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c't Fotografie

Raw-Entwicklung: Rohkost für Feinschmecker (IV)

Regler-Konfusion

Inhaltsverzeichnis

Leider haben in manchen Programmen Einsteller mit der Bezeichnung "Helligkeit" und "Kontrast" ganz andere und zum Teil ziemlich unbrauchbare Wirkungen: Sie heben den Schwarzpegel an und machen aus Schwarz flaues Grau, Lichter werden abgeschnitten oder, beim Einstellen in Richtung "dunkler", zu Grau. Das entspricht dann etwa der Wirkung des Anhebens des Fußpunktes oder Absenken des Kopfpunktes, wie in einer Bildreihe in Rohkost für Feinschmecker (II) gezeigt. Im RGB-Teil von DPP haben die Einsteller "Helligkeit" und "Kontrast" solche praxisfremden Wirkungen. Dafür kann man dort die Gradationskurve mit beliebigen frei setzbaren Ankerpunkten individuell verändern, was Lightroom nicht erlaubt. Eine wirklich befriedigende Korrektur des Photos der "Steinsammlerin" ist mir aber auch alleine damit nicht gelungen - man kann entweder die Schatten hervorholen oder die Lichter hereinziehen, aber nicht beides gleichzeitig! Das klappt erst ab Version 3.6 unter Zuhilfenahme der Einsteller für Lichter und Schatten (siehe weiter unten). Ganz gut gelingt - mit Hilfe durch die Gradationskurve im RGB-Teil - die Korrektur von "Lindenallee".

In Raw-Teil von DPP ist der Einsteller, der eine ähnliche Wirkung wie die Belichtungskorrektur in ACR/Lightroom hat, wiederum mit "Helligkeit" bezeichnet. Er hat aber eine völlig andere Wirkung als "Helligkeit" im RGB-Teil: er verschiebt das ganze Histogramm "additiv", und damit auch den Schwarzpegel, ist also eher eine Kombination aus "Belichtung" und "Schwarz" in ACR.

Praxisgerechter verhält sich der "Helligkeitseinsteller" in ACR oder Lightroom: Er verschiebt im wesentlichen die Mitteltöne und "schont" Schatten und Lichter – die genaue Wirkung sehen Sie anhand von Balkenhistogrammen in der Folge Raw II (Wirkung von Helligkeit und Kontrast). Er eignet sich daher sehr gut, um - wie in diesem Fall – noch zu düstere Mitteltöne, vor allem auf der Haut, freundlicher ins Licht zu heben.

Diese Korrekturen funktionieren in Lightroom praktisch identisch wie in ACR aus der "großen" CS4 (Creative Suite 4) von Adobe, albernerweise aber weichen die Bezeichnungen der Einsteller in den deutschen Versionen voneinander ab (siehe Tabelle aus der Folge Raw II).

Vor der Bearbeitung von "Lindenallee" waren die Tonwerte im Schattenbereich zusammengedrängt und teilweise abgeschnitten, mit einer kleinen Histogramm-Spitze bei den Lichtern, die ebenfalls das Abschneiden von Tonwerten signalisiert. Nach der veränderten Einstellung der Regler ergibt sich eine sehr viel gleichmäßigere und ausgewogenere Verteilung, auch die angeschnittenen Spitzen im Lichterbereich sind fast verschwunden. Ein gewisses Anschneiden von Schatten kann man belassen, wenn es sich zum Beispiel um die Schatten unter der Holzplastik auf dem Boden handelt, die ruhig sattes Schwarz zeigen dürfen.

In ACR und Lightroom kann man von beliebigen Einstellungsversionen der Bearbeitung einer Raw-Datei einen "Snapshot" (also eine Momentaufnahme) erstellen. Diese "Schnappschüsse" werden dann beim Klick auf "Fertig" oder "Bild öffnen" mit dem Bearbeitungsprofil abgespeichert und können in der Registerseite "Schnappschüsse" wieder abgerufen werden, wenn man die Raw-Datei erneut in den Konverter lädt. So kann man sich beliebige Varianten einer Bildbearbeitung aufbewahren, ohne dass man dazu entsprechend viele Kopien der Originaldatei samt "Filialdokument" mit der Erweiterung ".XMP" unter verschiedenen Dateinamen anlegen muss. Das erleichtert das Anlegen verschiedener Bearbeitungsvarianten, von denen man immer wieder neu ausgehen kann, um Verbesserungen zu erproben, sehr.

Netterweise importiert Lightroom die "Schnappschüsse" aus der ACR-Bearbeitung und auch die dort mit individuellen Ankerpunkten von Hand eingestellten Gradationskurven, so dass man auch dort verbogene "exotische" Gradationskurven übernehmen kann (siehe nächstes Beispiel). Die Ankerpunkte selbst werden leider nicht mit übernommen und können auch nicht frei erzeugt werden.

Hat man eine Aufnahme sorgfältig ausgearbeitet, lohnt es sich, mit "Einstellungen entwickeln - kopieren" und "Einstellungen entwickeln - einfügen" die Korrekturen auf andere Aufnahmen der gleichen Situation zu übertragen und allenfalls nachzujustieren, anstatt jedesmal wieder von vorne anzufangen. So erzielt man auch einheitlichere Ergebnisse, vor allem, wenn die Aufnahmen unter gleichen oder ähnlichen Bedingungen entstanden sind. In DPP geht das mit "Bearbeiten|Rezept in Datei speichern" und wieder zurücklesen, auf Wunsch auch in mehrere gleichzeitig ausgewählte Bilder.