"Pokémon Karmesin" angespielt: Spielerisch vorwärts, technisch rückwärts​ ​

Nie zuvor in einem Pokémon war das Gameplay besser und die Technik schlechter.

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Pikachu in "Karmesin und Purpur"

(Bild: Nintendo)

Von
  • Michael Wieczorek
Inhaltsverzeichnis

Kurz nach unserer ersten Mission beginnt "Die Schatzsuche" – die Hauptquest der offenen Welt vom neuen "Pokémon Karmesin und Purpur". Aus dem Osttor der Hauptstadt heraus geht es in weitläufige Gebiete, vollgestopft mit hunderten Pokémon. Nach Westen hingegen begeben wir uns auf einen gradlinigeren Pfad in Richtung bekannter Arenen und ihrer Arenaleiter. Stets dabei an unserer Seite: Unser Starter-Pokémon und die Freiheit, jedwedes Ziel uns selbst zu stecken.

Neuartig für die Serie: Das Videospiel ist nah an der fundamentalen Fantasie des Klassiker-Animes mit Ash Ketchum, Misty und Rocco aus den 90ern dran. Eine frei erkundbare Welt, in der wir fangen, was und wann wir wollen. Die namensgebenden Taschenmonster verstecken sich nicht im hohen Gras, sondern tummeln sich wie in "Pokémon Arceus" direkt in der Spielwelt. Dort finden wir auch andere Charaktere und Trainer und duellieren uns in Kämpfen ohne separate Ladezeit.

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Die Haupthandlung und die unvertonten Dialoge sind auf dem Serien-typischen Niveau und dadurch für Fans und Erwachsene vorhersehbar. Die Welt macht einen abwechslungsreichen Eindruck. Eine geheimnisvolle Erkundungsreise wie in "Zelda: Breath of the Wild" sollte aber niemand erwarten.

Unser Mentor im Spiel, der Akademieprofessor, fragt uns recht früh danach, ob wir wissen, was "cringe" bedeute. Wir antworten, dass es für etwas Unpassendes, Seltsames und Merkwürdiges steht. Ganz schön "cringe", die Nachfrage, genau wie das technische Grundgerüst von "Karmesin und Purpur". Der Titel erreicht nie mehr als 30 Bilder pro Sekunde, oft bleibt die Bildrate sogar deutlich darunter. Im kooperativen Online-Modus für bis zu vier Spieler bricht die Bildrate auf bis zu 10 Bilder pro Sekunde ein.

Doch damit nicht genug. Das Entwickler-Team von Game Freak verantwortet Slowdowns, in denen sich das Spiel zäh wie Kaugummi steuert, Sound-Doppler im ansonsten wunderschön orchestrierten Soundtrack oder peinliche Grafikfehler, wie fehlende Texturen und verschwindende Schatten. Die Sichtweite ist stark eingeschränkt und Figuren in leichter Entfernung sind nur noch mit zwei Animationsphasen in Bewegung.

Gemessen am Profit, den die Pokémon-Spiele seit Jahrzehnten einfahren, sollten sich die Verantwortlichen für das Gebotene schämen. Sie liefern weniger als das Nötigste. Auf Standbildern sieht "Karmesin und Purpur" durchaus hübscher und detailreicher aus, als die Vorgänger "Schwert und Schild" oder "Arceus". Das Design der Menüs und die Bedienung geht zudem angenehm flott von der Hand.

Die Kernelemente vom Gameplay-Loop aus Suchen, Finden, Kämpfen, Fangen und Sortieren ist in "Karmesin und Purpur" extrem komfortabel. Neu gefangene Pokémon können direkt ins Team, in die Box oder geheilt werden, ohne dafür drei verschiedene Menüs zu benötigen. Kämpfe finden auf Wunsch automatisch mit verringertem Erfahrungsgewinn statt.

Noch nie hatten wir nach den ersten Spielstunden mehr verschiedene Pokémon in den Bällen als in "Karmesin und Purpur". Die traditionell erst in späteren Spielstunden relevanten Spezialattacken (TMs), Gesinnungen und Statistiken hinter den Element-Typen offenbaren sich zudem deutlich früher. Hier geht die Serie einige Schritte auf erfahrene Fans zu, die nicht jedes Detail erneut erklärt kriegen möchten, auch wenn das obligatorische Tutorial zu Spielbeginn wieder unnötige Längen bietet.

Das Äquivalent der Gigamax-Formen aus "Schwert und Schild" ist die Terakristallisierung in "Karmesin und Purpur". Sie ermöglicht es Trainern, ihren Pokémon zusätzliche Element-Typen zu entlocken, die ein gewisses Überraschungsmoment entfachen. So gelangt etwa ein Pikachu, standardmäßig mit dem Typ Elektro, zusätzlich an den Typ Flug oder Normal.

Pokémon Karmesin und Purpur sind ab sofort für die Nintendo Switch für knapp 60 Euro erhältlich und ab 6 Jahren von der USK freigegeben. Die Versionen unterscheiden sich in Nuancen bei der Farbgebung, Namensgebung und in einigen exklusiven Monstern zum Einfangen.

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In puncto Technik ist das neue Pokémon Karmesin und Purpur eine Frechheit. Wir sehen nicht die betagte Hardware der Nintendo Switch als Grund für das gebotene Desaster. Hier sollte den Entwicklern künftig dringend mehr Zeit und Ressourcen gegeben für Optimierung und Feinschliff gegeben werden. Patches sind notwendig.

Spielerisch entwickelt sich die Serie gut. Hier wurden die richtigen Schlüsse aus dem Open-World-Experiment "Arceus" gezogen und mit dem motivierenden Grundprinzip der früheren Haupt-Titel verwoben. Besonders gut gefällt die spielerische Freiheit. Fast alles kann übersprungen werden. Dass man sich dabei für einige Gebiete überlevelt oder nicht stark genug ist, gehört da leider dazu. Hier wäre eine dynamische Anpassung des Schwierigkeitsgrades reizvoll.

Ob der Titel langfristig in der Spieler-gegen-Spieler-Szene mit ihren komplexen Duellen zum Standard wird, ist noch nicht abzusehen. Das wird vom langfristigen Support Nintendos und der Spielbalance im Endgame abhängen. Da nicht der Kampf, sondern die Open World der technische Stolperstein des Titels ist, könnte "Karmesin und Purpur" aber auch in diesem Bereich überzeugen.

(wie)