Pluto doch ein Planet? – Neue Kritik an "Degradierung"

Die Kritik an der IAU-Definition von "Planeten" verstummt nicht. Nun will ein Team gezeigt haben, dass die Begriffsgeschichte anders ist, als angenommen.

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Der Pluto, fotografiert von New Horizons

(Bild: NASA/JHUAPL/SWRI)

Von
  • Martin Holland

Auch mehr als 15 Jahre nach der Umwidmung des Pluto zum Zwergplaneten ist die Debatte über die zugrunde liegende Entscheidung nicht beendet. Eine Forschungsgruppe hat nun eine ausführliche Studie vorgelegt, um nachzuweisen, dass es sich dabei um einen Fehler gehandelt hat. Nach der Analyse von Hunderten wissenschaftlichen Artikeln seien sie zu dem Schluss gekommen, dass sich die Definition des Begriffs "Planet" in den vergangenen Jahren immer wieder geändert habe – aber nicht so, wie allgemein angenommen. Der Gedanke, dass Planeten eine kleine Gruppe von Objekten sind, die ein gemeinsames Zentrum umkreisen, basiere auf einer volkstümlichen Einschätzung, die von der Wissenschaft übernommen worden sei. Die wahre Begriffsgeschichte sei vergessen.

Mit der Studie versucht die Gruppe um den Planetenwissenschaftler Philip Metzger der seit Jahren geführten Debatte über Pluto und die Definition von Planeten neue Argumente hinzufügen. Der ehemals neunte Planet des Sonnensystems hatte seinen Status im August 2006 verloren, als die Internationale Astronomische Union eine neue wissenschaftliche Definition angenommen hatte. Seitdem hat unser Sonnensystem nur noch acht Planeten. Hunderte Lexika, Schul- und Lehrbücher mussten geändert werden – aber unter Fachleuten schwelt der Streit über die "Degradierung" Plutos weiter. Der ist seitdem nur noch ein Zwergplanet, deren Zahl wächst derweil unvermindert weiter.

Laut der seitdem gültigen IAU-Definition ist ein Planet ein Himmelskörper, der die Sonne umkreist, kein Mond ist, eine annähernd kugelförmige Gestalt hat – der Fachausdruck hierfür lautet hydrostatisches Gleichgewicht – und seine Umgebung von anderen Himmelskörpern freigeräumt hat. Diese Definition sei viel zu eng und beruhe primär auf einer unwissenschaftlichen Einstufung, die überhaupt erst im 20. Jahrhundert auch in der Wissenschaft Fuß gefasst habe – als man sich dort auf andere Themen konzentriert habe. Der Analyse zufolge sei diese volkstümliche enge Definition unter anderem davon motiviert gewesen, Elemente des vormals populären geozentrischen Weltbilds zu bewahren. Auch die Beliebtheit der Astrologie habe zum Wunsch beigetragen, möglichst wenige Planeten zu haben, die klar definiert sind.

Beispielhaft lasse sich die komplexe Begriffsgeschichte am Zwergplaneten Ceres veranschaulichen. Nach dessen Entdeckung im Jahr 1801 habe der lange als Planet gegolten. Als dann im Asteroidengürtel zwischen Jupiter und Mars immer mehr große Objekte gefunden wurden, habe er diese Bezeichnung verloren, werde allgemein angenommen. Wissenschaftliche Artikel würden aber belegen, dass Ceres bis weit ins 20. Jahrhundert als Planet gesehen wurde, teilweise mit Einschränkungen wie "Nebenplanet". Dem Team zufolge hätten erst die Entdeckungen der vielfältigen Formen der Objekte im Asteroidengürtel dazu beigetragen, dass alle Objekte dort unterschiedslos nicht mehr als Planeten bezeichnet worden seien.

Pluto-Sonde New Horizons (67 Bilder)

Plutos Oberfläche
(Bild: NASA/Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory/Southwest Research Institute)

Monde wiederum seien bis in die 1920er-Jahre als Planeten (oder "sekundäre Planeten") bezeichnet worden. In beiden Fällen hatten die Experten und Expertinnen das Interesse verloren und nicht verhindert, dass die volkstümliche Klassifizierung sich durchsetzt, schreibt Metzger und sein Team nun. Sie fordern einmal mehr, die Entscheidung von 2006 zu überdenken und wollen mit ihrer nun veröffentlichten Studie darlegen, dass man damit zu einer Planeten-Definition zurückkehren würde, die über Jahrhunderte Bestand hatte. Sie plädieren deswegen für die Übernahme der sogenannten "geophysikalischen Planetendefinition". Der zufolge sind Planeten substellare Objekte, in denen nie eine Kernfusion gezündet hat und die über ein hydrostatisches Gleichgewicht verfügen.

Damit würde nicht mehr die Umgebung eines Objekts über dessen Status entscheiden, sondern intrinsische Merkmale des Himmelskörpers selbst. Im Sonnensystem würde eine Übernahme dieser Definition die Zahl der Planeten drastisch erhöhen, gestehen sie ein. Außer den acht klassischen Planeten und Pluto würde dazu nicht nur Ceres gehören, sondern auch eine ganze Reihe von Monden, darunter auch der der Erde. Das sei aber nicht problematisch und könne ganz im Gegenteil das abgeebbte Interesse an der Entdeckung neuer Himmelskörper im Sonnensystem wieder entfachen, sagte Metzger unlängst Science News. Und wenn sich Kinder Hunderte Dinosaurier- oder Pokémon-Namen merken können, ginge das mit viel mehr Planeten auch.

(mho)