RoboCup: Der Simulator wird bleiben

Die Coronavirus-Pandemie hat auch den RoboCup verändert. Roboter kickten in Simulationen. Nun ist denkbar, dass so im Winter virtuell gespielt werden könnte.

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RoboCup 2021
Von
  • Hans-Arthur Marsiske

Die Simulationsligen, die bei RoboCup-Turnieren sonst häufig eher im Abseits ihre Spiele austragen müssen, sind die klaren Gewinner der diesjährigen Weltmeisterschaft, die größtenteils virtuell ausgetragen wurde. Mehr noch: Die Simulation als wichtiges Werkzeug der Roboterentwicklung dürfte ihre Position im RoboCup auch auf Dauer gestärkt haben.

Die Übertragung der 2D Soccer Simulation sorgte sogar für etwas Stadionatmosphäre: Die Spiele wurden mit künstlichem Jubel unterlegt, der sich der Situation des Spiels anpasste. Mit steigender Wahrscheinlichkeit eines Schusses aufs Tor wurde er lauter, erfolgreiche Aktionen wurden mit Applaus honoriert.

Der Live-Stream der 3D Soccer Simulation musste dagegen ganz ohne Geräusche auskommen, was aber durch spannende Finalbegegnungen wettgemacht wurde. Hinsichtlich der Zahl der Spieler und der Größenverhältnisse entsprechen die 2D- und 3D-Simulation als bisher einzige Ligen beim RoboCup dem menschlichen Fußball. Und mittlerweile haben auch bei den dreidimensionalen Spielen Tempo und Komplexität zugenommen.

Die Fähigkeit zu weiten Pässen und hohen Bällen erfordern zudem ein stärker durchdachtes Stellungsspiel. Den Ball quer über das Spielfeld heben zu können, macht eben nur Sinn, wenn da vorne ein Roboter steht, der ihn annehmen kann – was oft der Fall war. So konnte sich das Finale zwischen Magma Offenburg und UT Austin Villa hinsichtlich der Dramatik durchaus mit dem EM-Spiel zwischen Österreich und Italien messen – Außenseiter gegen Favorit, ständig auf der Kippe und bis zum Ende offen.

Auch das Finale der Humanoid League bewegte sich deutlich dichter am menschlichen Fußball als bisher – und das Ergebnis soll hier ebenso wenig verraten werden, um denen nicht den Spaß zu verderben, die das Spiel in voller Länge nacherleben wollen.

"Es fühlt sich für mich an wie ein Spiel mit realen Robotern", sagte ein Teammitglied von MRL-HSL, dessen Roboter sich schon in der Vorrunde durch Schnelligkeit und Robustheit ausgezeichnet hatten. Im Spiel gegen Starkit erliefen sie sich dadurch immer wieder Vorteile, zeigten aber Schwächen beim Abschluss: Ohne Not kickten sie aus zu großer Entfernung aufs Tor, sodass er vor der Linie liegen blieb. Starkit glich seine Defizite bei der Geschwindigkeit durch Beharrlichkeit und Robustheit aus. Am Ende war wohl auch ein wenig Glück im Spiel.

Oder hat womöglich gar eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters den diesjährigen Weltmeister gekürt? Während bei der parallel laufenden EM-Europameisterschaft der menschlichen Fußballer sich mittlerweile die Roboteraugen als letzte Instanz in Zweifelsfällen fest etabliert haben, wussten die menschlichen Zuschauer bei den Spielen der Humanoid League häufig nicht, warum der Roboterschiedsrichter einen Spieler plötzlich für 30 Sekunden vom Platz stellte. Das lasse sich erst nachträglich durch Überprüfen der Logfiles feststellen, sagte Jacky Baltes (National Taiwan Normal University) im Spielkommentar.

Der Simulator für die Humanoid League ist allerdings auch in nur wenigen Monaten entwickelt worden. Eine kurze Einblendung zur Erläuterung der Schiedsrichterentscheidungen dürfte zu den nächsten Verbesserungen zählen. Derzeit dauert die Simulation und Visualisierung eines Spiels von 20 Minuten etwa fünf Stunden. Was live im Internet gestreamt wurde, war daher nicht wirklich das Spiel in Echtzeit, sondern gewissermaßen die Zusammenfassung dieser Rechenarbeit – was im Vergleich zum menschlichen Fußball ein ganz neues Verständnis von "live" bedeutet.

Doch eins ist klar: Der Simulator wird bleiben. "Wir haben durch diesen Wettbewerb viele Anregungen für die Weiterentwicklung unserer Roboter gewonnen", sagte der Kommentator von MRL-HSL. Auch der Gedanke, so einen Simulationswettbewerb zukünftig alljährlich in den Wintermonaten durchzuführen, schwebte durch den Discord-Treffpunkt der Humanoid League.

(kbe)