Personalberater: "Nur fachliches Wissen hilft nicht bei der IT-Karriere"

Drei Dinge braucht der Informatiker in Zukunft, wenn er Karriere machen will: einen Dr.-Titel, Machthunger und Rücksichtslosigkeit, sagt Dr. Reinhard Scharff.

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(Bild: tsyhun/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Auf dem Höhepunkt der Studentenproteste führte die TU Darmstadt 1968 den ersten Informatikstudiengang in Deutschland ein. Mancher hätte wohl gemeint, diese Disziplin sei noch gar nicht so alt, sondern eine viel jüngere Wissenschaft. Das ist sie im Vergleich zu anderen, etwa der Medizin, die ihren Ursprung in der Antike hat. Dagegen wirkt die Informatik wie ein einziger Tag in der Milliarden Jahre langen Geschichte der Erde. Bis vor einigen Jahren war sie noch eine Geheimwissenschaft, jetzt ist sie dabei, sich zu etablieren.

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"In der Folge werden Strukturen wie in den alten Wissenschaften in Unternehmen aufgebaut und somit Titel immer wichtiger, um die Qualifikation von Mitarbeitern auf einen Blick zu unterscheiden", sagt Dr. Reinhard Scharff, Personalberater und Geschäftsführer der Personalagentur ‚Die Stellenbesetzer‘ in Stuttgart. Wer morgen in der Informatik Chef werden will, braucht nach seiner Meinung deshalb einen Doktortitel. Unentbehrlich bleiben daneben auf dem Weg nach oben der Willen zur Macht und eine gewisse Rücksichtslosigkeit. Nur fachliches Wissen hilft in keiner Disziplin bei der Karriere.

In manchen Berufen ist ein Dr.-Titel fast schon Pflicht wie bei Medizinern, Chemikern und Biologen. Warum ist das so?

Das sind allesamt altehrwürdige Wissenschaften, die teilweise seit Hunderten von Jahren theoretisch und wissenschaftlich auf ihren jeweiligen Gebieten arbeiten. In denen hat es sich angeboten Differenzierungen wie Diplom, Promotion und Professur zu etablieren, weil man daran auch die wissenschaftliche Qualität sehr gut anhängen zu können glaubt und sie so nach außen hin relativ einfach demonstrierbar scheint. Der Titel ist damit sehr wertvoll und zeitsparend beim wissenschaftlich-theoretischen Austausch. Alle Beteiligten wissen dadurch sofort um den Stand des Verfassers, Vortragenden und seine hierarchische Einordnung.

Dr. Reinhard Scharff

Wie ist es beim Informatiker, welche Rolle spielt eine Promotion in diesem Beruf?

Informatik ist noch immer eine junge Wissenschaft mit Goldgräbermentalitäten. Das bedeutet, dass Vieles in der Informatik praktisch umgesetzt wird mit zum Teil großen Erfolgen auch hemdsärmelig. Wissenschaftliche Reputation war also lange Zeit nicht so entscheidend, vor allem auch, weil vieles unter den ITlern blieb und nicht an die breite Öffentlichkeit gerichtet war. Das lässt sich als Austausch von Insiderfachwissen unter Spezialisten zusammenfassen. Die Überbleibsel daraus sieht man übrigens an der Anwenderunfreundlichkeit vieler IT-Programme heute noch, die für Nerds geschrieben waren und nicht für eine breite Konsumentenanwendung gedacht. Informatik ist eine eingefleischte Geheimwissenschaft gewesen.

Und das ist nun vorbei?

Ja, die Informatik steckt mitten in einem Wandel hin zur anerkannten wissenschaftlichen Disziplin. Das zeigt sich darin, dass die theoretische Durchdringung und Wissenschaftlichkeit wichtiger geworden ist und damit auch Differenzierungsmerkmale immer bedeutender werden. In den Unternehmen wird das sichtbar, weil in großen Abteilungen irgendwie differenziert werden muss. In der Folge kann nur in bestimmte Ebenen aufsteigen, wer seine Kompetenz anhand von Zertifikaten nachweisen kann. In der Informatik kommt es daher wie in anderen Industrien bereits abgeschlossen: Am Anfang konnte der Geselle zum Chef aufsteigen, mit zunehmendem Alter einer Industrie ging das irgendwann nur noch mit Master und steigerte sich über den Dr. bis hin zum Professor. Alle ohne Titel bleiben im mittleren Management hängen, obwohl sie vielleicht viel besser wären. Der Titel wird heute schon in der Informatik als Auswahlkriterium bei Bewerbungen verwendet und daher wichtiger.

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Welche Art von Unternehmen suchen Informatiker mit Promotion für welche Aufgaben?

Je höher der Organisationsgrad einer Firma, desto mehr promovierte Informatiker werden gesucht, weil große Mittelständler und Konzerne Hierarchien haben und brauchen. Überwiegend sind das Stellen in der Forschung und weniger in der Linie, etwa mit Personalverantwortung. Aber das wird in den nächsten Jahren stark zunehmen. Das ist eine Sache des Standes, denn der Titel hilft dabei, sich oben zu halten. Ein Herr Dr. oder Frau Dr. schafft Distanz und Reputation nach unten. Die ohne diesen Titel schauen hoch und nehmen an, dass promovierte Führungskräfte wissen, was sie tun.

Was verspricht den Unternehmen ein Informatiker, der promoviert hat: eine besondere Expertise in einem Thema?

Ja, jede Veröffentlichung ist eben bereits geadelt, weil ein Dr. auf seinem Gebiet eine gewisse Meisterschaft nachgewiesen hat. Es gibt eine Masse Bachelor, weniger, aber immer noch viele Master und Diplom-Informatiker, aber nur relativ wenig Dr. in IT. Das hebt heraus und Orden schmücken eben vor anderen.

Lohnt sich die Promotion für den Informatiker nur dann, wenn seine Expertise im Unternehmen gebraucht wird?

Nein, der Dr.-Titel lohnt überhaupt, weil der Weg dorthin steinig und langwierig ist. Das werden nie viele auf sich nehmen, weil es ja auch enorme Gehaltsverluste mit sich bringt. Selbstverständlich muss der promovierte Informatiker im Thema seines Arbeitgebers sein. Fraglich ist: Wie tief und außerdem hat ein Promovend gelernt, wie wissenschaftliche Mitarbeiter, die in einem Thema spezialisiert sind, sich für die eigenen Zwecke einsetzen lassen. Bei vielen Artikeln in Unternehmen steht der Chef als Unterzeichnender mit auf dem Papier, obwohl er keinen Beitrag zum Projekt geleistet hat. Das nennt sich dann, die Veröffentlichungsquote pimpen. Geht auch firmenintern, nicht nur an Universitäten.

Also hilft ein Dr.-Titel in Informatik der Karriere

… ja, aber es kommt genauso auf die Persönlichkeit dahinter an. Auch ein Dr. muss Ambitionen, eine gewisse Rücksichtslosigkeit und den Willen zur Macht besitzen. Dann aber hilft es enorm, wenn die Konkurrenz titelmäßig darunter angesiedelt ist. (kbe)