RIPE-Treffen: IP-Adressen als Kriegsbeute

Der Krieg in der Ukraine trifft auch die Internetverwaltung. IP-Adressverwalter berichten von Problemen und fürchten, dass Adressen zu Kriegsbeute werden.

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(Bild: NicoElNino/Shutterstock.com)

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  • Monika Ermert
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Der Krieg in der Ukraine und die westlichen Sanktionen gegen Russland beschäftigen auch das 85. Treffen des Réseaux IP Européens Network (RIPE), zu dem die europäischen IP-Adressverwalter zurzeit in Belgrad zusammengekommen sind. Immer dringlicher wird der Hilferuf der ukrainischen Mitglieder, IP-Adresszuweisungen in den umkämpften Gebieten einzufrieren, um deren Beschlagnahme zu verhindern.

Die Übertragung von IP-Adressen ukrainischer Unternehmen auf russische Eigentümer in den umkämpften Gebieten müsse sofort gestoppt werden, forderte etwa Rechtsanwalt Andrii Pylypenko, der das ukrainische Justizministerium berät. Sämtliche Transfers ukrainischer IP-Adressen an neue russische Stellen seien illegal.

Vertreter ukrainischer IT-Unternehmen und -Verbände unterstützen die Forderung. Sie wisse von erzwungenen Übertragungen von IP-Adressen "mit vorgehaltener Pistole", erzählte Olena Kushnir vom Provider Web Pro auf dem RIPE-Treffen in Belgrad. Man dürfe keine weitere Zeit verlieren, appellierte Viktoriia Opanasiuk vom Verband Telecom Ukraine.

Der bestmögliche Schutz sei das sofortige Einfrieren ukrainischer IP-Adressen und Nummern für Autonome Systeme (AS), meint Pylypenko. Der Jurist bot an, dass der für Transfers und Zuweisungen zuständige operative Arm des RIPE, das RIPE NCC, mit ukrainischen Behörden zusammenarbeiten könne. Diese bemühten sich, ukrainische IT-Unternehmen so gut wie möglich zu schützen. Eine solche Kooperation verringere etwaige rechtliche Risiken für das RIPE NCC, so Pylypenko, und erlaube ein sofortiges Handeln.

Das sofortige oder vorübergehende Einfrieren aller Adress- und Präfixtransfers verhindere zwar das Risiko illegaler und erzwungener Transfers, aber auch legitime Übertragungen, gab die Justiziarin des RIPE NCC, Athina Fragkouli, zu bedenken. Zudem würde die RIPE-Datenbank dann möglicherweise nicht mehr die korrekten Inhabereinträge abbilden.

"Wir würden damit gegen unsere eigene Satzung verstoßen und hätten daher gerne eine entsprechende Policy, die von den Mitgliedern verabschiedet wird", sagte Fragkouli. Ohne eine solche Änderung seien Klagen gegen die Organisation nicht auszuschließen. Die von Pypyplenko ins Spiel gebrachte Beteiligung ukrainischer Regierungsstellen verschiebe das Selbstverwaltungsmodell in Richtung eines stärkeren Einflusses von Regierungen. Auch dafür bedürfe es eines Beschlusses der Mitglieder.

Die Verabschiedung einer neuen Policy würde mindestens Monate dauern, kritisierten zahlreiche Mitglieder. Die Kollegen in der Ukraine brauchten jetzt sofort eine Lösung, so die fast einhellige Meinung. Ein temporärer Freeze-Mechanismus etwa sei doch letztlich eine vertragliche Vereinbarung und keine neue Policy, meint Erik Bais, Ko-Vorsitzender der "Address Policy"-Arbeitsgruppe.

Einer besonders kritischen Prüfung der beantragten Transfers stehe rechtlich schon jetzt nichts entgegen, betonte Fragkouli. Zudem könne man den Transfers einen Disclaimer hinzufügen, der auf die besondere Situation im Land hinweist und festhält, dass die Übertragung im Falle eines späteren Gerichtsverfahrens rückgängig gemacht werden könne. Ein solcher Disclaimer könne auch bewirken, dass ein weiterer Transfer blockiert würde.

Der geschäftsführende Vorstand der IP-Adressverwaltung will nun eine Interimslösung gegen den Adressraub beschließen. Der frisch gebackene Vorstandsvorsitzende Ondrej Filip sicherte den Mitgliedern zu, per Vorstandsbeschluss eine rasche Lösung zu schaffen, die bis zu Änderungen in der RIPE-Satzung greifen könnte. Eine politische Lösung für die Behandlung von Transfers in "Areas under Distress" soll folgen.

Dabei gibt es noch viele Fragen zu klären – etwa, was geschieht, wenn Gebiete von mehreren Regierungen beansprucht werden ("areas in dispute"). Ein Netzbetreiber von der Krim fragte, als was das RIPE denn seine IP-Adressresourcen betrachten würde: "Die einen sagen, wir sind ukrainisch, die anderen, wir sind russisch." Als ukrainische Firma wäre man bei einem kompletten Einfrieren von Transfers ukrainischer Ressourcen sogar benachteiligt, weil andere Firmen von der Krim fröhlich verkaufen und übertragen können.

Der Krieg gegen die Ukraine beschäftigt die Adressverwaltung in mehrfacher Hinsicht. So hat sich die Zahl der von den Sanktionen betroffenen RIPE-Mitglieder seit dem Frühjahr verdoppelt. Das RIPE NCC erhält dazu hunderte Meldungen, die überprüft werden müssen. Vorerst werden die Adressen der russischen Mitglieder schlicht eingefroren. Von einem Entzug der Adressen, wie es ukrainische Mitglieder fordern, sieht das RIPE NCC ab.

Die Mitgliedsbeiträge werden erstmal gestundet, denn eine Überweisung an die Geschäftsbanken des RIPE NCC sind ebenfalls durch Sanktionen blockiert. Unterdessen verhandelt das in Amsterdam angesiedelte Büro des RIPE NCC mit den niederländischen Behörden über eine allgemeine Ausnahme von den Sanktionen für Kommunikationsressourcen.

Zugleich hat das RIPE NCC eine Studie zum Thema Sanktionen in Auftrag gegeben. Studienleiterin Farzaneh Badii gab in Belgrad einen Überblick über die Bedeutung von Sanktionen für das Internet seit den 1990er-Jahren. Zu den möglichen politischen Lösungen gehören unter anderem Ausnahmeregelungen, auch auf internationaler Ebene. Badii sprach aber auch von möglichen Veränderungen in der Struktur der Regional Internet Registries (RIR). Vielleicht sei die Anlage als regionale Strukturen überholt.

Eine Verschiebung der regionalen Adresswelt hatte sich innerhalb der RIPE unter anderem mit der Auflösung der Eurasia Network Operators Group abgezeichnet, die zur besseren Beteiligung der osteuropäischen Mitglieder gegründet worden war. Die 2010 ins Leben gerufene ENOG hatte sich zu Beginn des Krieges aufgelöst. Jetzt stehen die Adressverwalter vor der Frage, wie sie künftig die immerhin 20.000 Mitglieder zählenden Gruppe integriert.

Update

Der Name des neuen Vorstandsvorsitzenden wurde korrigiert: "Ondrej Filip" (statt "Ondrej Sury", Absatz 9).

(vbr)