Post aus Japan: Duck and Cover

Nippons Frühwarnsystem für Erdbeben wird immer kleinräumiger. Eine App will jetzt die Schwingungen für verschiedene Etagen in Hochhäusern vorhersagen.

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Erdbeben – hier nicht in Japan, sondern in Italien.

(Bild: dpa, Crocchioni)

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"Bert, the Turtle" ist ein legendärer Held der Zivilschutzgeschichte. In den 1950er brachte die Zeichentrickfigur den Amerikanern bei wie sie sich bei Atombombenangriffen zu verhalten haben: "duck and cover". Als die Schildkröte die Gefahr bemerkte, warf sie sich auf den Boden, zog den Kopf in ihren Panzer und ließ das Unheil über sich hinwegblasen. Berts Slogan erwies sich dann als so populär, dass Katastrophenplaner ihn für Erdbeben weiterentwickelten.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.

"Duck, cover, hold" lautet der Rat heute in Regionen der USA, in denen Erdbeben drohen. Sobald die Erde bebe, werfe man sich am besten unter einen Tisch, schütze den Kopf und halte sich an den Tischbeinen fest. Doch anders als bei Sirenenalarm vor Luftangriffen konnten Menschen bei Erdbeben lange erst Schutz suchen, wenn die Erde schon bebte. Dies wollen Japaner nun schon lange mit internetbasierten Vorwarnsystemen ändern.

Wie weit deren Entwicklung schon gediehen ist, verdeutlicht der Entwurf der App "Biru-yure-Call" (Gebäude-Schwingungsanruf), die von Wissenschaftlern der Kogakuin-Universität in Tokio mitentwickelt wurde. Sie will die Stärke möglicher Schwingungen und Schäden sehr kleinräumig vorhersagen, bevor die Bebenwellen eintreffen, nämlich für verschiedene Etagen von Hochhäusern.

Für ihre Vorhersagen verwenden die Forscher Daten des nationalen Forschungsinstituts für Desasterprävention (Nied) und Strukturdaten von Hochhäusern. Wie viel Zeit bleibt, hängt dabei natürlich davon ab, wie weit das Epizentrum entfernt ist. Auch Japans Forscher sind keine Hellseher und können nur auf Erdbeben reagieren, nachdem sie passiert sind.

Aber die neuen Systeme versprechen, im nächsten Augenblick die Ausbreitung der Wellen berechnen zu können. Und im Zweifel reichen ein paar Sekunden Vorsprung, um den Schaden für Leiber und Maschinen zu reduzieren. Denn Unternehmen können dann noch schnell Maschinen, Bahngesellschaften die Züge stoppen und Menschen vorbeugend Schutz suchen und so die Schäden minimieren. Und die Apps werden immer umfangreicher.

Seit Jahren erfreuen sich in Japan daher diese Vorwarnsysteme wachsender Beliebtheit (eine Auswahl hier). Inzwischen bieten sie Warnungen, Verhaltenstipps und die Lage von Evakuierungszonen als Service für ausländische Bewohner oder Besucher sogar in Fremdsprachen an. Und das längst nicht mehr nur für Erdbeben, sondern auch andere mögliche Katastrophen wie Taifune, Tsunamis und Vulkanausbrüche.

Das Innenministerium verlautbarte 2018 sogar stolz, dass man im Vorfeld der olympischen Spiele 2020 nun auch die Maßnahmen für Raketenangriffe und andere Fälle des Zivilschutzes auf Englisch, Chinesisch und Koreanisch in der App "Safety Tips" erhalten könnte. Selbst vor der Hitzschlaggefahr warnt die App inzwischen, sehr vorausschauend in Zeiten des Klimawandels.

Wie gut oder schlecht die Systeme fühlen funktionieren, habe ich inzwischen am eigenen Leib erfahren. Vor ein paar Jahren saß ich gerade in einem Tokioter Hochhaus im Interview, als plötzlich unsere Handys hektisch piepsten. Ein großes Erdbeben sei ein paar hundert Kilometer weiter entfernt passiert, meldete der Text.

Also wappneten wir uns für den Einschlag, doch nichts geschah. Ein Fehlalarm. Und es blieb nicht der einzige. 2018 wurden die Tokioter einmal nachts wegen nichts geweckt.

Doch ich habe auch die segensreicheren Wirkungen der neuen Warnsysteme kennengelernt. Beim vorletzten Taifun im September klingelten mich Handy und Smartwatch simultan um vier Uhr morgens mit Evakuierungsanweisungen für Teile meiner Nachbarschaft wach. Erdrutschgefahr.

Beim letzten Taifun trudelten dann auf gleichem Wege die Evakuierungsempfehlungen für einige Zonen entlang unseres Flüsschens ein, der über die Ufer zu treten drohte. Nun hoffe ich, dass die Vorwarnung auch beim nächsten Großbeben funktioniert. Dann kann ich mich vielleicht noch unter einen Tisch ducken und mich an dessen Beinen festhalten.

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