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Raw-Entwicklung: Rohkost für Feinschmecker (IV)

Ihre größten Stärken spielt die Raw-Entwicklung auf dem PC bei Aufnahmen aus, die über- oder unterbelichtet sind, deren Motiv den normalen Kontrastfumfang überschreitet oder deren Weißabgleich nicht korrekt ist. In dieser Folge geht es um die Korrektur echter "Problemfotos".

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Inhaltsverzeichnis

In den drei vorangegangenen Kapiteln wurde gezeigt, dass die Aufnahmedaten in einer Raw-Datei mehr Details (Tonwerte) enthalten, als normalerweise für die Umsetzung in ein wirkungsvolles Bild benötigt werden. Mit der nachträglichen "Raw-Entwicklung" auf dem PC behalten Sie die Oberherrschaft, welche Tonwerte Sie auswählen und wie Sie diese umsetzen, anstatt sich von einer Automatik die JPEG-Suppe versalzen zu lassen.

Die nebenstehende Montage enthält zwei Fotos. Das erste zeigt zwei Personen in einer Lindenallee: Die Belichtung, die einen Kompromiss zwischen dem gedämpften Licht in der Allee und dem hellen Hintergrund versucht, führt zu Überstrahlungen des Hintergrundes in der Lindenalle, während gleichzeitig die Mitten und Hauttöne zu düster erscheinen. Die Hauttöne und das Weiß des Hutbandes sind nach Blau und Grün verschoben, müssen also in Richtung Gelb und Magenta korrigiert werden. Das die Szene beherrschende Licht ist vom Blattwerk gefiltert und ergibt zusammen mit dem Himmelslicht eine stark blaugrünliche Stimmung, während im Hintergrund die Durchblicke zwischen den Bäumen auf die besonnte Landschaft gelblich überstrahlen und eine völlig andere "Farbstimmung" suggerieren. Dieses Bild läßt sich gut mit "Schiebereglern" im Raw-Konverter korrigieren.

Im zweiten (kleinen) Foto ist eine Dame zu sehen, die an einem Bach einen Stein aufgelesen hat und teils im Schatten, teils im streifenden Sonnenlicht steht. Der Hintergrund liegt hier vollständig im Schatten, auch das Gesicht der Person im Vordergrund weist kaum Zeichnung auf (wird aber von unten durch die Reflexion des Sonnenlichtes von der Bluse aufgehellt), während der eine von der Sonne beschienene Arm stark überbelichtet ist und "ausgefressen" erscheint. Hier liegt der Fall komplizierter, und eine befriedigende Bildkorrektur gelingt erst mit einer raffiniert verbogenen Gradations-Kurve (links eingeblendetes Dialogfenster mit Gradationskurve, markierten Ankerpunkten und unterlegtem Histogramm). Auch hier hat der automatische Weißabgleich der Kamera eine starke Blaugrün-Verschiebung erzeugt.

Das RGB-Histogramm der ersten Aufnahme (siehe Bilderreihe auf der nächsten Seite) macht keinen hoffnungslosen Eindruck: Es ist rechts an den Lichtern etwas angeschnitten (wobei der Hintergrund außerhalb der Allee nicht so sehr bildwichtig ist), links bei den Schatten stärker, aber die wichtigen Hauttöne befinden sich im durchgezeichneten Tonwertbereich, nur verfärbt und zu dunkel. Einige Bildbereiche sind durch die Überbelichtungsanzeige (rot) oder Unterbelichtungswarnung (violett) markiert.

Einer der ersten Schritte sollte darin bestehen, den Weißabgleich zu verbessern. Man kann das nach Gefühl mit den beiden Einstellern für (Farb-)Temperatur in Kelvin (K) und Farbton (Purpur-Grün-Balance) nach einer willkürlichen Skala von -150 bis +150 in Adobe Camera Raw (ACR) von Hand machen oder sich im Bild neutrale Grau- oder Weißtöne suchen. Hier bietet sich der mehr oder weniger graue Kiesweg an, noch besser eignet sich das weiße Hutband im Strohhut der Frau links im Bild. Dort klickt man mit der Pipette hinein, und schon erreicht man farblich ausgewogenere, aber noch zu dunkle Hauttöne. Die angenommene Farbtemperatur ändert sich von 4300 K zu 5100 K, der Farbton von +19 auf +44. Wenn das Bild dann zu purpurstichig erscheint, können wir diesen Wert auch von Hand wieder etwas zurücknehmen. Ich habe ihn zum Beispiel am Schluss auf +33 (ACR) reduziert. Die Ursache für die starke Korrektur in Richtung Purpur liegt darin, dass das vom Laubdach gefilterte Licht einen hohen Grünanteil aufweist, der ausgeglichen werden muss. Jedoch kann man wahlweise diese "Laubdachstimmung" gemäßigt erhalten, oder jeglichen Farbstich auf der Haut wegkorrigieren (wobei am besten keine von anderer Lichtfarbe geprägten Bereiche im Bildausschnitt vorkommen sollten).