Open-Source-Adventskalender: Die Fahrplanauskunft Öffi

Open Source ist eine Insel im kommerzialisierten Internet. Bis zum 24. Dezember öffnet heise online jeden Tag "Kalendertürchen" mit dem Porträt eines Projekts.

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(Bild: Semisatch/KOALA STOCK/Shutterstock.com/heise online)

Von
  • Stefan Mey

Dies ist ein Adventskalender für Techies. In der durchkommerzialisierten digitalen Welt gehört fast alles zu einem Internet-Großkonzern. Deren Software ist weder offen noch frei. Als Gegenentwurf gibt es diese kleine Insel der Open-Source-Welt: Software, deren Code öffentlich einsehbar ist und unabhängig auf mögliche Sicherheitslücken und Hintertüren überprüft werden kann. Software, die frei genutzt, verbreitet und verbessert werden kann. Der Antrieb für die Arbeit ist oft schlicht die Freude, der Gesellschaft etwas Nützliches zur Verfügung zu stellen.

Der Open-Source-Adventskalender

Vom 1. bis zum 24. Dezember werden auf heise online Kurzporträts von Open-Source-Projekten erscheinen. In denen geht es um die Funktionen der jeweiligen Software, die Tücken, die Geschichte, die Hintergründe und die Finanzierung. Hinter einigen Projekten steht eine Einzelperson, hinter anderen eine lose organisierte Community, eine straff geführte Stiftung mit Hauptamtlichen oder ein Konsortium. Die Arbeit geschieht rein ehrenamtlich, oder sie finanziert sich über Spenden, Kooperationen mit Internetkonzernen, staatliche Förderung oder ein Open-Source-Geschäftsmodell. Egal, ob Einzelanwendung oder komplexes Ökosystem, ob PC-Programm, App oder Betriebssystem – die Vielfalt von Open Source ist überwältigend.

Öffi ist ein Ein-Personen-Projekt mit einer kleinen Community. Die Android-App zeigt: Auch mit sehr schlanken Strukturen lässt sich eine erfolgreiche Open-Source-App betreiben. Öffi ist eine Fahrplanauskunft für Android-Smartphones. Es gibt die App im Play-Store, im Amazon Appstore, im Open-Source-Appstore F-Droid und als Direkt-Download. Die F-Droid-Version wird von Öffi ausdrücklich empfohlen. Wie viele Leute Öffi benutzen, vermag Entwickler Andreas Schildbach nicht zu sagen, da er die App nicht tracke. Die Zahl der bisherigen Downloads schätzt er auf knapp 10 Millionen. Der Quellcode steht unter einer "GNU GPL v3"-Lizenz.

In Deutschland deckt Öffi das Netz der Deutschen Bahn und fast den kompletten Regional- und Nahverkehr ab, ebenso den in sechs weiteren Ländern (Italien, Belgien, Dänemark, Schweden, Finnland und Polen). In Österreich lässt sich flächendeckend auf den landesweiten und den Regionalverkehr zugreifen, in anderen Ländern nur auf den Regional- und Nahverkehr (etwa in Tschechien, Spanien und Irland).

Anderswo wiederum sind punktuell Verkehrspläne einzelner Städte verfügbar (in Frankreich nur Paris, in der Schweiz nur Zürich und Luzern). Insgesamt listet die App 20 Länder auf, neben 16 europäischen Staaten auch die USA, Australien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Nicaragua.

Wer die App das erste Mal installiert, ist unter Umständen verwirrt: Statt nur einem erzeugt sie drei Bildschirm-Symbole. Über die lassen sich verschiedene Funktionen direkt ansteuern: "Öffi Verbindungen" ist die klassische Fahrplanauskunft: Ein bunter Balkenplan präsentiert Fahroptionen, zuvor muss man das entspreche Verkehrsnetz auswählen. "Öffi Haltestellen" zeigt nahe gelegene Haltestellen an. Über "Öffi Netzpläne" kann man sich Karten einzelner Verkehrsnetze anschauen.

In den Einstellungen lässt sich eine Priorität beim Reisen auswählen (schnelle Verbindung vs. wenig Umsteigen vs. kurzer Fußweg) sowie die Gehgeschwindigkeit. Außerdem kann man festlegen, dass man barrierefreie Strecken angezeigt haben will.

Öffi wird von Andreas Schildbach entwickelt. Ein zweites Projekt des Berliners ist die dezentrale Open-Source-App Bitcoin Wallet. Die App sei ein typischer Fall von "Scratch your own itch" gewesen, erzählt Schildbach heise online: "Ich war vor zwölf Jahren neu in Berlin und fand das ÖPNV-Netz vergleichsweise kompliziert, mit den sich mehrfach schneidenden U- und S-Bahn-Linien. Von Bus und Tram ganz zu schweigen. Man kommt in Berlin immer gut von A nach B, aber was ist der optimale Weg?"

Er ließ sich von einer bereits existierenden iPhone-App inspirieren, "Fahrinfo" von Jonas Witt. Von der hatte er einen einzigen Screenshot und legte los: "So hackte ich in zwei Tagen eine erste Version zusammen – damals nur für Berlin." Die Resonanz sei so gut gewesen, dass er bald andere Städte und Länder hinzufügte. Anfang 2010 erschien die erste Öffi-Version.

Im Juli 2018 war Öffi unfreiwillig in den Schlagzeilen: Google hatte die App aus dem Play Store geworfen. Der Konzern hatte sich daran gestört, dass in einer außerhalb des Play Store installierbaren Version ein Spenden-Button zu sehen war. Zwei Monate später durfte die App wieder zurück. Auf die Frage, inwiefern es weitere Kommunikation mit Google gegeben hatte, antwortet Schildbach: "Ich kann nur sagen, Google Deutschland war nicht darüber erfreut, dass 'Google international' die App einfach ohne Vorwarnung rausgeworfen hat. Das hat denen schon ganz schöne Kopfschmerzen bereitet."

Wenige Tage nach dem Rauswurf hatte er Öffi als Open Source freigegeben. Das habe er schon lange vorgehabt, so Schildbach, der Streit mit Google habe den Ausschlag gegeben, den Schritt endlich zu vollziehen.

Nicht nur mit Google hatte und hat Öffi zu kämpfen. Viele Verkehrsverbünde und -betriebe arbeiten gern mit Öffi zusammen, erzählt Schildbach. Bei einigen gibt es aber doch Probleme. Sie verfügen über keine Schnittstellen oder sie verweigern eine Integration. Für das Saarland lässt sich Öffi nicht nutzen, als Begründung steht in der App: "Nicht verfügbar, weil der saarVV darum gebeten hat, nicht in Öffi enthalten zu sein." Ähnlich verhält es sich auch bei vier österreichischen Bundesländern.

Die Anbindung an die Backend-Systeme von Verkehrsverbünden hat Schildbach in ein eigenes Projekt ausgelagert: Public Transport Enabler. Auf der Github-Seite des Projekts sind mit Schildbach 36 Beitragende aufgelistet. Eine kleine Community gibt es also.

Auf der Öffi-Website bittet Schildbach zurückhaltend um Spenden. Prinzipiell ist Öffi ein ehrenamtliches Projekt eines Einzelentwicklers. Über eine Monetarisierung habe er nie nachgedacht, erzählt Schildbach. Er habe sich auch nie um öffentliche Förderung gekümmert: "Das kostet nur Zeit, die ich in Öffi stecken könnte." Wie viele Stunden Schildbach pro Woche in Öffi steckt, könne er gar nicht sagen: "Ich mache kein Time Tracking, wozu auch bei einem ehrenamtlichen Projekt?".

Die Arbeit an der Artikelreihe basiert in Teilen auf einem "Neustart Kultur"-Stipendium der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vergeben durch die VG Wort.

Siehe auch:

(olb)