 enthielt noch eine interessante Seiteninformation: Es handelte sich um sogenannte Wandelanleihen. Falls Telegram an die Börse geht, werden diese in Aktien umgewandelt. Es ist also möglich, dass das wilde Open-Source-Projekt am Ende dann doch ganz klassisch an einer großen Börse landet. Auch für den Fall, dass die privaten Rücklagen von Durow mittlerweile aufgebraucht sind, dürfte aktuell genügend Geld in der Kasse sein. Für den Betrieb des wohl größten Open-Source-Projekt der Welt, das im globalen und rechtlichen Nirgendwo agiert und eine widersprüchliche wie vielfältige Allzweckwaffe ist: Messenger, aber auch soziales Netzwerk, Oppositionellen-Freiraum, Drogenumschlagplatz, Propaganda-Kosmos und Kanal für Pressemitteilungen. Beliebt, umstritten und – im doppelten Sinne – verdammt erfolgreich.

Siehe auch:

Die Arbeit an der Artikelreihe basiert in Teilen auf einem "Neustart Kultur"-Stipendium der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vergeben durch die VG Wort.

(mho)