Rundfunk: SWR setzt auf Online-Programme und schnellere Nachrichten

Immer mehr Menschen schauen nicht mehr Fernsehen wie einst, sondern in der Mediathek. Selbst Ältere ändern ihre Gewohnheiten. Der SWR zieht daraus Konsequenzen.

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(Bild: metamorworks/Shutterstock.com)

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  • dpa

Der Südwestrundfunk produziert immer mehr Programme außerhalb des klassischen Fernsehens und Hörfunks. Im Fernsehen soll es künftig schon mittags eine Nachrichtensendung geben, die aus einem Online-Angebot entstanden ist.

"Der Erfolg eines Formats hängt nicht mehr davon ab, dass es im linearen Programm läuft", sagte SWR-Intendant Kai Gniffke am Freitag in Stuttgart. Bei der Jahrespressekonferenz stellte die zweitgrößte ARD-Anstalt viele Produktionen vor, die auf Online-Plattformen wie Instagram, Facebook und YouTube zu sehen sind oder in der ARD-Mediathek.

"Viele Dokumentationen erreichen inzwischen bei uns auf YouTube Millionen-Abrufe, viel mehr Zuschauerinnen und Zuschauer dort als im klassischen Programm", sagte Clemens Bratzler, SWR-Programmdirektor Information. "Es verschieben sich tatsächlich die quantitativen Gewichte, weil sich der Medienkonsum so radikal verändert." Die ARD-Mediathek erreichte im Januar 2021 mit mehr als 170 Millionen Abrufen einen Höchstwert. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Zahl der Abrufe verdoppelt.

Um im Wettbewerb etwa mit Streaming-Anbietern wie Netflix die Nase vorn zu haben, setzt Gniffke auch auf eine engere Zusammenarbeit innerhalb der ARD. Sein Vorschlag, der SWR könne etwa über gemeinsame Direktionen mit dem Saarländischen Rundfunk (SR) sprechen, stieß beim Nachbarsender in Saarbrücken auf Ablehnung. Von anderen ARD-Intendanten habe er aber viel positive Resonanz bekommen, sagte Gniffke. "Und ich glaube, mittlerweile ist bei jedem in der ARD die Einsicht gereift: Wir können nicht immer nur warten, bis es eine Beitragserhöhung gibt, und dann machen wir alles so weiter."

Ab März sendet der SWR bereits um 14 Uhr eine erste TV-Nachrichtensendung, zwei Stunden früher als bisher. Das neue Angebot entstand aus dem "Corona-Update", einem Format, das der Sender für jüngere Zuschauer auf Facebook produziert hat. Daraus erwuchs das "SWR-aktuell-Update", eine tägliche kurze Nachrichtensendung für junges Publikum in den sozialen Netzwerken.

Für den SWR sei die neue Nachrichtensendung ein "großes Testfeld", erklärte die Landessenderdirektorin Baden-Württemberg, Stefanie Schneider: "Wir testen eine neue Ansprache, neue Produktionsweisen. Es geht vor allem darum, schneller zu werden, schneller live gehen zu können." Feedback des Publikums soll mit in die Sendung aufgenommen werden, um daraus neuen Inhalt zu gewinnen.

In einer Instagram-Serie setzt der SWR die NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die 1943 hingerichtet wurde, ins mediale Leben von heute: Wie wäre ihr Leben verlaufen, hätte sie sich in ihrem letzten Lebensjahr auf Instagram mitteilen können? "Ich bin Sophie Scholl" soll vor ihrem 100. Geburtstag am 9. Mai beginnen und täglich Inhalte anbieten. Die Rolle der Scholl übernimmt Luna Wedler (Netflix-Serie "Biohackers").

Die Dokureihe "Friederike klopft an" ist im Sommer auf Instagram und in der ARD-Mediathek zu sehen. Schauspielerin Friederike Kempter ("Tatort Münster") ist dafür aus ihrer Wahl-Heimat Berlin aufs Land zurückgekehrt, um mutige und durchsetzungsfähige Frauen zu porträtieren. Darunter eine transsexuelle Winzerin aus einem kleinen Dorf, eine Sexualtherapeutin und eine Hebamme.

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In der Dokureihe "Notaufnahme" begleitet der SWR den Alltag in einem Stuttgarter Krankenhaus. Hautnah sollen Zuschauer und Zuschauerinnen hinter die Kulissen des Diakonie-Klinikums in Stuttgart schauen können. Für die Produktion werden 70 Kameras eingesetzt, um Mediziner, Pflegerinnen und Patienten über einen Zeitraum von etwa 40 Tagen zu begleiten. Geplant ist in der zweiten Jahreshälfte 2021 zunächst eine Staffel mit sechs Folgen von jeweils 45 Minuten in der ARD-Mediathek, später im Wochenrhythmus auch im SWR Fernsehen.

(tiw)