Picasa: Google sägt den Desktop ab

Die Picasa-Webalben sind schon länger Geschichte, nun hat Google auch die gleichnamige Desktop-Anwendung beerdigt. Die Entscheidung ist richtungsweisend und zwar nicht nur für Hobbyfotografen. Alles wandert in die Cloud, aber für den Anwender hat das Nachteile.

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Mit dem neuen Dienst Google Fotos hat der Suchmaschinenanbieter Picasa beerdigt und zeigt, wo die Reise zukünftig hingehen soll. Außer den Mobil-Apps gibt es nur noch einen einfachen Deskop-Uploader. Aus der bisherigen Synchronisierung zwischen PC und Cloud wird damit eine Einbahnstraße Richtung Internet. Der komplette Foto-Workflow und damit auch die Bildbearbeitung verlagern sich nun in die Cloud. Nachteil ist, dass ich die Bilder in jedem Fall in die Cloud laden muss. Auch die Fotos, die ich gar nicht veröffentlichen möchte. Datensparksamkeit ist bei bei dieser Architektur unmöglich.

Ein Kommentar von Sascha Steinhoff

Sascha Steinhoff ist Redakteur bei c't Digitale Fotografie und schreibt seit 2008 regelmäßig über techniklastige Fotothemen. Privat ist er seit analogen Zeiten bekennender Nikon-Fanboy, beruflich ist er da flexibler. Als Softwarespezialist kümmert er sich insbesondere um die Themen Raw-Konvertierung, Bildbearbeitung und Bildarchivierung.

Diese Entwicklung ist unter anderem wegen heikler Features wie der Gesichtserkennung besorgniserregend. Auch sie wandert von Picasa auf dem Desktop nach Google Fotos in die Cloud. Auf dem Desktop in meinem eigenen lokalen Bildarchiv empfinde ich die Gesichtserkennung als nützlich, in der Cloud ist die Gesichtserkennung datenschutzrelevant. Die irische Datenschutzbehörde sieht das übrigens ähnlich. Sie hatte schon Facebook in Europa die Verwendung der Gesichtserkennung untersagt. Auch Google muss sich dem beugen, die Gesichtserkennung in Google Fotos ist hierzulande deaktiviert. Technisch läßt sich diese Einschränkung leicht umgehen: Wer per VPN-Zugang den Google-Servern eine amerikanische Adresse vorgaukelt, der kann auch aus Deutschland die Gesichtserkennung bei Google Fotos freischalten. Es war keine große Überraschung, als Google im Februar 2016 das Ende der kostenlosen Bildbearbeitungsanwendung Picasa bekanntgab. Picasa war vor Jahren zwar hoffnungsvoll gestartet, Google verlor aber recht schnell sein Interesse an dieser Software. Die wechselhafte Geschichte von Picasa zeigt, wie wichtige Funktionen alternativlos in die Cloud gezogen werden.

Noch vor einigen Jahren konnte Picasa den lokalen Bildbestand mit der Google-Cloud verzahnen. Mit den Picasa-Webalben hatte Google im Jahr 2006 ein für die damalige Zeit revolutionäres Webalbum online gestellt. Es bot einen Benutzerkomfort wie man ihn sonst nur von Desktop-Viewern kannte, die Konkurrenz à la Flickr konnte nicht ansatzweise mithalten. Das ursprüngliche Setup war ideal: Auf dem Desktop konnte ich meine Bilder verwalteten und bearbeiten. In die Cloud stellte ich aber nur die wenigen Fotos, die ich tatsächlich auch veröffentlichen wollte. So gelangen meine privaten Bilder erst gar nicht in das Internet. Einen effektiveren Schutz vor Mißbrauch als Datensparsamkeit gibt es nicht.

Für den Anwender ist der Nutzen dieser Umstellung nicht klar ersichtlich. Mal abgesehen von Datenschutzbedenken: Ein umfangreiches Bildarchiv läßt sich mit Google Fotos überhaupt nicht mehr sinnvoll verwalten. Es wird darauf hinauslaufen, dass man stapelweise Bilder in die Cloud schiebt, die man dann nur noch bei gezielten Suchen wiedersieht. Falls man sie überhaupt noch wiederfindet. Wer einen Gmail-Account hat, kennt das Phänomen: Wer den Dienst ein paar Jahre nutzt und die Mails wie vorgesehen archiviert, der zieht einen gigantischen Datenschatten in Form tausender Datensätze hinter sich her.

Für den Anwender mag die Abkehr vom Desktop kein Fortschritt sein, Google profitiert in jedem Fall davon. Es liegt im ureigendsten Interesse von Google, möglichst umfassende Daten von jedem einzelnen Benutzer einzusammeln und dauerhaft zu horten. Je mehr Daten abgegriffen werden, desto größer ist das damit verbundene Geschäft. (sts)