Psychologen: "Jeder dritte Vorgesetzte ist ein kranker Quäler"

Führungskräfte haben häufiger Persönlichkeitsstörungen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Millionen Beschäftigten leiden darunter, sagen zwei Psychologen.

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(Bild: Blue Planet Studio/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

"Mein Chef ist irre, Ihrer auch?" So lautet der Titel des neuen Buches von Hans Christian Schrader und Jürgen Hesse. Beide sind Psychologen und haben bereits mehrere Ratgeber über die Arbeitswelt geschrieben. „Ein guter Chef ist die Ausnahme“, sagt Hesse. heise online hat mit Jürgen Hesse darüber gesprochen:

Viele Chefs nerven, nicht wenige sind einfach ätzend und manche schikanieren ihre Mitarbeiter sogar im Urlaub. Warum tun sie das?

Jürgen Hesse: Das hat immer mehrere Gründe. Einer kann schlechte Laune sein. Das kennt jeder von sich selbst: Wer schlecht drauf ist, behandelt seine Umwelt eher schlecht. Zu Hause sind das die Partner oder Kinder. Vorgesetzte haben zum Abreagieren ihre Mitarbeitenden. Ein anderer Grund ist die weitverbreitete Sorge von Vorgesetzten, dass die Gruppe, der sie vorstehen, sich gegen sie verschwört und an ihrem Stuhl sägt. Um unmissverständlich zu zeigen, wer das Sagen hat, stauchen sie mitunter grundlos, aber präventiv ihr Team zusammen.

Aus welchem Grund auch immer: Wenn Vorgesetzte ihre Mitarbeitenden mies behandeln, schaffen sie ein schlechtes Betriebsklima und mindern damit den Erfolg des Unternehmens.

So ist es. Die Personalberatung Kienbaum hat schon vor Jahren etwa 500 Führungskräfte aufgrund eines Psycho-Fragebogens analysiert und einen hohen Prozentsatz an Schwerstneurotikern unter Vorgesetzten festgestellt. Diese Personen haben sie dem Unternehmen gegenübergestellt und herausgefunden: Je neurotischer Vorgesetzte sind, desto weniger erfolgreich ist die Firma. Psychopathische Chefs machen Firmen kaputt, gute Chefs sind die Ausnahme.

Die Buchautoren Jürgen Hesse (links) und Hans Christian Schrader.

(Bild: Econ Verlag)

Manche Vorgesetzte machen ihren Mitarbeitenden das Arbeitsleben dauerhaft zur Hölle. Ist solches Verhalten krankhaft?

Schon Schikanieren ist eine üble Sache, weil das Wort uns sagt, es setzt eine bewusste und systematische Handlung voraus. Die Steigerung davon ist, die Dusche nicht nur hin und wieder auf kalt zu stellen, sondern dauerhaft auf eiskalt oder sie ganz abzustellen. Vorgesetzte, die dauerhaft Mitarbeitende schikanieren, sie überkontrollieren und ihnen jede Freude an der Arbeit verderben, haben kranke Charakter- und Wesenszüge.

Sie schreiben in dem Buch, dass es in Chefpositionen oft mehr Menschen mit äußerst problematischen Charakterzügen gibt bis hin zu Persönlichkeitsstörungen und psychopathischen Wesenszügen als im Bevölkerungsdurchschnitt. Gibt es dafür Belege?

Die ersten Zahlen waren die von Kienbaum. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, die alle zeigen, dass Vorgesetzte häufiger psychische Defizite haben als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die Studien stützen unsere These, dass viele Vorgesetzte auf Positionen sind, wo sie nicht hingehören. Über den Daumen gepeilt sind ein Drittel sehr gute bis gute Chefs, ein weiteres Drittel ist ausbaufähig und vom letzten Drittel ist jeder Dritte nicht mehr tragbar und gehört entfernt. Dann bleiben immer noch 23 Prozent, die geschult gehören im Umgang mit Menschen.

Bleiben wir bei diesem schlimmen letzten Drittel. Wie kommen solche Typen an Führungspositionen?

Kinder, die nicht wohlbehütet aufwachsen, lernen sich vor anderen zu schützen, indem sie sich in der Kita, der Schule oder im Betrieb zum Chef machen. Damit stellen sie sich über die anderen und können so über sie Macht ausüben. Dieses Verhalten verinnerlichen sie im Laufe ihres Lebens, streben nach immer mehr Macht, bis sie scheitern. Vergleichbar mit einem durstigen Schiffbrüchigen, der Salzwasser trinkt und daran zugrunde geht.

Sind die Mitarbeiter nicht selbst schuld daran, wenn sie sich quälen lassen? Sie könnten kündigen, insbesondere die gesuchten IT-Fachkräfte.

Warum ist der Kremlkritiker Alexei Nawalny nicht in Deutschland geblieben? Er wusste doch, was ihn in Russland erwartet? Jetzt sitzt er jahrelang in einem Straflager. Warum gibt es Masochisten? Der eine will gequält werden und der andere quält. Dieses Phänomen ist nur ein Teil der Erklärung dafür, weshalb sich manche Mitarbeitenden übelste Behandlung von Vorgesetzten gefallen lassen. Wer Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen hat, lässt sich das nicht gefallen.

Wollen solche Mitarbeitenden Hilfe haben oder fühlen sie sich in ihrer Rolle des Gequälten wohl?

Sie wollen und brauchen Hilfe. Zuerst sollten sie selbst reflektieren, was sie kränkt, was ihnen Schwierigkeiten macht. Der nächste Schritt ist, mit anderen darüber zu sprechen. Mit Partnern, Freunden aber auch Kollegen, die das Verhalten des Vorgesetzten miterleben. Es geht darum, herauszufinden, ob die Kritik eventuell gerechtfertigt ist. Wenn dies nicht weiterhilft, können sich Betroffene an einen Rechtsanwalt wenden, an den Betriebs- oder Personalrat im Unternehmen oder zum nächst höheren Vorgesetzten gehen, im Idealfall mit dem Hinweis, nicht der einzige Betroffene in der Gruppe zu sein. Leider neigen viele Menschen zum Verdrängen von Problemen, was sie früher oder später krank macht. Andererseits: Je bösartiger ein Chef ist, umso mehr verfügt er über Methoden und Intelligenz dafür zu sorgen, dass diese Leute, die sich über ihn beklagen, kein Gehör finden.

Es gibt unterschiedliche Arten von Chef-Typologien. Welche sind weitverbreitet?

In der freien Wirtschaft dominieren Narzissten und Egomanen. Das sind Menschen, die Millionen verdienen und meinen, immer noch nicht genug zu bekommen. Der autoritäre Brüllaffe stirbt langsam aus. Im öffentlichen Dienst wird noch eher der falsche Ton angeschlagen. Da geht es oft um Perfektionismus, Anerkennung ist ein rares Gut. Der Depressive passt gut in solche Institutionen: sehr freundlich und zuhörend, aber im Grunde auch erstickend für Veränderungen.

Brauchen Mitarbeitende für die unterschiedlichen Chef-Typen eine passende Strategie, um mit deren Wesen klarzukommen?

Ja. Mitarbeitende müssen mit einem Schizoiden, der stets auf strikte Distanz zu anderen geht, anders umgehen als mit einem Narzissten. Die brauchen Applaus und Anerkennung. Der Egomane will keine Lobhudeleien, sondern Mitarbeitende, die sich für ihn aufopfern. Entscheidend ist, dass die Mitarbeitenden erkennen, um welchen Typen es sich handelt und welche krankhaften Züge besonders ausgeprägt sind. Dann sollten sie schauen, ob sie damit klarkommen. Wenn nicht, sollte sie den Vorgesetzten ihres Chefs darauf ansprechen. Das kann schiefgehen, was besser ist, als zu leiden.

(mki)