Polizisten verklagen Tesla wegen "Autopilot"

Blaulicht verwirrt Teslas "Autopiloten". Mindestens ein Dutzend Mal hat der Autopilot Einsatzkräfte in den USA gerammt. Fünf verletzte Polizisten klagen.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 849 Beiträge
Zerstörter Tesla X, dahinter Einsatzfahrzeuge

Ein Betrunkener aktivierte den Autopiloten seines Tesla X. Der übersah gleich mehrere abgestellte Einsatzfahrzeuge und krachte ungebremst hinein. Sechs Menschen und ein Hund wurden verletzt.

(Bild: Screenshot/Montgomery County Police Reporter)

Von
  • Daniel AJ Sokolov

Zwei große Polizeiautos mit aktivem Blaulicht, mindestens zwei weitere Kraftfahrzeuge, sechs Menschen und ein Deutscher Schäferhund auf einer texanischen Autobahn hat Teslas "Autopilot" nicht wahrgenommen. Ende Februar steuerte der Computer einen Tesla X ungebremst in die Gruppe, mit über 110 km/h. Die sechs Personen, darunter fünf Polizisten, wurden schwer verletzt. Auch der Schäferhund musste vom Tierarzt versorgt werden. Die fünf schwer verletzten Beamten verklagen nun Tesla und eine Restaurantkette.

"Tesla begeht systematischen Betrug, um den Aktienkurs zu heben und mehr Autos zu verkaufen, während es sich hinter Hinweisen versteckt, die Fahrern sagen, dass sie sich auf (den Autopiloten) nicht verlassen können", werfen die Kläger dem Elektroautohersteller vor, "Tesla weiß, dass Tesla-Fahrer (die Werbung für den Autopiloten) hören, und glauben, dass ihre Fahrzeuge sich selbst steuern können, was zu schweren Verletzungen und Todesfällen führen kann." Tesla hat laut Medienberichten zugegeben, dass der Autopilot angehaltene Einsatzfahrzeuge mitunter nicht erkennt.

Tesla habe sich nicht einmal kritisch über zwei Personen geäußert, die in einem vom "Autopiloten" gesteuerten Tesla-Fahrzeug während der Fahrt einen Porno gedreht haben. Vielmehr hat sich Tesla-Chef Elon Musk auf Twitter amüsiert über das Sexvideo geäußert. Inzwischen gibt es zahlreiche Nachahmer-Filmchen.

Der Unfall vom Ende Februar war kein Einzelfall: Die Kläger haben zwölf Fälle aus den USA zusammengetragen, in denen Teslas "Autopilot" in hohem Tempo in ein mit aktiviertem Blaulicht angehaltenes Einsatzfahrzeug gefahren ist. Eine Untersuchung durch die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA läuft. Die Chefin der Schwesterbehörde NTSB (National Transportation Safety Board) übt harsche Kritik an Teslas Umgang mit dem "Autopiloten".

Lesen Sie auch

Möglicherweise verwirren die Lichtblitze des Blaulichts die automatische Kameraauswertung – und auf den bei anderen Herstellern üblichen Einsatz von Lidar zur Hinderniserkennung verzichtet Tesla ganz bewusst. Lidar liefert sehr exakte Daten, aus denen sich ein genaues 3D-Modell der gesamten Umgebung errechnen lässt.

Die Kläger werfen Tesla vor, bewusst Fahrzeuge mit bekanntem Design- und Herstellungsfehler zu verkaufen, diese Fehler aber weder eingestehen noch korrigieren zu wollen, und die Kunden nicht ausreichend zu warnen. Das sei ursächlich für den Unfall und die lebenslangen Folgeschäden für die Opfer. "Die Beamten möchten Tesla zur Verantwortung ziehen und dazu zwingen, die bekannten Fehler öffentlich einzugestehen und umgehend zu beheben." Das betrifft laut Klage nicht nur den "Autopiloten", sondern auch die grundlegenderen Sicherheitssysteme zur Vermeidung und Milderung von Zusammenstößen.

Lokalaugenschein nach dem Unfall

Bericht des Montgomery County Police Reporter aus der Unfallnacht. Der Montgomery County Police Reporter wird von zwei ehemaligen Polizisten betrieben.

Juristisch wirft die Klage Tesla grobe Fahrlässigkeit und drei Tatbestände mit Bezug zu Produkthaftung vor. Die Restaurantkette ist beklagt, weil sie einer angeheiterten Person weiter Alkohol serviert haben soll. Diese Person sei später alkoholisiert in den Tesla gestiegen und habe den fehlerhaften "Autopiloten" aktiviert. Gefordert werden 10 Millionen US-Dollar Schadenersatz samt Verdienstentgang, noch einmal so viel Strafschadenersatz, Zinsen und Verfahrenskosten.

Vergangene Woche hat Tesla den öffentlichen Betatest einer erweiterten Variante des "Autopiloten" namens "Full Self Driving" ausgeweitet. Jeden Tag sollen die erweiterten Funktionen in etwa 1.000 weiteren Teslas in den USA aktiviert werden. Die Bezeichnung "Full Self Driving" (voll Selbstfahrend) ist irreführend, müssen Tesla-Chauffeure doch weiterhin genauso aufpassen wie ohne "Autopilot", um jederzeit sofort eingreifen zu können.

Das Verfahren heißt Dalton Fields, Rat Duenas, Kenneth Barnett, Chris Taylor, and Daniel Santiago vs. Tesla, Inc., and Pappas Restaurants Inc. und ist am Bezirksgericht des Harris County, Texas, unter dem Az. 2021-62207 anhängig. Die Kläger haben einen Prozess vor Geschworenen beantragt, was in den Vereinigten Staaten auch bei zivilrechtlichen Prozessen üblich ist.

Die Restaurantkette hat eine interne Untersuchung angekündigt und dankt der Polizei für ihre Arbeit. Tesla hat seine Presseabteilung zugesperrt und ist für Medienanfragen nicht erreichbar.

(ds)