SUSE-Börsengang

29 Jahre nach der Gründung ist der Linux-Pionier SUSE an die Börse gegangen. Der Schritt steht sinnbildlich für den Wandel von Open Source.

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(Bild: Zakharchuk/Shutterstock.com)

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  • Christian Wölbert

Der Börsengang von SUSE am 19. Mai stand unter schlechten Vorzeichen: In den Wochen zuvor waren Tech-Kurse abgerutscht, der Online-Autohändler MeinAuto hatte sein Börsendebüt deswegen sogar abgesagt. SUSE zog seinen Plan trotzdem durch und legte einen soliden Start aufs Parkett: Die Aktie lag nach den ersten Handelstagen etwas über dem Ausgabepreis von 30 Euro.

Insgesamt ist das Unternehmen nun fünf Milliarden Euro wert, mehr als doppelt so viel wie 2018, als es vom Finanzinvestor EQT übernommen worden war. Auch der Umsatz ist in den vergangenen Jahren gestiegen – auf umgerechnet rund 430 Millionen Euro. SUSE gehört damit zu den größten deutschen Software-Anbietern.

Der SUSE-Börsengang ist aber auch ein Symbol für den Wandel der Linux-Welt. Früher stand das freie Betriebssystem für einen Gegenentwurf zu Software von Konzernen wie IBM und Microsoft. Heute hat sich daraus eine Milliardenindustrie entwickelt, und die Gegner von einst setzen selbst zunehmend auf Open Source.

Gegründet wurde SUSE 1992 in Fürth als "Gesellschaft für Software und System-Entwicklung". Das Start-up übersetzte englischsprachige Linux-Distributionen, spielte diese auf Disketten und verkaufte die Datenträger zusammen mit Handbüchern, Zusatztools und einem freundlichen grünen Chamäleon als Logo. Die Zielgruppe bestand vorwiegend aus Heimanwendern. 1996 stellte SUSE eine eigene, auf Basis von Jurix entwickelte Distribution vor – sie wurde zur beliebtesten im deutschsprachigen Raum.

Chefin Melissa di Donato nennt SUSE "das größte unabhängige Open-Source-Unternehmen der Welt".

(Bild: SUSE)

Das Chamäleon ist geblieben, und die Software ist weiterhin quelloffen. Doch davon abgesehen hat das heutige SUSE kaum noch etwas mit dem alten gemein: Die neue Dachgesellschaft sitzt in Luxemburg und die Weiterentwicklung der Distribution für Privatnutzer wurde an das Projekt openSUSE ausgelagert.

SUSE konzentriert sich mittlerweile voll auf Produkte für Firmenkunden wie das Serverbetriebssystem SLES und das Desktopsystem SLED. Den Großteil des Umsatzes bringen Dienstleistungen rund um den SLES, zum Beispiel Support und Zertifizierungen.

Im Markt für Linux-Server-Betriebssysteme liegt SUSE mit nach eigenen Angaben rund 13 Prozent Anteil zwar abgeschlagen hinter dem Konkurrenten Red Hat, der rund 80 Prozent Marktanteil hält und schon 2019, vor seiner Übernahme durch IBM, mehr als drei Milliarden US-Dollar umsetzte.

Doch im Serverbereich ist Open Source insgesamt auf dem Vormarsch – nach Schätzungen von Marktforschern läuft mittlerweile auf jeder zweiten Maschine ein Linux statt Windows. Den Zukunftsmarkt Public Cloud dominiert Linux bereits: 75 Prozent der Arbeitslast werden laut Boston Consulting Group von Linux-Systemen geschultert, Tendenz steigend.

SUSE glaubt deshalb, vom Cloud-Trend profitieren zu können. Auch bei Amazon, Google und Microsoft können die Kunden SLES buchen. Der Erfolg dieses Trios wird für SUSE aber auch zur Gefahr: Cloud-Anbieter könnten auch eigene Linux-Distributionen anbieten und "dadurch direkt mit uns konkurrieren", warnt SUSE in seinem Börsenprospekt.

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Um die Abhängigkeit vom Hauptprodukt SLES zu verringern, übernahm SUSE 2020 für rund 500 Millionen US-Dollar das US-Start-up Rancher. Dieses hilft Firmenkunden beim Einsatz der – ebenfalls quelloffenen – Containerverwaltungssoftware Kubernetes. Mit der grafischen Oberfläche von Rancher kann man Kubernetes-Cluster auch über die Grenzen einzelner Cloud-Anbieter leicht einrichten und verwalten. Rancher wächst zwar schnell, ist aber noch lange kein festes zweites Standbein: 2020 lag der Umsatz bei gerade mal 37 Millionen US-Dollar, und unter dem Strich stand ein Verlust.

Auch SUSE selbst schrieb zuletzt rote Zahlen, was aber an hohen Finanzierungskosten lag. Ein Großteil der Einnahmen aus dem Börsengang fließt nun in die Tilgung von Schulden. Viel Spielraum für weitere Zukäufe bleibt deshalb nicht. Dabei müsste SUSE genau das tun, um gegen Giganten wie IBM/Red Hat oder Amazon bestehen zu können, meint IDC-Analyst Ashish Nadkarni im Gespräch mit c’t: "Sie müssen schnell – also anorganisch – wachsen, um ihr Portfolio auszubauen und eine breitere Kundenbasis anzusprechen."

Aus Sicht von SUSE ist man bereits jetzt relativ groß, wenn man nur andere Maßstäbe heranzieht: Seit einigen Jahren nennt SUSE sich das "größte unabhängige Open-Source-Unternehmen der Welt".

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(cwo)