Photovoltaikausbau: Das Potenzial der Supermärkte

Deutsche Supermärkte haben das Potenzial ihrer Dachflächen entdeckt und belegen die Flachdächer mit Photovoltaik. Der meiste Strom wird vor Ort gebraucht.

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Solaranlage auf einem Parkplatz

(Bild: seo byeong gon/Shutterstock.com)

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  • Jan Mahn
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Zwei Arten von Stromkunden standen in den letzten Monaten besonders im Fokus: Die privaten Haushalte wurden immer wieder ans Stromsparen erinnert und bei energieintensiven Industriebetrieben wurde über Abschaltungen diskutiert. Laut einer Erhebung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) war die Industrie mit 226 Terawattstunden auch der größte Stromverbraucher im Jahr 2021. Die Haushalte konsumierten 132 TWh – nahezu gleichauf liegt die dritte Gruppe: "Gewerbe, Handel und Dienstleistungen" mit 138 TWh. In diese Kategorie fallen auch die Lebensmittelhändler.

Einheitenkunde Watt, Kilowatt, Kilowattstunde

Die elektrische Leistung wird in Watt (W) angegeben. Für einen Verbraucher kann man zu jedem Zeitpunkt eine solche Leistung messen und auf dem Gerät angeben. Zum Beispiel kann man auf einem Wasserkocher eine Leistungsangabe wie 1000 Watt (1 Kilowatt, kW) finden. Lässt man ein solches Gerät genau eine Stunde laufen, hat man 1 Kilowattstunde (kWh) Energie aus dem Netz bezogen. 1000 Kilowattstunden sind eine Megawattstunde (MWh).

Auch eine Photovoltaikanlage hat eine Leistung, die ihr Wechselrichter ins Netz abgibt. Die Spitzenleistung unter optimalen Bedingungen gibt man in der Photovoltaikszene als Kilowatt Peak (kW Peak, kWp) an. Läuft eine Anlage mit 1 kW Peak eine Stunde lang, hat sie 1 kWh Energie ins Netz abgegeben. Um auszurechnen, wie viele Kilowattstunden eine Anlage im Jahr erzeugt, gibt es für Deutschland die Faustformel: 1 kW Peak erzeugt zwischen 800 und 1000 kWh im Jahr.

An Strom einzusparen gibt es im Lebensmitteleinzelhandel eine Menge: Das EHI Retail Institute befragt seit 2016 jedes Jahr 13.000 Supermärkte mit zusammen über 16 Millionen Quadratmetern und 16.000 Discounter mit zusammen über 14 Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche nach ihrem Stromverbrauch. Zwar gibt es einen leichten Trend – von 2016 bis 2021 sank der jährliche Verbrauch pro Quadratmeter stetig von 330 auf 314 Kilowattstunden pro Quadratmeter Verkaufsfläche – die absoluten Zahlen sind aber immer noch hoch, vergleicht man sie etwa mit einem beispielhaften Einfamilienhaus, das bei rund 200 Quadratmetern Wohnfläche 3000 Kilowattstunden im Jahr konsumiert; 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter.

Der wesentliche Unterschied: Zu Hause steht nicht in jeder Ecke ein Kühlgerät. Zu den Großverbrauchern im Lebensmitteleinzelhandel gehören neben den für Kunden sichtbaren Kühl- und Gefriertruhen auch die Kühlungen der Lager im Hintergrund und Klimaanlagen für den Verkaufsraum. Diese elektrischen Verbraucher laufen rund um die Uhr, auch wenn keine Kunden im Laden sind. Während der Öffnungszeiten kommt die Beleuchtung dazu: Noch nicht überall haben LED-Beleuchtungen die Leuchtstoffröhren ersetzt und bei 10 oder 12 Stunden Dauerbeleuchtung während kommt einiges zusammen. Die elektrischen Backöfen für die Backwarenabteilung, die mittlerweile zum gut ausgestatteten Supermarkt gehört, tun ihr Übriges.

(Bild: ALDI Einkauf SE & Co. oHG)

So hoch der Verbrauch auch ist, so gut sind die Voraussetzungen für Photovoltaik auf den Märkten vielerorts. Die freistehenden Supermärkte haben das größte Potenzial, einen Großteil ihres Verbrauchs durch Energie von der Sonne abzudecken. Um die Ausmaße zu veranschaulichen, eine Beispielrechnung mit einem mittelgroßen Supermarkt mit 800 Quadratmetern Verkaufsfläche. 251.000 Kilowattstunden stehen dort am Ende des Jahres auf dem Zähler, wenn man von den durchschnittlichen 314 kWh/m2 ausgeht.

Dem steht großes Potenzial für Photovoltaik gegenüber: Pro Kilowatt Peak kann man von einem Flächenbedarf von rund 5 Quadratmetern ausgehen, also 200 Watt Peak pro Quadratmeter. Doch ein Supermarktdach ist nicht komplett nutzbar: Lüftungsanlagen und andere Hindernisse verhindern die vollständige Belegung. Etwas pessimistisch gerechnet kann man von 800 Quadratmetern Verkaufsfläche auch 600 für Photovoltaik nutzen. Das entspräche einer Anlage mit 120 Kilowatt Peak, von der man zwischen 110.000 und 120.000 Kilowattstunden im Jahr erwarten kann. Rein rechnerisch wären das knapp 50 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs. Nachts muss jedoch Strom zugekauft werden, während tagsüber zu Spitzenzeiten Strom ins Netz abgegeben werden kann. Für Betreiber dürfte sich die Investition in Photovoltaik schnell rentieren; der Eigenverbrauch ist groß und Kühlanlagen brauchen vor allem dann viel Strom, wenn die Sonne am längsten scheint.

Zu diesen Schlüssen kam auch Discounter Aldi Nord und investiert in Photovoltaik. Für 2021 gibt das Unternehmen 123.800 Kilowatt Peak auf Filialdächern an – für 2022 ist weiterer Ausbau geplant. Auch die Eigenverbrauchsquote hat man ausgerechnet: 70 Prozent werden nach Aldis Angaben direkt im Markt verbraucht, 30 Prozent verkauft man ins Netz. In einem Pilotprojekt soll Speicher aus ausgedienten E-Auto-Batterien ausprobiert werden, um diesen Wert zu steigern.

Aldi Süd nennt die Zahl von 1320 Filialen (von knapp 2000), die mit Photovoltaik belegt sind. Die Eigenverbrauchsquote liegt mit 80 Prozent etwas höher als im Norden. Beide Aldis geben in ihren Nachhaltigkeitsberichten an, dass sie die meisten Beleuchtungen schon durch LED getauscht und alte Kühlungen durch neue (fernüberwachte) Kühlgeräte ausgetauscht haben. Bei den Photovoltaikanlagen handelt es sich größtenteils um klassische Anlagen auf Flachdächern.

Nicht nur auf Filialen ist Platz für Photovoltaik. Aldi Süd nutzt – wie hier in Mörfelden – auch die Dächer seiner Logistikzentren.

(Bild: Jan Mahn)

Im Baden-Württembergischen Waldbronn bei Karlsruhe probiert Aldi Süd derweil einen anderen Plan aus: Im August 2021 wurde die bestehende Filiale zusammen mit einer DM-Drogeriefiliale an einen provisorischen Ausweichstandort in Leichtbauweise verlegt. Bis 2024 soll auf dem Gelände der alten Filiale ein neuer Wohn- und Geschäftskomplex entstehen. Unten Aldi Süd, Rewe und DM, darüber 115 Wohnungen, auf dem Dach eine Mischung aus Photovoltaik, Begrünung und Solarthermie.

Geplanter Aldi-Süd-Markt in Waldbronn. Unten Supermarkt, darüber Wohnraum, darauf Photovoltaik.

(Bild: ALDI SÜD)

Marktmitbewerber Lidl hat ausgerechnet, dass bereits 25 Prozent des gesamten Energiebedarfs (also nicht nur des Strombedarfs) in den Filialen aus eigenen PV-Anlagen gedeckt wird. Kamen 2020 noch 24.396 Megawattstunden (MWh) von der Sonne, lag der Wert nach Angaben der Unternehmens bereits bei 36.389 MWh. Weitere Ausbaupläne liegen in der Schublade, wie das Unternehmen auf Anfrage erklärt: 62.263 Kilowatt Peak liegen schon auf Lidl-Dächern, bis 2025 sollen es 182.000 werden. Dabei kommt alles infrage, was ein Dach hat – neben den Filialen auch Lager und andere Immobilien. Komplett selbst verbrauchen kann der Lebensmittelhändler seinen Strom in den Filialen aber auch nicht: 7.094 MWh hat das Unternehmen ins öffentliche Netz verkauft. Ein weiterer Abnehmer, um den Eigenverbrauch zu erhöhen, sind die 450 Ladesäulen mit jeweils bis zu drei Ladepunkten, an denen Kunden ihre Fahrzeuge laden können.

Am im Dezember 2021 eröffneten Standort Albstadt (Baden-Württemberg) hat das Unternehmen ausprobiert, was mit Speicher und Photovoltaik möglich ist. Die 1340 Quadratmeter Verkaufsfläche werden von einer 182-kWp-Photovoltaikanlage ausgestattet, die 170.000 kWh liefert. Die Überschüsse am Tag landen in einem 66 kWh-Speicher, der neben der Filiale auch E-Auto- und E-Bike-Ladestationen versorgt.

(Bild: Schwarz Gruppe)

Lidl gehört zur Schwarz-Unternehmensgruppe, zu der auch Kaufland gehört. Bis zum Geschäftsjahr 2025 will die Unternehmensgruppe nach eigenen Angaben noch rund 3700 Anlagen bauen und insgesamt 700.000 Kilowatt Peak Leistung installiert haben.

Wie Aldi will auch Lidl nicht nur selbst produzieren sondern auch den Verbrauch senken. Auf unsere Anfrage schreibt die Pressestelle, wie man das bewerkstelligen will: "Auch durch Gebäudeautomation – sie erlaubt optimalen Energieeinsatz durch bedarfsgerechte Steuerung und Regelung sowie Überwachung – senken wir den Energiebedarf kontinuierlich weiter. Dank Monitorings und Energieverbrauchsanalysen können wir schnell auf Abweichungen reagieren."

Auch auf Dächern anderer Supermärkte und Discounter sowie auf den Logistikzentren liegen bereits Photovoltaikanlagen, bei Rewe und Edeka zum Beispiel macht es die Organisationsstruktur aber schwerer, deutschlandweite Zahlen zu berechnen und eine firmenweite Ausbaustrategie umzusetzen. Die meisten Märkte betreiben lokale Kaufleute, viele Standorte sind gemietet, was die Investition erschwert. Dann ist Kreativität gefragt: Im Bayerischen Eberberg hat ein Rewe-Kaufmann mit dem lokalen Energieversorger kooperiert und Anfang 2022 eine 75-kWp-Anlage in Betrieb genommen, deren Strom die Filiale vollständig verbraucht.

Einen Beitrag zu mehr Eigenverbrauch des Sonnenstroms und damit zur Entlastung des Stromnetzes können auch die Hersteller der Kühlgeräte leisten. Anbieter von Kühltruhen für den professionellen Einsatz wie Liebherr werben bereits mit einer Kältereservefunktion. Statt überschüssigen Strom ins Netz zu verkaufen, gibt der Wechselrichter den Kühltruhen den Befehl, kältere Temperaturen zu erzeugen als benötigt. Nachts können die Truhe diese Kältereserve dann langsam aufbrauchen, die Aggregate müssen erst später mit gekauftem Strom anspringen.

Die Zeiten, in denen Strom aus Photovoltaik teurer war als der Strom am Markt, sind lange vorbei und die Einspeisevergütung ist deutlich niedriger als der Kaufpreis – Photovoltaikanlagen lohnen sich also besonders, wenn der Eigenverbrauch (tagsüber) hoch ist. Lebensmitteleinzelhändler mit unbeschatteten Flachdächern erfüllen daher alle Voraussetzungen für Photovoltaikausbau. Ausführliche Wirtschaftlichkeits- und Amortisationsrechnungen müssen die Unternehmen nicht anstellen: Weil der Stromverbrauch beim Lebensmittelverkauf so hoch ist, gilt es, jetzt die Flachdächer mit Modulen zu bedecken.

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(jam)