Reddit vs. Wall Street: Robinhood beschränkt weiterhin Handel mit GameStop-Aktie

Die Auseinandersetzung zwischen Kleinanleger-Schwarm und Hedgefonds ist noch längst nicht vorbei. Letztere sollen inzwischen Milliarden dabei eingebüßt haben.

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(Bild: mundissima/Shutterstock.com)

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Von
  • Axel Kannenberg

Der wegen seiner Nutzungsbeschränkungen heftig in die Kritik geratene US-Broker Robinhood will nach eigenen Angaben nur noch den Handel von acht statt bislang 50 Aktien regulieren. Nutzer dürfen weiterhin nur eine bestimmte Zahl an Wertpapieren von und Optionen auf Unternehmen wie Gamestop, Blackberry, AMC Entertainment oder Nokia kaufen, wie das Unternehmen am späten Sonntagabend auf seiner Webseite bekannt gab. Teilweise ist nur der Erwerb einer einzelnen Aktie erlaubt. Robinhood begründete seine Entscheidung mit einer "anhaltenden Marktvolatilität" und behielt sich weitere Änderungen vor.

Der vor allem bei jüngeren Anlegern beliebte Online-Broker hatte am Donnerstag überraschenderweise für mehrere Stunden den Handel mit bestimmten Aktien ausgesetzt. Daraufhin stürzten Kurse betroffener Unternehmen dramatisch ab. Betroffen waren dabei auch Firmen wie Starbucks, Trivago oder Moderna, die im Gegensatz zu Robinhoods Darstellung keinen besonderen Kursschwankungen unterlagen.

Auch in Deutschland waren Broker wie die Smartphone-Apps Trade Republic oder Trading212 in Bedrängnis geraten, weil sie ihren Nutzern den Zugang zum freien Markt untersagten. So war zeitweise nur der Verkauf bestimmter Wertpapiere, nicht aber der Kauf neuer Anteile gestattet.

Aktien von Gamestop und AMC waren in den vergangenen Wochen unter anderem bei Usern der Plattform Reddit besonders gefragt. Dabei stellten sie sich gegen sogenannte Shortseller (zu Deutsch Leerverkäufer) wie Citron Research und Melvin Capital, die massiv auf fallende Kurse der besagten Unternehmen gewettet hatten. Daraufhin schossen die Aktienkurse nach oben und einige Hedgefonds erlitten extrem hohe Verluste.

Durch die Handelsrestriktionen von Brokern wie Robinhood sehen sich die Kleinanleger deswegen auf ihrer Gewinnstrecke ausgebremst. Sie hegen den Verdacht, dass die Handelsplattformen den Hedgefonds den Rücken freihalten. Robinhood und Co. streiten dies ab, doch die Empörung ist nicht nur bei der Anleger-Community groß, sondern auch in der Politik. In den USA sind bereits Untersuchungen angekündigt, unter anderem von der Börsenaufsicht SEC, die ihrer Mitteilung nach Kleinanleger schützen und für "faire, ordentliche und effiziente Märkte" sorgen wolle.

Bis vergangenen Freitag sollen die Hedgefonds über das Jahr allein mit Gamestop-Leerverkaufswetten 19,75 Milliarden US-Dollar Verluste gemacht haben, berichtet das Handelsblatt unter Berufung auf den Analysten Ihor Dusaniwsky vom Finanzdatenanbieter S3 Partners. Allein der Hedgefonds Melvin Capital soll rund 53 Prozent seines Kapitals eingebüßt haben, schreibt wiederum Reuters unter Berufung auf Insider: Anfang des Jahres habe das Fondsvermögen noch bei 12,5 Milliarden US-Dollar gelegen. 2,7 Milliarden US-Dollar konnte sich Melvin vergangene Woche aber wieder an frischem Kapital sichern.

Ein Ende der Wette gegen Gamestop bedeutet all das aber nicht: Laut Handelsblatt soll der Anteil an Leerverkaufspositionen auf Gamestop-Aktien immer noch bei 113 Prozent des Bestands liegen, viele neue Shortseller seien nachgerückt.

Bei einer Leerverkaufswette leiht sich der Investor die Aktien, wirft sie in Hoffnung auf fallende Preise auf den Markt, kauft sie zum idealerweise günstigeren Preis zurück und gibt die Aktien dann vereinbarungsgemäß wieder. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückverkaufspreis abzüglich Gebühren ist der Gewinn. Und wenn ein anderer Hedgefonds auf die im Leerverkaufsversuch verkauften Aktien ebenfalls eine solche Wette eingeht, dann könne der Bestand an Leerverkaufspositionen über dem der Aktien liegen, schreibt das Handelsblatt. Derweil wird auf Reddit darüber diskutiert, ob derartige Erschaffungen von mehr Aktien als eigentlich existieren nicht ein Zeichen von Betrug in der Hochfinanz sind.

Im Zuge des durch die Kleinanleger verursachten Börsenbebens macht sich so mancher Analyst bereits Sorgen über die Stabilität der Finanzwelt. Laut Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Markets könnte "das Thema am Ende zu einer ernsthaften Bedrohung für das gesamte Finanzsystem werden", weil eine Schieflage bei Hedgefonds zu drastischen Verwerfungen führen könne. "Da an den modernen Finanzmärkten alles eng ineinander greift, kann das Herausspringen von zu vielen Rädchen dazu führen, dass das Gesamtsystem nicht mehr richtig funktioniert", fürchtet Stanzl.

Der Anlagestratege Chris-Oliver Schickentanz von der Commerzbank sieht derweil Regulierer und die Politik am Zuge – mit dem Ziel, "manipulative Markteingriffe von Hedgefonds und einer Herde Kleinanleger gleichermaßen zu verhindern."

Wie die BBC berichtet, könnte der Kleinanleger-Schwarm inzwischen auch den Markt des Edelmetalls Silber für sich entdeckt haben. Seit Mitte vergangener Woche die Diskussionen auf Reddit aufbrandeten, ist der Preis immerhin um rund 10 Prozent gestiegen. Auch die Aktien kleinerer Minenbetreiber sowie Silbermünzen sind dem Bericht nach gerade sehr begehrt. Allerdings handele es sich auch um einen erheblich größeren Markt, der deutlich schwieriger zu bewegen sei als von Hedgefonds leerverkaufte Einzelaktien, gaben Analysten demnach zu bedenken.

Silber sei ein hochgradig manipulierter Markt, viele Banken hätten hier Shortpositionen aufgebaut und seien angreifbar, heißt es etwa in einem vielkommentierten Post der Reddit-Community r/wallstreetbets, der zum Silberkauf aufruft. Zahlreiche andere Stimmen aus der Community warnen aber inzwischen vor der Kampagne: Die entsprechenden Threads seien von Forenbots getrieben, zudem nutzten Silber-Investments eher den Hedgefonds. Nicht wenige gehen von einem Fake aus, der arglose Nutzer locken soll.

[UPDATE: 02.02.2021, 8:10]

Die Passage zur Reddit-Debatte über den Silbermarkt wurde überarbeitet, um die Zweifel aus der Community angemessen darzustellen.

(Mit Material der dpa) / (axk)