Predictive Policing: Die deutsche Polizei zwischen Cyber-CSI und Minority Report
Polizeibehörden versuchen per Predictive Policing zu prognostizieren, wo demnĂ€chst eingebrochen wird. Nur Phantasievorstellungen Ă la Precrime aus "Minority Report? Keineswegs: Ăberblick und Hintergrund zur "vorausschauenden Polizeiarbeit".
Beim öffentlich rechtlichen "Tatort" schreiben sie noch auf Flipcharts und pieksen Zettelchen mit Stecknadeln an die Pinnwand. Hier aber ist die RealitĂ€t der Phantasie ausnahmsweise einmal voraus: Immer mehr Polizeien nutzen "Predictive Policing". Das bedeutet "vorausschauende Polizeiarbeit" und bezeichnet "die Verwendung mathematischer Modelle, um Tatwahrscheinlichkeiten vorherzusagen und durch operative MaĂnahmen, beispielsweise erhöhte polizeiliche PrĂ€senz, auf diese reagieren zu können" .
Die RealitĂ€t sieht also anders aus als der Tatort, aber eigentlich tĂ€uscht der Anschein: "Nadelstecken ist immer noch das Konzept, aber nicht mehr mit Stecknadeln, sondern mit Software", sagen Stephan Harnau und Michael Cornelius vom Berliner LKA. Das zugrunde liegende System sei das einer "Dichtekarte", auf der "schnelle zeitliche HĂ€ufung und groĂe rĂ€umliche NĂ€he" dargestellt wĂŒrden.
Und â aber das nur nebenbei â in der RealitĂ€t geht es, anders als beim Tatort, (zunĂ€chst) nicht um Morde, sondern zumindest in Deutschland fast immer um WohnungseinbruchdiebstĂ€hle.
Prognosen und RealitÀten
Polizeibehörden versuchen per Predictive Policing zu prognostizieren, wo demnĂ€chst wahrscheinlich eingebrochen wird, und dann natĂŒrlich den Einbruch zu verhindern.
Das Prinzip funktioniert so: WohnungseinbruchdiebstĂ€hle werden oft von SerientĂ€tern begangen. Die haben erstens ein bestimmtes Tatmuster und probieren es zweitens in der NĂ€he bald wieder. Das ist lange bekannt, und das darzustellen ist auch der Sinn von Flipchart und Pinnwand. Neu ist die Nutzung von IT: Polizeibehörden versuchen, Muster besser zu erkennen und so zum Beispiel einfacher und genauer herauszufinden, ob ein SerientĂ€ter am Werk war â der womöglich bald wiederkommt. Oder ein EinmaltĂ€ter, den man zwar zu ermitteln versucht, bei dem man aber nicht gegen die RĂŒckkehr vorbeugen muss.
Ende November 2016 fand im Bundeskriminalamt (BKA) eine Fachtagung mit Vertretern der LandeskriminalĂ€mter (LKA) dazu statt, Ende Januar 2017 noch mal ein ergĂ€nzender Workshop. In Berlin, Baden-WĂŒrttemberg, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen laufen oder liefen Pilotprojekte, Studien werden beziehungsweise wurden in Brandenburg und Hamburg durchgefĂŒhrt, wĂ€hrend Bayern bereits mit Predictive Policing arbeitet. Je nach Bundesland stammt die Software von einem externen Anbieter, die dann vielleicht weiterentwickelt wird, oder ist eine Eigenentwicklung. Die meisten LandeskriminalĂ€mter testen es zunĂ€chst in einer ĂŒberschaubaren Anzahl von Polizeidirektionen, sie erproben ihre Prognosen auf der Basis unterschiedlicher und unterschiedlich gewonnener Daten. Allen geht es um WohnungseinbrĂŒche, die ersten beginnen aber auch mit dem Einsatz bei anderen Delikten.
Wer macht seit wann was?
Das LKA Hamburg setzt sich seit dem Jahr 2014 mit dem Thema auseinander und derzeit lĂ€uft das wissenschaftliche Forschungsprojekt "PrĂ€diktionspotenzial schwere EinbruchskriminalitĂ€t". Ziel ist die PrĂŒfung, ob die Methode ĂŒberhaupt fĂŒr den Einsatz in StĂ€dten wie Hamburg mit sehr hohem UrbanitĂ€tsgrad geeignet ist. Im Rahmen des Forschungsprojekts wird auch ein Auswertesystem entwickelt. Das Projekt soll bis Ende 2017 laufen und wird im Rahmen einer eigenen Schriftenreihe publiziert.
Das LKA Bayern ist am weitesten: Hier wird die Methode schon verwendet, und zwar mit der Software Precobs des Instituts fĂŒr musterbasierte Prognosetechnik aus Oberhausen. Diese Software "wird gemeinsam weiterentwickelt", erklĂ€rt Projektleiter GĂŒnter Okon, der Leiter des Sachgebiets Analyse im bayerischen LKA (BLKA). Von Oktober 2014 bis Juli 2015 wurde eine Machbarkeitsstudie durchgefĂŒhrt und durch die Kriminologische Forschungsgruppe beim BLKA begleitet. Seitdem wird es vom BLKA sowie den PolizeiprĂ€sidien MĂŒnchen und Mittelfranken produktiv verwendet.
In Baden-WĂŒrttemberg war Predictive Policing als einer von zehn Investitionsschwerpunkten in den Jahren 2015 und 2016 vorgesehen. Am 30.10.2015 wurde, ebenfalls mit Precops, ein Pilotprojekt bei den PolizeiprĂ€sidien Stuttgart und Karlsruhe begonnen. Das "ergebnisoffene Pilotprojekt" wurde wissenschaftlich vom Max-Planck-Institut fĂŒr auslĂ€ndisches und internationales Strafrecht aus Freiburg begleitet und auf seine Wirksamkeit hin bewertet. Die dabei gewonnen Ergebnisse, meint Okon, deckten sich mit den Erfahrungen der Bayern. Es wurde inzwischen beendet und ausgewertet; die Evaluation liegt beim Innenministerium, aber zu den Ergebnissen werde sich erst das Ministerium Ă€uĂern.
In Nordrhein-Westfalen lĂ€uft seit Februar 2015 ein Pilotprojekt, seit November 2015 der operative Betrieb bei den Kreispolizeibehörden beziehungsweise PolizeiprĂ€sidien Duisburg und Köln, seit 2017 auch in DĂŒsseldorf, Essen und Gelsenkirchen. Dies soll bis Ende 2017 weitergehen; ein Evaluationsbericht soll bis spĂ€testens Ende MĂ€rz 2018 beim Auftraggeber, nĂ€mlich dem Innenministerium vorliegen. Genutzt wird nach einer Ausschreibung die Software "SPSS Modeler" von IBM.
Das LKA Niedersachsen arbeitet fĂŒr sein Projekt "preMAp" (predictive Mobile Analytics for the police) mit IBM Cognos, das dort ohnehin schon seit 2004 eingesetzt wird. Der Pilotbetrieb im Echteinsatz lĂ€uft in der Polizeidirektion Braunschweig, zu der auch Wolfsburg gehört, sowie die Polizeiinspektion Salzgitter-Peine-WolfenbĂŒttel, und betrifft insgesamt ungefĂ€hr 400.000 Einwohner. Die Vorbereitungsphase begann im November 2016, im Februar 2017 der Pilotbetrieb, der sechs Monate dauern soll, gefolgt von der Umsetzung von Feedback und einer Optimierung.
Eine Eigenentwicklung nutzt das Hessische Landeskriminalamt mit dem Prognosetool "KLB-operativ" (fĂŒr "KriminalitĂ€tslagebild"). Der erste Test lief vom Oktober bis Dezember 2015 und war "sehr erfolgversprechend", so Pressesprecher Christoph Schulte. Nun wird es unter der Leitung des Hessischen Landeskriminalamtes in den Polizeidirektionen Wiesbaden, Main-Taunus, Hochtaunus, Main-Kinzig sowie Darmstadt-Dieburg erprobt.
In Brandenburg haben vier Mitarbeiter aus zehn Bereichen eine Machbarkeitsstudie erarbeitet und Predictive Policing juristisch, datenschutzrechtlich, technisch und einsatztaktisch ĂŒberprĂŒft, wobei der Fokus darauf lag, die neue Methode in die standardisierte polizeiliche Lagebeurteilung zu ĂŒbernehmen. Die Studie wurde im zweiten Halbjahr 2016 durchgefĂŒhrt und im Dezember 2016 abgeschlossen. Der Einsatz einer externen Software ist nicht geplant.
Das LKA Berlin entwickelt die eigene Anwendung "KrimPro"; Stephan Harnau vom LKA St 14 Analysezentrum â Statistik ist stellvertretender Projektleiter, und Michael Cornelius sein Mitarbeiter. Auch sie haben das meistverwendete Programm Precops in ErwĂ€gung gezogen: "Wir hatten Kontakt mit dieser Firma. Es ist interessant, es gibt nichts Negatives zu sagen. Aber wir sind ein armes Bundesland..." Was es kostet? "Da haben wir nichts Offizielles, das ist alles Verhandlungssache, aber es könnte in die Richtung von einer Million gehen. Plus Betreuung."
Daher sind die Berliner selbst ans Werk gegangen, das meiste werde quasi nebenher erledigt, Begleitung, Entwickeln, Betreuen; eine Stelle komme in Berlin dazu, das sei ein "Tropfen auf dem heiĂen Stein", fĂŒr den Bereich der Programmierung werde es eine Stelle zusĂ€tzlich geben. Bislang waren es "etwa 30 Programmiertage, ein paar Workshops, das kann sich dann schon sehen lassen", sagen sie, die Berliner sind zufrieden mit ihrem Ansatz.
Sie wollten etwas Eigenes aufbauen, schlieĂlich sei das "keine Zauberei", und das scheint sich zu bestĂ€tigen: "Wir sind immer sicherer, dass wir es mit Bordmitteln hinbekommen." Erstens seien die eigenen Grundlagen gĂŒnstig, denn man habe sowohl das Data Warehouse als auch die tagesaktuellen Daten, die man benötige. Zweitens, "auch wichtig: mit Eigenentwicklung hat man wahrscheinlich gröĂere Autonomie, man entwickelt selber mit und kann es anpassen." Eventuell könne man sich ja auch weitere UnterstĂŒtzung von der Firma, also Microsoft holen, schlieĂlich arbeiteten alle Arbeitsplatzrechner mit Office unter Windows. Das sei eine bestehende GeschĂ€ftsbeziehung, in dem Zusammenhang seien die Programme lizenziert, und man erhalte die UnterstĂŒtzungs- und Consultingleistungen, die man benötige.
Berlin hat sechs Polizeidirektionen, im Juni 2016 begann der Testbetrieb in zweien â Nord und City. Seit Anfang Oktober 2016 und bis Juni 2017 lĂ€uft der erweiterte Probebetrieb stadtweit.
Die LandeskriminalĂ€mter von Berlin und Brandenburg kooperierten ohnehin sehr gut und eng, darum wĂŒrden sie wahrscheinlich auch eine gemeinsame Entwicklung nutzen; Berlin sei dabei schon etwas weiter als Brandenburg. Eine gemeinsame Anwendung sei aber nicht geplant, sagen die Berliner, jedenfalls nicht kurz- oder mittelfristig.
Warum Wohnungseinbruchsdiebstahl?
Der Fokus fĂŒr IT-gestĂŒtztes "Predictive Policing" liegt bundesweit auf dem Deliktbereich "Wohnungseinbruchdiebstahl".
Zum ersten weil es ein recht hĂ€ufiges Delikt ist: Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet fĂŒr das Jahr 2015 insgesamt 167.136 FĂ€lle einschlieĂlich der Einbruchsversuche. Und die Zahl steigt in Deutschland seit zehn Jahren, im Jahr 2015 sogar um fast zehn Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr, auch wenn die Fallzahlen dann 2016 in mehreren BundeslĂ€ndern deutlich zurĂŒckgegangen sind. Deswegen ist es schon politisch begrĂŒndet, sich mit dem Delikt besonders zu beschĂ€ftigen. Eine hohe Anzahl von Delikten sorgt aber auch dafĂŒr, dass die Datenbasis fĂŒr statistische Berechnungen stabiler wird.
Zum Thema Predictive Policing:
- EU-Datenschutztag: Das Smartphone als tragbare Gestapo und Trumps Totalitarismus
- Forscherin fordert: KI-Technik stÀrker kontrollieren
- KriminalitÀtsprognose: Berliner Polizei setzt auf Predictive Policing
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Zweitens wird mit 85 Prozent ein hoher Anteil der WohnungseinbrĂŒche auch angezeigt, sagt Alexander Gluba, Projektleiter im LKA Niedersachsen; das wisse man aus Dunkelfeldstudien. Von den Raubstraftaten wĂŒrden dagegen nur 25 bis 34 Prozent angezeigt â "was wir da wissen, ist womöglich verzerrt."
Drittens scheint die sogenannte "Near Repeats Theorie", die Grundlage fĂŒr das Predictive Policing, fĂŒr dies Deliktfeld recht gut belegt zu sein: Wie das baden-wĂŒrttembergische Innenministerium erklĂ€rt, ist dort, "wo ein professioneller TĂ€ter einen Einbruch begeht, [...] in rĂ€umlicher und zeitlicher NĂ€he mit Folgedelikten durch ihn zu rechnen. Dies ist wissenschaftlich nachweisbar und wird auch durch unsere Erkenntnisse aus Vernehmungen von professionellen Einbrechern gestĂŒtzt."
Aus diesen GrĂŒnden â stabile Datenbasis, gesicherte Erkenntnisse, eine Theorie â sind EinbrĂŒche ein Delikt, das fĂŒr die Berechnung typischer Muster und Modelle gut geeignet scheint.
Viertens ist aber die AufklĂ€rungsquote beim Delikt Wohnungseinbruchdiebstahl schlecht. Gerade einmal wenig ĂŒber 15 Prozent werden aufgeklĂ€rt. Eine Möglichkeit zur Verbesserung dieser Quote wĂ€re also willkommen.
Und fĂŒnftens schlieĂlich sind die seelischen Folgen fĂŒr viele Einbruchsopfer schrecklich, berichtet Alexander Gluba: "Wohnungseinbruchsdiebstahl hat dramatische psychische Auswirkungen, Ă€hnlich wie schwere Sexualstraftaten. 30 Prozent der Leute wollen danach umziehen." Und, auĂerdem, sagt Gluba ganz pragmatisch: Wenn ohnehin alle LandeskriminalĂ€mter dieses Delikt betrachteten, sei man "in guter Gesellschaft, dann kann man auch die anderen fragen."
Wie funktioniert Predictive Policing in den LĂ€ndern?
Die unterschiedlichen LandeskriminalĂ€mter stehen nicht nur in unterschiedlichen Stadien der Nutzung und verwenden unterschiedliche Software, sie gehen auch sonst ziemlich unterschiedlich vor: Manche nutzen nur eigene Daten, andere kaufen Daten zu und es gibt unterschiedliche Nutzungsarten fĂŒr die vorhandenen Informationen. AuĂerdem unterscheiden sich die Projekte in der Zahl der Polizisten, die sich darum kĂŒmmern.
ZunĂ€chst haben die LandeskriminalĂ€mter eine Datenbasis aus vergangenen FĂ€llen zusammengestellt. Wenn eine Straftat wie etwa ein Einbruch verĂŒbt und angezeigt wird, dann nimmt die Polizei sehr viele Informationen auf und gibt sie ins jeweilige polizeiliche Vorgangsbearbeitungssystem ein. Dazu gehören etwa das Polizeiliche Landessystem zur Information, Kommunikation und Sachbearbeitung (Poliks) in Berlin, das Integrationsverfahren Polizei (IGVP) in Nordrhein-Westfalen oder das NiedersĂ€chsische Vorgangsbearbeitungs-, Analyse-, Dokumentations- und Informations-System (Nivadis) in Niedersachsen.
Diese Systeme sind riesiges Datenlager und ihre Informationen werden fĂŒr Predictive Policing genutzt. Die Berliner werteten alle WohnraumeinbrĂŒche aus, die seit dem Jahr 2010 in der Hauptstadt begangen worden waren. Das ist jĂ€hrlich eine fĂŒnfstellige Zahl, allein im Jahr 2016 waren es etwa 11.000. Die Baden-WĂŒrttemberger nutzten die Falldaten der WohnungseinbrĂŒche der vergangenen fĂŒnf Jahre, auch dort jĂ€hrlich eine fĂŒnfstellige Zahl. Die Hessen werteten 60.000 Wohnungseinbruchsdelikte der vergangenen Jahre aus, die Niedersachsen sogar 70.000 bis 80.000 FĂ€lle.
Diese Datenbasis bildet die Grundlage oder zumindest eine Grundlage fĂŒr die Erstellung eines Rechenmodells, um zukĂŒnftige EinbrĂŒche prognostizieren zu können. Manche LĂ€nder nutzen dafĂŒr nur ihr jeweiliges Vorgangsbearbeitungssystem und bewerten die Daten dann mit einem Scoring-Modell. Andere LĂ€nder nutzen auch statistische Daten und errechnen prozentuale Wahrscheinlichkeiten. Berlin nutzt 90 Prozent Daten aus Poliks, ein paar Infos von einem Statistikunternehmen, und wertet mit einem Scoring-Modell.
(Bild:Â dpa)
KrimPro: Predictive Policing am Beispiel des Berliner LKA
Grundlagen fĂŒr eine Mustererkennung finden
Die mit dem Predictive Policing beschĂ€ftigten Berliner Beamten schauten sich den "Modus Operandi" des Einbrechers an, seine "Art des Vorgehens", die Arbeitsweise, und zwar daraufhin, wie der oder die Einbrecher ins Haus oder in die Wohnung gekommen waren, und was sie geklaut hatten. Diese Informationen ordneten sie in ein Scoring-Modell ein: Mehr Punkte gibt es fĂŒr Handeln, das nach Erfahrung der Polizei auf Profi- und also Serieneinbrecher hindeutet, weniger Punkte fĂŒr Handeln, das typisch ist fĂŒr GelegenheitstĂ€ter.
Es seien ganz unterschiedliche Leute, die in einer Stadt wie Berlin WohnungseinbrĂŒche begehen, sagen die Berliner, und zĂ€hlen auf: Manche Leute suchten Gebiete und Objekte sorgfĂ€ltig aus, andere sĂ€hen eine Gelegenheit und stiegen ein. DrogensĂŒchtige brĂ€chen vor allem im eigenen Wohnumfeld ein, und wenn die HaustĂŒr mit einem SchlĂŒssel geöffnet und ein groĂer Flachbildfernseher geklaut wurde, könne man von einer Beziehungstat ausgehen â dann war oft der Ex-Partner der Ansicht, das Teil gehöre doch eigentlich ihm. "Das ist ein Gemisch aus Taten", sagen die Polizisten, "diese Methodik dient dazu, den TĂ€tern, die professionell handeln, die Taten zuzuordnen: Wir filtern die Taten heraus, von denen wir meinen, dass sie von Profis begangen wurden."
Was nicht ganz einfach ist: "Das Ă€ndert sich immer wieder, ist immer in der Diskussion und wird dauernd angepasst. Zum Beispiel war 'Steine schmeiĂen' frĂŒher typisch fĂŒr Kinder und Jugendliche. Jetzt gibt es aber TĂ€tertypen, die schmeiĂen von weitem eine Scheibe ein und gucken, ob was passiert." Wenn nichts passiert, ist nĂ€mlich die Luft rein. Was frĂŒher ein NachmittagsspaĂ fĂŒr Kids war, ist heute ein probates Mittel fĂŒr Serieneinbrecher. FĂŒr solche FĂ€lle muss es im polizeilichen System möglich sein, Modus Operandi und Wichtungen immer wieder neu einander anzupassen.
Aktuelle Beispiele fĂŒr die Gewichtung im "Feld EG" (erlangtes Gut):
- Bekleidung -50
- Lebensmittel -50 (dafĂŒr geht kein Profi das Risiko ein, das mit einem Einbruch ja nun einmal verbunden ist)
- Geldkarte +150 (die wird oft liegen gelassen, wenn die Diebe dafĂŒr keine Verwendung haben, ZufallstĂ€ter etwa mĂŒssten sich dafĂŒr erst einmal Abnehmer suchen, die eine Geldkarte knacken können, wenn eine Geldkarte geklaut wird, spricht das fĂŒr einen SerientĂ€ter)
- Elektronik +100
- ...
Beispiele fĂŒr die Gewichtung im "Feld MO" (Modus Operandi):
- Bohren +300
- Brenner +300
- Fenster +100
- ...
Kriterien fĂŒr das Ranking auf neue FĂ€lle anwendbar machen
Neue FĂ€lle sollten automatisch eingeschĂ€tzt werden: Serientat oder nicht? Also brauchten die Berliner zweierlei: einerseits die reine (software-)technische Möglichkeit, neue FĂ€lle anhand dieser Kriterien hin auszuwerten; andererseits die Möglichkeit, Zeit und Ort fĂŒr zukĂŒnftige FĂ€lle zu prognostizieren.
Nun aber werden in "Poliks" alle Straftaten erfasst und eingegeben, dies System enthĂ€lt tausende Datenfelder, das sind fĂŒr das Projekt zu viele. AuĂerdem enthĂ€lt es personenbezogene Daten, und die sollen fĂŒr Predictive Policing nicht verwendet werden.
Man braucht also ein Auswertesystem fĂŒr ein Data-Mining.Projekt oder genauer KDD (Knowledge Discovery in Databases) , das die "feldbezogenen" Attribute in eine separate Datenbank ĂŒberspielt, die als Data Warehouse fungieren sollte. Dieses Data Warehouse wurde eine separate Datenbank mit tagesaktuellen Informationen aus Poliks und ein paar anonymisierten Daten aus Quellen wie dem Amt fĂŒr Statistik.
Als Datenbanksystem nutzen die Berliner Microsoft SQL Server 2012, fĂŒr das Data Mining Microsoft Analysis Server 2016, und zur Erstellung von Analysemodellen und von darstellbaren Berichten die Microsoft SQL Server Daten Werkzeuge (SSDT). SpĂ€ter soll noch eine anwenderfreundliche BenutzeroberflĂ€che mit vielfĂ€ltigen Analyse- und Visualisierungsfunktionen implementiert werden, aber dazu wird vorerst nur geschaut, was es auf dem Markt gibt, und ein bisschen geplant.
Ortsbezogene Informationen berechenbar machen
Laut Near-Repeat-Theorie "arbeitet" der TĂ€ter in der NĂ€he weiter. Diese rĂ€umliche NĂ€he muss operationalisiert, also berechenbar und prognostizierbar gemacht werden. DafĂŒr haben die Berliner auf die "Soldner-Koordinaten" der offiziellen Regionalstruktur des Amts fĂŒr Statistik Berlin-Brandenburg zurĂŒckgegriffen.
Dort ist die Stadt in Quadranten Ă 400 à 400 m unterteilt, fĂŒr die ganze Stadt wĂ€ren das etwa 9500 Quadranten. UngefĂ€hr 5000 von ihnen sind bebaute FlĂ€chen in der Stadt und interessant fĂŒr die Polizisten. Zu jedem Quadranten gehören andere Daten wie etwa die NĂ€he zu Bahnhöfen (bzw. im Umfeld von 1, 2 oder 3 Quadranten), Autobahnauffahrten, Wohnlage (einfach, mittel, gut), Bevölkerungszahlen wie Dichte und Struktur (Altersgruppen), LĂ€rmbelĂ€stigung usw.
Was davon kann relevant sein, um Serientaten von Zufallstaten zu unterscheiden? "Wir legen uns nicht fest, sondern schauen", sagen die Berliner Projektverantwortlichen, "manche Attribute bringen QualitÀt, andere nicht."
Zeitbezogene Informationen berechenbar machen
Geht man nach der Near-Repeat-Theorie, arbeitet der TĂ€ter nicht nur in der rĂ€umlichen NĂ€he, sondern auch in zeitlicher NĂ€he weiter â er bricht also nicht nur in derselben Gegend ein, sondern macht das auch sehr bald wieder.
Auch diese zeitliche NĂ€he muss fĂŒr eine polizeiliche Prognosesoftware operationalisiert werden. DafĂŒr haben die Berliner mit den historischen Daten ab 2010 fĂŒr jeden zurĂŒckliegenden Dreitageszeitraum und jeden einzelnen Quadranten verschiedene Kennzahlen zum Auftreten von WohnraumeinbrĂŒchen berechnet. Zum Beispiel: alle Quadranten mit Einbruchstaten; alle Quadranten ohne Einbruchstaten in den vergangenen 3, 6, 21 oder 42 Tagen (die Zahlen mussten durch drei teilbar sein, weil die Prognosen fĂŒr drei Tage erhoben werden sollten); alle Quadranten mit Einbruchstaten im Nachbarquadranten in den vergangenen 3, 6, 21 oder 42 Tagen; alle Quadranten mit einer weiteren Einbruchstat nach einer ersten im Zeitraum von 3 bzw. 14 Tagen; Zahl angrenzender Quadranten mit Einbruchstaten âŠ
Die Gesamtzahl aller Parameter wurden ausmultipliziert. Daraus konnten in dem Projekt mehrere SchlĂŒsse gezogen werden, zum Beispiel: Falls 21 Tage keine Straftaten verĂŒbt worden waren, dann aber eine Straftat geschah und nach 3 Tagen noch eine, dann betrug die Wahrscheinlichkeit ungefĂ€hr 33 Prozent, dass es zu weiteren Folgetaten kommt. Ein relativ hoher Prozentsatz.
Wie kann man Prognosen errechnen?
FĂŒr eine Prognose werden nun diese gesamten Berechnungen erstens fĂŒr jeden einzelnen Quadranten und zweitens fĂŒr zusammenhĂ€ngende, ĂŒber einen einzelnen Quadranten hinausgehende Gebiete durchgefĂŒhrt. So entsteht ein "Prognosegebiet", also "das Gebiet, von dem wir denken, da passiert was", formulieren die Berliner.
Das Projekt gibt tĂ€glich eine bis drei Prognosen an ihre Kollegen heraus, mit bis zu fĂŒnf Quadranten pro Prognose und bis zu zehn Quadranten fĂŒr alle drei Prognosen; das durchschnittliche tĂ€gliche Prognosegebiet umfasst 5,3 Quadranten, also 920 à 920 m. Das sind etwa 0,1 Prozent des bewohnten Stadtgebietes Dies soll in Zukunft noch flexibler und anpassungsfĂ€higer werden.
FĂŒr solche Prognosen brĂ€uchte man eigentlich keine Software, ein guter Auswerter könnte das auch: Er hat sein polizeiliches Erfahrungswissen, kriminologische und auch soziologische Erkenntnisse. Im Prinzip - aber: Eine Software verarbeitet mehr Informationen und ist schneller. Die Berliner lassen ihre Ergebnisse immer auch von einem Auswerter einschĂ€tzen, "es gibt eine Information fĂŒr die zustĂ€ndige Dienststelle, der Auswerter schaut drauf, und zwar sehr kritisch, und die Kommissariate. Und es wird immer hinterfragt, manchmal auch abgelehnt", sagen sie. Die Projektverantwortlichen haben inzwischen ein Lieblingsbeispiel fĂŒr eine abgelehnte Prognose: "Der Auswerter sagte, das deckt sich auch mit unserer EinschĂ€tzung â aber wir haben am Vortag drei SerientĂ€ter festgenommen. Die kommen erstmal nicht wieder."
Projekte anderer LandeskriminalÀmter
Ăhnlich wie das Berliner arbeitet das hessische LKA: Aus den polizeilichen DatenbestĂ€nden werden rĂ€umliche und zeitliche Schwerpunkte abgeleitet und bestimmte Verhaltensmuster der TĂ€ter erkannt, erklĂ€rt der HLKA-Pressesprecher Christoph Schulte. Die Hessen haben "KLB-operativ" entwickelt, ein System, das "bereits vorhandene polizeiinterne Auswertetools" zusammenfĂŒhre, was "Synergieeffekte" ergebe.
Joachim Eschemann ist Leiter der Abteilung 3 des LKA und Projektleiter des Nordrhein-WestfÀlischen Predictive-Policing-Projektes SKALA (System zur KriminalitÀtsAnalyse und LageAntizipation). Sein Projekt SKALA wurde aus SPSS Modeler als Basissoftware und Instrument entwickelt.
Die Software sollte flexibel und offen sein, die Polizisten wollten immer nachvollziehen können, welche Rechen- und Anlageschritte im Programm ablaufen, Denn ihr Projektauftrag bestand nicht in der EinfĂŒhrung einer Software oder der Verhinderung von WohnungseinbrĂŒchen, sondern sie sollten die Möglichkeiten und Grenzen von Predictive Policing prĂŒfen, ob auf Grundlage dieser Ergebnisse effektive polizeiliche MaĂnahmen getroffen werden können.
Der wissenschaftliche Ansatz bestand also im Data Mining, darin, in Daten Korrelationen zu suchen. Sieben Mitarbeiter, Data Scientists und Soziologen, zogen kriminologische Theorien zur KriminalitĂ€tsentstehung heran und entwickelten auf dieser Grundlage Hypothesen, wonach sich das Verhalten eines TĂ€ters richten könnte. Im nĂ€chsten Schritt bestimmten sie Indikatoren, die aussagen können, ob sich TĂ€ter entsprechend verhalten oder nicht. Dann beschafften sie sich die Daten, die etwas ĂŒber die AusprĂ€gung dieser Indikatoren aussagen könnten.
Bei den Daten handelte es sich um polizeiliche Daten "aus der ganz normalen Vorgangsbearbeitung", sagt Eschemann, alles sei "anonymisiert, also ohne Personendaten". Dazu kommen beim LKA NRW Infrastruktur- und sozioökonomische Daten auf statistischer Ebene: Kaufkraft, Autobahnen in der NĂ€he, Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, Bebauung (Einfamilien- oder MehrfamilienhĂ€user), Sackgassen, HauptverkehrsstraĂen, Verkehrsaufkommen. Diese Daten haben die Beamten vom Statistikunternehmen Nexiga gekauft. Andere Daten wie etwa Wetterdaten wurden geprĂŒft, aber das, meint Eschemann, hat "praktisch keinen Einfluss, auĂer Extremwetterlagen wie etwa Blitzeis. Das brauche ich aber nicht in Bezug auf Prognosen." Bewertet wurde das Ganze dann durch konkrete Erkenntnisse aus Ermittlungsverfahren.
Die Niedersachsen berĂŒcksichtigen in ihren Modellberechnungen Tatzeitpunkt, Tatort, Stehlgut, Tatörtlichkeit (Einfamilien- oder Mehrfamilienhaus), Tatmittel (Schraubenzieher, Brecheisen), Modus Operandi (TerrassentĂŒr mit Brecheisen oder Aufbruch Kellerfenster), versucht oder vollendet, "das sind alles Katalogwerte", sagt Alexander Gluba. Diese muss man nicht als Freitext eingeben, sondern wĂ€hlt sie aus. So vermeide man Rechtschreibfehler, schlieĂlich gĂ€ben 20.000 Mitarbeiter Daten ins Vorgangsbearbeitungssystem ein, manche besser, manche schlechter ...
WĂ€hrend manche LandeskriminalĂ€mter sozioökonomische Daten verwenden, beschrĂ€nken sich die Niedersachsen, noch mehr als Berlin, auf die Fallbewertung und vergeben einen Score fĂŒr entsprechende Merkmale. Alexander Glubas Kollega Oskar Neda verantwortet in Niedersachsen die Technik: "Wir hatten ursprĂŒnglich auch ĂŒberlegt, sozioökonomische Daten wie Bevölkerungsdichte und Einkommen mitzuverwenden, und es gab auch Korrelationen zwischen EinbrĂŒchen. Aber nach einer Diskussion mit der Landedatenschutzbeauftragten haben wir sie nicht genutzt, weil sich sonst vorschnell ein Stigmatisierungsgedanke hĂ€tte breitmachen können."
Auch die Bayern verzichten derzeit auf soziodemografische Daten sowie Wetter und Veranstaltungen, allerdings aus methodischen GrĂŒnden: "Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass diese Daten keine oder kaum signifikante Erkenntnisse liefern. Insofern sind sie als Indikatoren offensichtlich nicht geeignet. Informationen aus anderen Projektstandorten bestĂ€tigen das auch teilweise." Allerdings lege die IfmPt-Methodik (Precobs), erklĂ€rt GĂŒnter Okon, im Vergleich zu anderen Data Mining Projekten ein gröĂeres Gewicht auf kriminologische Aspekte."
Welcher Modus Operandi auf SerientĂ€ter hindeutet, ist unter den LandeskriminalĂ€mtern teilweise umstritten: Scheiben einschmeiĂen kann fĂŒr Berliner auf einen SerientĂ€ter hindeuten, bei den Bayern ist das Gegenteil der Fall.
Die Praxis der Polizei vor Ort
Wie kommen die Prognosen aber nun zu den Streifenpolizisten, zu den Beamten in der tÀglichen Praxis?
In Berlin handelt es sich bei den Prognosen derzeit noch um Karten im pdf-Format mit einer Liste der Taten der vergangenen zehn Tage und der als gefÀhrdet prognostizierten Gebiete, die farblich markiert sind. Diese Karten sind spÀtestens um 8 Uhr morgens fertig. "Noch nicht so toll", finden die Berliner: Nach einer zweiten Programmierrunde soll man die Karte bei der Auswertung interaktiv nutzen können, auch weitere Informationen wie etwa der Modus Operandi sollen gezeigt werden. Die EinsÀtze werden von den einzelnen Polizeidirektionen gesteuert.
In Hessen wird jeden Morgen die Lage des Vortages computerunterstĂŒtzt aufgearbeitet, analysiert und auf einer Karte dargestellt. Auf dieser Grundlage werden EinsĂ€tze geplant und BekĂ€mpfungskonzepte erstellt: Die Polizisten, erklĂ€rt der Pressesprecher, werden "sehr gezielt in ausgewiesenen Brennpunktregionen zu tatrelevanten Zeiten eingesetzt"; das Ganze werde zentral gesteuert, das sei effizienter.
Ăhnlich in Bayern, hier werden tĂ€glich die Prognosen und Bewertungen an zentralen Dienststellen in MĂŒnchen und NĂŒrnberg durchgefĂŒhrt. Dann, beschreibt GĂŒner Okon die Vorgehesnweise, werden "die entsprechenden operativen MaĂnahmen (prĂ€ventiv oder repressiv)" geplant und umgesetzt.
In Nordrhein-Westfalen wird fĂŒr jeden Wohnbezirk zu 400 bis 500 Wohneinheiten fĂŒr jeweils 7 Tage im Voraus eine Wahrscheinlichkeitsaussage erstellt und den beteiligten Behörden mitgeteilt. Diese entscheiden dann, welche MaĂnahmen sie in welchem Bezirk treffen.
In Niedersachsen wurden 35 Dienstfahrzeuge mit Tablets ausgestattet. So können die Polizisten das Ganze als Browser-Anwendung nutzen. Geplant ist aber eine App, die das ganze einfacher machen soll.
Und woher weiĂ man, was es bringt?
Sinkt die Geburtenrate wegen des RĂŒckgangs der Storchenpopulation oder wegen des Aufkommens der Pille? Sind Gleichzeitigkeiten zufĂ€llig oder nicht? Die ewige Frage also bei Datenauswertungen: Liegt eine Koinzidenz vor oder eine KausalitĂ€t?
Genau diese Unsicherheit ist das Problem beim Predictive Policing. Es liegt ja in der Natur der Sache: Wenn die Polizei davon ausgeht, dass irgendwo eingebrochen werden soll, dann fÀhrt sie dort Streife, um achtzugeben und womöglich einen Einbruch zu verhindern. Wenn dann aber nicht eingebrochen wird, woran liegt es? Daran, dass die Prognose falsch war und niemand dort hÀtte einbrechen wollen? Oder daran, dass die Prognose richtig war und die Polizei die Einbrecher abgeschreckt und vertrieben hat?
Die Polizeibehörden sind sich dieser Problematik bewusst und die meisten verschweigen es auch nicht. "Es ist sehr schwer, ein prĂ€ventiv wirkendes abschreckendes System auf seine Wirksamkeit zu ĂŒberprĂŒfen", sagen die Berliner, "beweissicheres Belegen ist schwierig." Wissenschaftliche Untersuchungen und Aussagen liegen denn auch kaum vor, sagen sie. Eine Evaluationsstudie fĂŒr Los Angeles, eine fĂŒr Kent in GroĂbritannien: Da wurden Predictive Policing-Prognosen mit mit denen aus konventionellen Methoden verglichen; demzufolge hĂ€tten sie einen KriminalitĂ€tsrĂŒckgang in betreffenden Gebieten bewirkt. AuĂerdem hat der Local Police Service Antwerpen ein Forschungsprojekt beauftragt; Sozialwissenschaftler in EU-MitgliedslĂ€ndern beschĂ€ftigten sich damit.
Diplomatischer als die Berliner Ă€uĂert sich der Pressesprecher des LKA Hessen: Es "ist zu beachten, dass das ÂŽKLB-operativ` im Zusammenhang mit der BekĂ€mpfung des Wohnungseinbruchdiebstahls nicht separat betrachtet werden kann, sondern im Zusammenspiel mit weiteren kriminalprĂ€ventiven AktivitĂ€ten der hessischen Polizei als Teil einer Gesamtstrategie gesehen werden muss." Man kann sich kostenlos beraten lassen, die Polizei informiert die BĂŒrger durch eine "proaktive Medienarbeit im Bereich der WohnungseinbruchsprĂ€vention". Klar, dass dann weniger eingebrochen wird: "Im ersten Testlauf (vom 26. Oktober bis 18. Dezember 2015 ) wurden bei einem Personalansatz von durchschnittlich 13 Polizeibeamtinnen und -beamten am Tag im Einsatzgebiet insgesamt 3.315 Personen- und 2.002 Fahrzeugkontrollen durchgefĂŒhrt. WĂ€hrend in Hessen insgesamt die Anzahl der Wohnungseinbruchsdelikte in 2015 um 19 Prozent angestiegen war, konnte im Einsatzbereich des ÂŽKLB-operativ` eine Reduktion um 14 Prozent erreicht werden."
Ăhnlich die Bayern: "Man kann Erfolge keinesfalls allein an einem Faktor festmachen. Die BekĂ€mpfungskonzepte, insbesondere im PhĂ€nomenbereich Wohnungseinbruchsdiebstahl, sind sehr komplex und vielschichtig", betont GĂŒnter Okon. Vorhersagetechniken wirkten nur im Zusammenspiel mit anderen MaĂnahmen. "Aber man kann Effekte feststellen, beispielsweise einen RĂŒckgang der Fallzahlen in den Near-Repeat-Areas, ohne jedoch einen VerdrĂ€ngungseffekt in den umliegenden Bereichen zu haben." Und noch etwas: "In den Prognosegebieten wurden Personen kontrolliert, die genau der Zielgruppe (reisende Serieneinbrecher) entsprechen, darunter auch zur Festnahme ausgeschriebenen Einbrecher. Es gab auch Festnahmen auf frischer Tat, jedoch ist dies auch von ZufĂ€llen abhĂ€ngig."
In Nordrhein-Westfalen wird das Projekt vor allem aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet; der Projektleiter wĂ€gt ab. So lĂ€uft eine projektbegleitende Evaluation bei der Zentralstelle Evaluation der Polizei selbst, mit derzeit fĂŒnf Mitarbeitern, die allerdings auch andere Projekte haben. ZusĂ€tzlich lĂ€uft eine externe Evaluation durch die Gesellschaft fĂŒr Innovative Sozialforschung in Bremen (GISS e.V.) . Aber die Frage sei doch, was "erfolgreich" denn bedeute, gibt Joachim Eschemann zu bedenken: "Der RĂŒckgang von Fallzahlen bedeutet nicht KausalitĂ€t. Alles in allem sind das soziale Prozesse, eine Vielzahl von Faktoren. Wir suchen immer noch die Antwort auf die Frage: Welche Parameter sind aussagekrĂ€ftig?"
Wenn man frage, "was taugt die mathematische Prognose?", dann sehe man: Es ist erfolgversprechend, es funktioniert. Wenn man aber frage, "was taugt die mathematische Prognose fĂŒr die polizeiliche Aufgabenwahrnehmung?" "Wir als Polizei sind per se nicht in der Lage, ĂŒberall prĂ€sent zu sein; wir sind immer gefordert zu entscheiden, wann und wo wir prĂ€sent sind." Alle anderen polizeilichen Aufgabenwahrnehmungen liefen ja weiter. "Wir haben der Behörde auch kein zusĂ€tzliches Personal gegeben, das wĂŒrde ja das Bild verfĂ€lschen." Eschemann zitiert den Politikwissenschaftler Wolfgang Streeck: "Jede Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse hat es mit Fallzahlen zu tun, die niedriger sind als die Zahl der Faktoren, die als ErklĂ€rung in Frage kommen." Anders ausgedrĂŒckt: FĂŒr eine Entwicklung, zum Beispiel weniger EinbrĂŒche, kommen viele GrĂŒnde in Frage â aber welcher ist der entscheidende? Immerhin, es gebe Erfolge, "es ist ein Fingerzeig in die richtige Richtung, wir haben auch Festnahmen zu verzeichnen. Wir haben daher weiter Behörden hinzu genommen, um eine breitere Datenbasis zu erhalten."
Ăhnlich sieht es Alexander Gluba, der Projektleiter in Niedersachsen: "Wir arbeiten ergebnisoffen; wir fahren in ausgewiesene Risikogebiete und wollen Straftaten durch PrĂ€senz verhindern, und wenn wir TĂ€ter fangen, soll uns das auch recht sein. Aber es ist schwierig, eine Wirkung zu messen, eine KausalitĂ€t." Aber man könne vielleicht Erkenntnisbausteine sammeln und so eine gewisse PlausibilitĂ€t gewinnen, vielleicht durch die Zusammenarbeit mehrerer LĂ€nder.
Immerhin, eine gewisse PlausibilitĂ€t haben auch die Berliner errechnet: Sie haben die Trefferquoten ihrer Prognosen vom 17. Mai 2016. bis zum 13. November 2016 statistisch ausgewertet: Eine Prognose betrifft 1/1000 der StadtflĂ€che. Die statistische Zufallserwartung lieĂe 3 Treffer erwarten, eine Brennpunkterkennung 7 Treffer, und ihr Prognosetool ergab 21 Treffer. Das ist das siebenfache des Zufallswertes, also wohl kein Zufall ...
Prognostiziert wurde ja schon frĂŒher, sagen die Berliner. Nun wird gefragt: "Ist unsere PrognosegĂŒte besser, als wie sie rein polizeilich-statistisch zu erwarten gewesen wĂ€re?". Bis bis jetzt spreche einiges dafĂŒr. Man brauche halt einen lĂ€ngeren Zeitraum fĂŒr den Vergleich. Oder eine Ausnahmesituation wie im Dezember 2016 nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt: "Da hatten wir einen Monat mit auĂergewöhnlich niedrigem Polizeieinsatz bezĂŒglich Wohnungseinbruch â und die PrognosequalitĂ€t wurde besser."
Die Zukunft
Ende Januar 2017 hat der angekĂŒndigte Workshop im BKA stattgefunden. Nun wird ein Papier erstellt, das auf dem Grund einer Bund-LĂ€nder-Ebene abgestimmt werden muss. "Predictive Policing hat grundsĂ€tzlich das Potential, sich zu einem nĂŒtzlichen Instrument zu entwickeln", sagen die Berliner Beamten. Die Frage stellt sich: Wo? Und fĂŒr welche Deliktsbereiche?
In Hessen besteht, erklÀrt der LKA-Pressesprecher, "die grundsÀtzliche Möglichkeit, den aktuellen Einsatzbereich (BekÀmpfung des Wohnungseinbruchdiebstahls) auf weitere Delikte auszuweiten."
Die Bayern gehen schon weiter: "Wir sind ĂŒberzeugt, dass Predictive Analytics zukĂŒnftig auch bei der Polizei in Deutschland eingesetzt wird", glaubt GĂŒnter Okon: "Es ist eine wirksame Methode, unter Einbindung von Softwareprodukten die tĂ€gliche Arbeit der Polizei bei der Lagebewertung in die nahe Zukunft und den damit verbundenen notwendigen Schwerpunktsetzungen und KrĂ€ftedispositionen zu unterstĂŒtzen." Eine Ausweitung scheint schon angefangen zu haben: "Derzeit wird die Software vorrangig im Zusammenhang mit dem Wohnungseinbruchsdiebstahl genutzt." Vorrangig.
In Nordrhein-Westfalen ging es zunĂ€chst nur um Wohnungseinbruchdiebstahl, im Jahr 2017 soll das Projekt auf weitere KriminalitĂ€t im öffentlichen Raum ausgeweitet werden, nĂ€mlich KFZ-KriminalitĂ€t, also Diebstahl von bzw. aus KFZ, Raubdelikte und GewerbeeinbrĂŒche.
Vielleicht zieht dann auch bald der "Tatort" nach. (mho)