RKI-Schätzung: Corona-Warn-App hat über 100.000 Infektionsketten unterbrochen

Laut Bundesgesundheitsministerium und RKI könnte die Kontaktnachverfolgung der Corona-Warn-App so erfolgreich gewesen sein wie die der Gesundheitsämter.

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Corona-Warn-App

(Bild: Marco.Warm / Shutterstock.com)

Von
  • Holger Bleich

Vor einem Jahr erschien die deutsche Corona-Warn-App (CWA) erstmals in den Stores von Google und Apple. Nun haben das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und das Robert-Koch-Institut (RKI) eine Zwischenbilanz gezogen. Das staatliche Contact-Tracing-Tool sei nie als Heilsbringer vermittelt worden, betonte ein BMG-Sprecher. Es leiste aber einen wichtigen epidemiologischen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie, wie eine vorläufige Evaluierung nun erstmals belege.

Zwar erfolgt die Kontaktnachverfolgung mit der CWA anonym und dezentral. Doch gelang es dem RKI in den vergangenen Monaten, einige Daten zu erheben, um die Wirksamkeit des Systems besser einschätzen zu können. Zum einen können Nutzer seit dem Release 1.13 vom 4. März 2021 freiwillig Daten spenden, etwa zu den Risikoberechnungen und zur Freigabe ihrer Positivtest-Warnung. Anfang Juni machten dem BMG zufolge bereits mehr als 8 Millionen Nutzer davon Gebrauch.

Zum anderen wurde eine freiwillige Online-Befragung in die CWA eingebaut, zu der die App Nutzer eingeladen hat, die eine rote Warnung ("erhöhtes Risiko") erhalten haben. Aufgeteilt war dies in eine Basisbefragung und eine Folgebefragung fünf Tage später. Die Aktion lief vom 4. März bis zum 27. Mai 2021. Mehr als 15.000 Nutzer nahmen an beiden Befragungen Teil.

Rund 88 Prozent der Befragten gaben der Auswertung zufolge an, die Risikoermittlung während der letzten 14 Tage durchgehend aktiviert zu haben. Etwa zwei Drittel seien von der roten Warnung überrascht gewesen. 65 Prozent erklärten bei der Erstbefragung, nun einen CoV-2-Test machen zu wollen. Insgesamt wurden 6 Prozent der Teilnehmenden in der Folgebefragung tatsächlich positiv getestet (dieser Wert entspricht der sogenannten Secondary Attack Rate SAR). 80 Prozent dieser positiv Getesteten teilten ihr Ergebnis direkt in der CWA, um ihr Umfeld zu warnen.

Rund Zwei Drittel der CWA-Nutzenden waren von einer roten Warnung in der CWA überrascht.

(Bild: Bundesgesundheitsministerium/RKI)

Die Daten aus der Befragung kombinierte das RKI mit den Informationen, die man aus den Datenspenden gewonnen hat, um die Wirkung der App hochzurechnen, und illustrierte die Ergebnisse an einem Beispiel: Wurden an einem bestimmten Tag in der dritten Welle 4000 positive Tests von Nutzern eingespeist, ergab sich daraus, dass zwischen 20.000 und 40.000 CWA-Nutzende gewarnt wurden. Von diesen hätten sich 16.000 bis 32.000 wiederum testen lassen, was 1000 bis 2000 Infektionen zusätzlich aufgedeckt hätte.

Diese Schätzungen rechnet das RKI auf alle 475.000 bis heute in der CWA gemeldeten positiven Tests hoch. Daraus würden 2,4 bis 4,8 Millionen rote Warnungen und 1,9 bis 2,8 Millionen durchgeführte Tests folgen. Insgesamt seien diesen Schätzungen zufolge 110.000 bis 230.000 CWA-Nutzende nach einer roten Warnung positiv getestet und damit aus Infektionsketten gezogen worden.

Dies entspreche "etwa der Positivrate, die bei der analogen Kontaktnachverfolgung beobachtet werden kann", heißt es in einem Papier von BMG und RKI. Das heißt: Den Beitrag, den die CWA zur Eindämmung leistet, schätzt das RKI in etwa so hoch ein wie den aller Gesundheitsämter gemeinsam.

BMG und RKI betonen, dass es sich um eine erste, gleichwohl wissenschaftliche Einschätzung handle. Im Herbst 2021 soll die ausführliche schriftliche Evaluation folgen.

(hob)