Pico 4: Schlanke VR-Brille soll der Meta Quest 2 Konkurrenz machen

Tiktok-Betreiber Bytedance bläst zum Angriff auf Meta. Die frisch angekündigte, kompakte VR-Brille Pico 4 soll neue Nutzer in die virtuelle Realität locken.

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(Bild: Pico Interactive)

Von
  • Jan Wöbbeking

Nach zahlreichen Leaks hat der Tiktok-Konzern Bytedance seine neue, kompakte VR-Brille Pico 4 vorgestellt. Ähnlich wie Metas Quest 2 lässt sie sich komplett eigenständig betreiben oder per Wi-Fi 6 mit dem Spiele-PC verbinden. Mit dem Fokus auf Spiele, Fitness, Filme und Social-Apps richtet sie sich primär an Neueinsteiger. Passend dazu unterbietet Bytedance Metas Preise. Lediglich 430 Euro (128 GB Speicherplatz) beziehungsweise 500 Euro (256 GB) werden aufgerufen. Bei der Quest 2 sind es 450 Euro (128 GB) bzw. 550 Euro (256 GB). Der schlanke Formfaktor und ein ordentliches Sichtfeld von 105 Grad (diagonal) dürfte zum Start am 18. Oktober aber auch VR-Enthusiasten neugierig machen.

Vor allem die kompakte Bauweise macht Meta Konkurrenz. Moderne "Pancake-Linsen" ermöglichen den Einbau kleinerer LC-Displays, die mit 2.160 × 2.160 Pixeln pro Auge etwas höher auflösen als die der Quest 2 (1832 × 1920 Pixel pro Auge). Das Gehäuse fällt im Vergleich zur Quest 2 grob ein Drittel kleiner aus, an der dünnsten Stelle misst es nur 35,8 mm. Der Akku mit üppigen 5.300 mAh wurde an die hintere Kopfhalterung ausgelagert, was das Gerät besser ausbalancieren dürfte. Mit diesem Trick erreicht Pico ein Gewicht von nur 295 Gramm. Inklusive Kopfbügel und Batterie sind es allerdings 586 Gramm (Quest 2: 503 Gramm ohne Kopfband). Es gibt zwar schon leichtere VR-Brillen wie die Vive Flow (189 Gramm): Die bietet aber lediglich einen schwachen XR1-Chip und benötigt eine externe Stromversorgung.

Das technische Innenleben dürfte Pico Interactive dabei helfen, von Anfang an einen weitgefächerten Software-Katalog auf die Beine zu stellen. Der im Jahr 2020 vorgestellte XR2-Chip von Qualcomm ist zwar nicht mehr taufrisch, steckt aber auch in der Quest 2 und dem hauseigenen Vorgänger "Pico Neo 3 Link". Zudem bauen alle genannten Plattformen auf Android auf. So erhalten Käufer schon zum Start Zugriff auf 160 Spiele und über 50 weitere Apps aus dem Pico-Store. Umsetzungen von der Quest 2 werden so problemlos möglich.

Unter den bekannten Highlights befinden sich Resolutions Tabletop-Rollenspiel "Demeo" und der kooperative Zombie-Shooter "After the Fall". Auch einige künftige Titel kommen für die Pico 4, etwa zur TV-Serie "Peaky Blinders" oder der potenzielle Survival-Hit "The Walking Dead: Saints & Sinners - Chapter 2: Retribution". Primär richten sich die Sport-, Film- und Social-Apps aber an Neueinsteiger, die während der Pandemie noch gar nicht mitbekommen haben, wie unkompliziert Virtual Reality mit einem Standalone-System sein kann: Einfach aufsetzen, die Controller in die Hand nehmen und loslegen. Kabel oder externe Hardware sind beim Spiel nicht mehr nötig. Gerade in China und Deutschland könnte die Pico 4 in eine Lücke stoßen. Auf diesen Märkten ist die Quest 2 schließlich nicht offiziell, sondern nur als Import erhältlich.

Das Inside-out-Tracking mit voller Bewegungsfreiheit erfasst mit vier eingebauten Kameras die Umgebung sowie die 6DOF-Controller. Drehbare ergonomische Bügel über der Hand führen nicht mehr so leicht zu Kollisionen, ähnlich wie bei den Controller-Ringen der PlayStation VR 2. Beim Anlegen von Gewehren oder bei Trainings-Apps wie Les Mills Body Combat sollen gekreuzte Arme dabei keine Probleme mehr bereiten.

Passend zur sportlichen Ausrichtung mit Fitness-App und -Tracker ist der bisher einzige Exklusivtitel ein Tanzspiel: "Just Dance VR" entsteht in Zusammenarbeit mit Ubisoft und ist für 2023 geplant. Ob die eingebauten "Sound-Schlitze" am Rand dabei genügend Bass liefern, ist noch unklar. Eigene Kopfhörer dürften per USB-C angeschlossen werden. Bereits angekündigt wurde ein Dongle für die drahtlose Übertragung vom Spiele-PC, etwa per SteamVR. Er kostet 49 Euro. Ob es auch eine unkomprimierte Kabelverbindung zum PC geben wird, ist noch nicht bekannt.

Derzeit investiert Bytedance in einige noch nicht enthülle First-Party-Studios, die vor allem an Inhalten für den Fitness-Tracker arbeiten. Geplant ist zudem ein Fonds über zwölf Millionen Dollar, der Studios sowie Indie-Entwickler monetär und technisch unterstützt.

Schon zum Release stehen über 600 Videos kostenlos zur Verfügung (2D, 3D, VR-Erfahrungen und 360-Grad-Videos). Tiktok lässt sich natürlich ebenfalls im Headset konsumieren. Hinzu kommen virtuelle Konzerte mit Spieler-Avataren und Partnerfirmen wie WaveXR. Noch sozialer wird es in "PICO Worlds". Ähnlich wie in Metas "Horizon Worlds" treffen sich Spieler in einer Welt aus Online-Räumen und Editor-Tools, in der sie gemeinsam Levels oder Kunst erschaffen. Picos übergreifende Nutzer-Avatare lassen sich an über 80 Punkten anpassen. Das eröffnet natürlich wirtschaftliche Chancen im Bereich kosmetischer Inhalte, zumal auch kreative Nutzer an der Monetarisierung beteiligt werden sollen.

Allgemein stehen diesmal mehr soziale Features im Mittelpunkt. Die Pico 4 bekommt ein Freunde-System mit Hilfe-Funktion. Nutzer können Bekannten direkt in einem Stream bei Problemen helfen, mit (Sprach-)Nachrichten oder auf einem Touchscreen. Wer schnell einen Blick in die Außenwelt werfen möchte, kann die RGB-Passthrough-Kamera mit 16 Megapixeln aktivieren. Im Gegensatz zur Quest 2 oder PSVR 2 erfasst sie die Welt in Farbe. Unbekannt ist vorerst, ob damit auch fortschrittliche AR-Spiele wie bei Metas Quest Pro möglich werden. Weitere technische Daten der Pico 4 umfassen eine stufenlose IPD-Einstellung von 62 bis 72 Millimetern und eine Bildwiederholrate von lediglich 72 oder 90 Hertz.

Der Vorverkauf beginnt am 23. September um zwölf Uhr, bei Händlern wie Bestware oder VR Expert. Besitzer des Vorgängermodells bekommen ein Vorkaufsrecht mit 35 % Rabatt. Am 4. Oktober folgen Vorbestellungen in großen Online-Stores wie von Amazon und Saturn, ab dem 18. Oktober wird das Gerät auch anderswo erhältlich. Weitere Informationen gibt es auf der offiziellen Website.

Ähnlich wie Meta plant Pico auch eine zusätzliche Premium-Variante seines Headsets zum Arbeiten in VR mit Eye-Tracking und Gesichts-Tracking. In China heißt das Modell für Geschäftskunden "Pico 4 Pro", in den Westen kommt es unter dem Namen "Pico 4 Enterprise". Preis und Datum werden erst am 20. Oktober im Rahmen der AWE-Show in Lissabon verraten. Im Gegensatz zu Sony wagt sich Bytedance im Westen noch nicht an ein Konsumenten-Headset mit Eye-Tracking. Leland Hedges von Pico meint, dass sich die Vorteile in diesem Segment noch in engen Grenzen hielten.

Ein geleaktes Youtube-Transkript von Picos Event verriet allerdings schon mehr zum Enterprise-Modell "Pico 4 Pro" beziehungsweise "Pico 4 Enterprise". Demnach tracken im Gerät drei Infrarot-Kameras die Augen bzw. Gesichtsmuskeln an insgesamt 53 Punkten. Außerdem verriet der Leak, dass in der gewöhnlichen Pico 4 Handtracking-Steuerung mit bloßen Händen unterstützt wird.

(mho)