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c't Fotografie

Raw-Entwicklung: Rohkost für Feinschmecker (IV)

Kontrastakrobatik

Inhaltsverzeichnis

Wenn die Digitalkamera den Kontrastumfang eines Motivs in einer Aufnahme nicht bewältigt – egal, wie man belichtet – kann man zu HDRI-Techniken greifen, dabei werden mehrere unterschiedlich belichtete Aufnahmen zusammenmontiert, wobei man jeweils den am besten erfassten Bereich wie Schatten, Mitten und Lichter aus verschiedenen Bildern auswählt.

Mit dem nächsten Foto "Die Steinsammlerin" versuchen wir etwas ähnliches anhand bestimmter Einstellmöglichkeiten in DPP (ab 3.6) und Adobe Camera Raw (ACR) direkt, was wesentlich schneller, einfacher und im Ergebnis prinzipiell gleich gut ist, wenn man nur eine Aufnahme im Raw-Format zur Verfügung hat.

Die Steinsammlerin, unbearbeitet

Das Bild ist unterbelichtet, im Gesicht sieht man fast keine Zeichnung, es ist blaustichig, der Hintergrund ist völlig abgesoffen und das Sonnenlicht auf dem Unterarm noch dazu überstrahlt. Man hätte bei der Aufnahme länger belichten können (oder eine positive Belichtungskorrektur verwenden), dann wäre das Gesicht besser durchgezeichnet, der linke Arm aber völlig überstrahlt und ohne Zeichnung. Hilfreich wäre auch ein Aufhellblitz oder ein Reflektor gewesen, der würde aber nichts gegen den in Schwärze versinkenden Hintergrund ausgerichtet haben. Zudem handelt es sich um einen Schnappschuss, bei dem für lange Vorbereitungen keine Zeit war. Kann man so ein Foto überhaupt noch retten?

Mit Adobe Camera Raw korrigiert

Nicht, wenn es als nur als JPEG aus der Kamera vorliegt, wohl aber bei einem Raw-File, siehe nebenstehendes Bild. Das Bild ist also nicht in erster Linie "falsch belichtet", sondern falsch umgewandelt, da es die Automatiken überfordert!

Zur Prüfung werfen wir mit Digital Photo Professional (DPP) einen Blick auf die Originaldatei, denn dieses Programm zeigt ein Gesamthistogramm der im Raw-File enthaltenen Tonwerte – einschließlich derjenigen, die normalerweise gar nicht in den Zielfarbraum der RGB-Datei übertragen werden:

Ein Trick, um rasch zu erkennen, ob in Lichtern noch Durchzeichnung vorhanden ist: Klicken Sie vorübergehend das Häkchen in den Kasten "Linear", dadurch wird das Bild stark abgedunkelt und die Lichter erscheinen wie durch eine Sonnenbrille gesehen, so dass man nicht mehr "geblendet" wird, sondern erkennt, ob sie noch differenziert sind. Probeweise auch "Helligkeit" verschieben. Nebenstehend eine Montage aus drei Bearbeitungsvarianten mit DPP: Das erste Beispiel zeigt durch starke Absenkung der Belichtung, dass auf den Armen die in der Sonne liegenden Hauttöne im Raw-File noch gut durchgezeichnet sind.

Ansicht des Fotos in DPP nach Korrektur des Weißabgleichs

Ansicht des Fotos in DPP nach Korrektur des Weißabgleichs: Man erkennt, dass in den Schatten noch jede Menge Tonwerte enthalten sind, es gelingt jedoch nicht, diese hervorzuholen und gleichzeitig die Lichter vor dem Überstrahlen zu bewahren, auch nicht bei Minimaleinstellung des Kontrastes.

Im mittleren Beispiel wurden die Helligkeit auf 0 und der Kontrast auf "Minimum" eingestellt, der Arm erscheint einigermaßen durchgezeichnet. Der Großteil der Tonwerte befindet sich links außerhalb des Übertragungsbereiches durch die ab etwa -4EV ansteigende Gradationskurve in den Schatten. Das Histogramm zeigt aber, dass sich hier noch viele Tonwerte befinden.

Man kann durch Verschieben des Helligkeitseinstellers (eigentlich "Belichtung") wahlweise die Zeichnung in den Schatten oder den Lichtern hervorholen, also zeigen, dass sich in beiden Bereichen sehr wohl verwertbare Tonwerte in den Rohdaten befinden. Achten Sie auf die Verschiebung des Histogramms und dessen Überlappung mit der Gradationskurve! Es gelingt aber in älteren Versionen von DPP mit diesen Einstellungen nicht, Lichter und Schatten gleichzeitig in den Übertragungsbereich zu ziehen.