Robophilosophie: Den Roboter domestizieren

Haustiere dienen schon seit Langem immer wieder als Vorbilder zur Gestaltung von Robotern. Auch für die Mensch-Roboter-Beziehung lässt sich einiges lernen.

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Robophilosophy: Den Roboter domestizieren

(Bild: Kiselev Andrey Valerevich / Shutterstock.com)

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  • Hans-Arthur Marsiske

Mit der Gestaltung "künstlicher Gefährten" (Companion Artifacts) beschäftigt sich die Informatikerin und Kognitionsforscherin Selma Šabanovic (Indiana University Bloomington). Sie eröffnete die Online-Konferenz Robophilosophy 2020. Seit 2014 findet diese Tagung alle zwei Jahre statt. Während anfangs das Anliegen im Vordergrund stand, die Bedeutung der Geistes- und Sozialwissenschaften für die Gestaltung sozialer Robotik hervorzuheben, habe sich der Fokus mittlerweise verschoben, betonten die Organisatoren Marco Nørskov und Johanna Seibt (Aarhus University) in ihrer Begrüßung der Teilnehmer.

Braves Roboterchen: Ein Aibo apportiert im Wettbewerb RoboCup@home 2007 in Atlanta.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Nun seien die Geisteswissenschaften gefordert zu zeigen, wie sie Ingenieuren bei der Entwicklung kulturell nachhaltiger sozialer Roboter unterstützen können. Es gehe nicht um die Philosophie der sozialen Robotik, sondern um Philosophie für soziale Robotik, nicht um einen höflichen Dialog, sondern um praktische Kooperation.

Es ist ein Wandel, der auch Šabanovic beflügelt hat, wie sie in ihrem Vortrag erklärte. Der Wandel der Industrieroboter zu sozialen Robotern habe sie fasziniert, weil auf einmal Ingenieure und Sozialwissenschaftler ganz ähnliche Fragen zu Robotern formulierten. Die Konsequenz daraus war die Gründung des Labors für Human-Robot Interaction (HRI) an der Indiana University im Jahr 2010.

Dort erforscht sie seitdem, wie es möglich ist, dass diese durch Industrie und Militär geformten Technologien sich in etwas verwandeln können, das sich um Menschen kümmert und ihnen hilft. Der Schlüssel dazu ist für sie die Ko-Evolution. Es gehe nicht nur darum, Roboter mit bestimmten Fähigkeiten zu schaffen, sagte Šabanovic. Die Menschen müssten auch befähigt werden, sie zu nutzen. Es gelte, stets die wechselseitige Beziehung von Mensch und Roboter im Auge zu behalten.

Bei der Frage, wie Menschen eine Beziehung zu etwas aufbauen können, das völlig anders ist als sie, kommen die Haustiere ins Spiel. Auch dieses Verhältnis habe sich in einer gemeinsamen Evolution entwickelt, bei der sich beide Seiten aneinander angepasst hätten. Šabanovic bezog sich dabei auf die US-amerikanische Feministin Donna J. Haraway, die knapp 20 Jahre nach ihrem berühmten "Manifesto for Cyborgs" (1985) auch ein "Companion Species Manifesto" (2003) veröffentlichte, in dem sie sich insbesondere mit Hunden beschäftigte.

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Damit vertiefte Haraway den bereits im "Cyborg Manifesto" formulierten Gedanken, dass sich die Grenzen zwischen drei bislang voneinander getrennten Bereichen zunehmen auflösten: Mensch/Tier, Organismus/Maschine, physisch/metaphysisch. Tiere wie Roboter seien, zitierte Šabanovic, im Rahmen solcher theoretischen Überlegungen immer zugleich "Kreaturen vorgestellter Möglichkeiten und Kreaturen wilder und gewöhnlicher Realität".

Roboter, die eine ähnliche Rolle wie Haustiere übernehmen sollen, müssten nicht unbedingt wie diese aussehen, sagte Šabanovic. Ein Beispiel dafür sei Paro, der nach dem Vorbild einer Robbe gestaltete Roboter, der als "emotional creature" vornehmlich in der Betreuung alter und dementer Menschen eingesetzt wird. Anfangs sei geplant gewesen, Paro die Gestalt eines Hundes oder einer Katze zu geben. Das sei aber auf Ablehnung gestoßen, weil diese Tiere den Nutzern zu vertraut waren und der Roboter daher als unvollkommene Kopie wahrgenommen wurde.

Paro-Roboter nuckeln Energie beim RoboCup 2013 in Eindhoven.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Bei einer Robbe drängten sich solche Vergleiche dagegen nicht auf, sodass die Nutzer sich unbefangener auf die Interaktion mit dem Roboter einlassen könnten, der auf Berührungen und Geräusche mit Bewegungen und Lautäußerungen reagiert. Dabei würden sich im Lauf der Zeit neue Funktionen entwickeln. So hätten Nutzer ein eigenes Heim für Paro gestaltet, ähnlich dem Körbchen für einen Hund, und hätten ihn zu besonderen Anlässen wie Ostern oder Weihnachten entsprechend geschmückt. Der Roboter diene dabei nicht nur der Pflege einzelner Personen, sondern befördere immer wieder auch die Gemeinschaft, indem er Gespräche der Menschen untereinander anrege. Solche Adaptionen entwickelten sich über Monate oder sogar Jahre und sollten, schlug Šabanovic vor, in das Design zukünftiger Roboter einfließen.

(jk)