Oracle: Datenpanne mit Milliarden Einträgen enthüllt riesiges Tracking-Netz

Eine Tracking-Datenbank der Oracle-Tochter BlueKai mit persönlichen Informationen und Profilen auch deutscher Webnutzer stand offen im Netz.

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(Bild: vchal/Shutterstock.com)

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Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat der Datenbankkonzern Oracle die Spuren von Online-Nutzern verfolgt und ein umfangreiches Tracking-Netzwerk aufgebaut. Eine massive Datenpanne hat jetzt Einblicke in die entsprechenden Aktivitäten des Konzerns aus dem Silicon Valley gegeben. Die Panne hat der Sicherheitsforscher Anurag Sen entdeckt. Auf einem ungesicherten, ohne Passwort zugänglichen Server stieß der Experte auf ein Verzeichnis mit Milliarden personenbezogener Datensätze, die für jedermann offen einsehbar waren.

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Sen hat Oracle inzwischen über seinen brisanten Fund informiert, die klaffende Sicherheitslücke ist der Firma zufolge wieder geschlossen. Das US-Magazin TechCrunch hatte nach eigenen Angaben zuvor Gelegenheit, die Datenbank über den eingeschalteten Informanten zu überprüfen. Diese enthielt demnach Namen, Anschriften, E-Mail-Adressen und andere personenbeziehbare Daten von Nutzern aus aller Herren Länder. Darunter seien auch sensible Browsing-Verläufe gewesen, die von Shopping-Touren im Web bis zu Abbestellungen von Newsletter-Abonnements reichten.

"Man kann es kaum beschreiben, wie aufschlussreich einige dieser Daten sein können", erklärte Bennett Cyphers von der US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) gegenüber dem Online-Dienst. Fein abgestufte Aufzeichnungen über die Surfgewohnheiten von Menschen im Web könnten Hobbys, politische Vorlieben, Einkommensklassen, den Gesundheitszustand, sexuelle Präferenzen und andere persönliche Details offenbaren. Die Aussagekraft nehme ständig zu, "da wir einen immer größeren Teil unseres Lebens online verbringen".

Die umfangreichen, als nicht-pseudonymisierte Rohdaten nach außen gedrungenen Nutzerspuren hat Oracle dem Bericht nach vor allem über seine Tochter BlueKai zusammengetragen. Das Unternehmen hatte das Start-up 2014 für gut 400 Millionen US-Dollar gekauft. Obwohl es außerhalb von Marketingkreisen kaum bekannt ist, hat es mithilfe von Cookies und anderen Tracking-Instrumenten wie Schnüffelpixeln auf Webseiten inklusive Porno-Portalen und in HTML-Mails einen großen einschlägigen Werbeverbund aufgebaut. Auf dem zugehörigen Markt für Profiling und personenbezogene Werbung gelten etwa Google mit seinem Netzwerk DoubleClick, Facebook und Amazon als noch größere Datensammelmaschinen.

TechCrunch spricht allein angesichts der schieren Größe der exponierten Datenbank von einer der bislang "größten Sicherheitslücken in diesem Jahr". Man habe darin sogar Aufzeichnungen mit Einzelheiten über teils sehr private Online-Einkäufe gefunden, die bis August 2019 zurückreichten. In einem Datensatz werde detailliert beschrieben, wie ein namentlich identifizierter Deutscher am 19. April eine Prepaidkarte benutzt habe, um ein 10-Euro-Gebot auf einer Website für E-Sports-Wetten zu platzieren. Die Aufzeichnungen sollen auch die Adresse, Telefonnummer und E-Mail des Mannes umfasst haben.

Als weiteres Beispiel nennt das Magazin Einträge einer der größten türkischen Investmentfirmen. Darüber habe sich etwa zurückverfolgen lassen, dass ein Nutzer aus Istanbul für 899 US-Dollar Möbel bei einem Online-Ausstatter erstanden habe. Interessenten unter anderem für Dashcams seien ebenfalls leicht persönlich ausfindig zu machen gewesen.

Nach kalifornischem Recht und der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) wäre Oracle eigentlich verpflichtet gewesen, die zuständigen Aufsichtsbehörden über das Leck binnen enger Fristen zu informieren. Dem Bericht nach versäumte der Konzern dies aber bislang. Die DSGVO sieht bei Verstößen Bußgelder bis zu 20 Millionen Euro beziehungsweise vier Prozent des Jahresumsatzes eines Unternehmens vor.

Laut Branchenexperten verfolgt BlueKai rund 1,2 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Web und arbeitet mit den Betreibern einiger der größten Homepages und Online-Dienste wie eBay, ESPN, Forbes, Levi’s, MSN.com, Rotten Tomatoes und der New York Times zusammen. Ironie bei der Geschichte: Sogar in dem TechCrunch-Artikel ist ein BlueKai-Tracker eingebaut, weil die Muttergesellschaft Verizon Media zu den Partnern der Firma gehört. Letztlich setzt fast jede Medienseite, die sich ganz oder teils über Werbung finanziert, auf einschlägige Verfahren zur Nutzeranalyse.

Hierzulande betonten die Datenschutzaufsichtsbehörden erstmals vor zwei Jahren, dass Tracker wie Google Analytics und Cookies selbst in pseudonymisierter Form nur mit ausdrücklicher und informierter Einwilligung der Nutzer erlaubt seien. Die von Anwendersystemen abgegriffenen Daten und daraus geformten Profile würden längst nicht nur für Anzeigen verwendet, beklagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber voriges Jahr.

(bme)